Kolumne

Die vergessene Generation

Peter V. Kunz: «Wir Ü50 dürfen uns also nicht einfach aufgeben, sondern sollten uns energisch und optimistisch aufrappeln.» (Symbolbild)

Peter V. Kunz: «Wir Ü50 dürfen uns also nicht einfach aufgeben, sondern sollten uns energisch und optimistisch aufrappeln.» (Symbolbild)

In seiner Kolumne schreibt Peter V. Kunz, Ordinarius für Wirtschaftsrecht, über den Umgang der Gesellschaft mit den über 50-Jährigen.

In sechs Wochen werde ich 53 Jahre alt. Nun ja, nicht wirklich alt, doch ganz bestimmt nicht mehr ganz jung. Also irgendwo dazwischen, allenfalls mittelalt, sozusagen in der «Twilight-Zone» des Alterns. Anders ausgedrückt, mit meinem Alter gehöre ich zur sogenannten Generation Ü50: älter als 50 Jahre, aber jünger als 60 Jahre (die Ü60 stellen meist eher Senioren dar, also die «ältere Generation»).

Wir Mitglieder der aktuellen Ü50, so empfinde ich es persönlich, sind eine spannende Generation. Aufgewachsen in den 1960er-Jahren, waren die Achtzigerjahre unsere beste Zeit: Ronald Reagan und Maggie Thatcher, Föhnfrisuren in der Disco – selbst bei Männern – und breite wattierte Kittelschultern, Popgruppen wie Duran Duran und Kajagoogoo (für Insider: «Catch the Uhu») sowie vieles mehr.

Ja, welch wundervolle Jahre, ohne drückende Verantwortungen für die halbstarken Jugendlichen, bei denen beispielsweise «politische Korrektheit» noch nicht zum Wortschatz gehörte. Wir waren, was wir waren: meist fleissig – die «68er» waren domestiziert – und gespannt auf unsere Zukunft.

Aufstieg, Karriere und jetzt aus dem öffentlichen Bewusstsein

Das folgende Vierteljahrhundert verging wie im Flug. Wir Ü50 pflanzten uns aus Überzeugung, aus Tradition, aus Pflichtbewusstsein oder aus Versehen fort, gründeten Familien, heirateten einmal oder zweimal, liessen uns in die kommunalen Schulpflegen wählen, wurden ins Kader der Firma befördert, unterschrieben Hypotheken für das Häuschen im mehr oder weniger Grünen, übernahmen das Präsidium im Turnverein und wurden in den Verwaltungsrat der lokalen Raiffeisenbank gewählt.

Doch was ist der momentane Status? Im öffentlichen Bewusstsein sind wir die verlorene Generation oder: die vergessene Generation. Die Politik interessiert sich für die Jüngeren (Beispiele: Familienförderung sowie Bildung) und für die Älteren (Stichworte: Gesundheitswesen sowie Altersvorsorge). Und wo bleiben die Mittelälteren? Gibt es irgendeine Lobby für die Ü50, für die Generation «Nicht mehr jung, aber noch nicht wirklich tot»?

Natürlich geben wir es ungern zu, die Ü50 haben es nicht leicht. Die Fortpflanzung kommt zum wohlverdienten Ende (Meno- und Manopausen sei Dank), eine dritte Familie wird durch Alimente verhindert, und die wenig euphorisierende Funktion der Ü50 heisst: Grosselterntum; zu Ritualen werden das Einschlafen vor dem TV und der all-nächtliche Gang zur Toilette; firmeninterne Beförderungen gibt es immer seltener, denn die Ü40 stürmen und drängen heftig, ein Jobverlust ist für die Ü50 nicht selten ein ökonomisches Todesurteil; das Herz sowie die Prostata werden zum Gesprächsthema; geschiedene Ü50 sind auf dem Heiratsmarkt fast unvermittelbar; die Libido wird, was es ist: ein Fremdwort, und die Potenz tendiert zum Fallen statt zum Steigen. Zusammenfassend geht es beruflich, privat, sozial und gesundheitlich bei vielen Ü50 schlicht bergab.

Dem neuen Lebensabschnitt kann man auch aktiv begegnen

Weihnachtszeit – besinnliche Zeit – depressive Zeit? Nein, denn eigentlich geht es uns Ü50 nicht ganz so schlecht. Sturm und Drang werden durch zunehmende Gelassenheit und ein zufriedenes Insichruhen ersetzt, und das ist bequem (ehrlich gesagt: schön). Allerdings dürfen sich die Ü50 nicht einfach fallen lassen.

Nach meinem 50. Geburtstag habe ich meinen Le-bensmotor fast abgewürgt und schon meine Emeritierung (für das Jahr 2030!) zu planen begonnen – ein völliger Blödsinn. Wir Ü50 sind noch mehr als ein Jahrzehnt «voll im Saft», und wir sollten entsprechend leben. Herausforderungen, wie etwa die Digitalisierung oder die Globalisierung, treffen gerade die Ü50 besonders hart, machen wir also das Beste daraus. Anfang Jahr sagte mir meine Ehefrau ins Gesicht, ich sei langweilig, alt und dick geworden (sie kann wirklich brutal direkt sein, hatte indes – leider – recht).

Am Alter konnte ich trotzdem natürlich nichts ändern, ich wurde seither ein knappes Jahr älter. Doch immerhin habe ich mehr als 20 Kilogramm abgespeckt, durch Alkoholreduktion, gesünderes Essen, Treppensteigen etc. Wir Ü50 dürfen uns also nicht einfach aufgeben, sondern sollten uns energisch und optimistisch aufrappeln. Es ist nie wirklich zu spät, und zum Trost, sollten alle Stricke reissen: Es gibt anscheinend zahlreiche «Ü50 Partnerbörsen» sowie «Ü50 Partys». In diesem Sinne wünsche ich den Leserinnen und Lesern meiner kleinen Kolumne frohe Festtage und ein tolles 2018 – nicht allein den Ü50, sondern allen «Ü0»!

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