Das Verpassen der WM ist das Beste, was dem italienischen Fussball passieren kann. Gewiss auch bedauernswert. Denn eine WM ohne Italien ist wie ein Ei ohne Dotter – da fehlt was. Und berührend ist das alles natürlich auch. Allein schon, wenn man in das weinende Gesicht von Torhüterlegende Gigi Buffon schaut. Aber zu einem tränenreichen Drama hätte sich Buffons Abschied aus der Squadra Azzurra auch entwickelt, wenn Italien an der WM in Russland ausgeschieden wäre.

Der einzig standesgemässe Abschied für Buffon nach 20 Jahren im Tor der Italiener wäre jener mit dem WM-Pokal in den Händen. Aber das ist für Italien etwa so wahrscheinlich wie die Wahl eines Protestanten zum Papst – selbst wenn Italien die Barrage-Hürde Schweden übersprungen hätte. Nein, Italien hat sein liebstes Spielzeug an die Wand geschmissen. Zersplittert liegt es am Boden. Eine Katastrophe, ein Weltuntergang. Aber nur, wenn sich keiner findet, der das Teil wieder repariert.

Die Gefahr besteht auch jetzt, dass wieder nur der Pinsel statt die schweren Geräte zur Hand genommen werden. Nur: Übertünchen allein, auch wenn sie das in Italien meisterhaft beherrschen, reicht heute nicht mehr. WM 2010 – Aus nach der Gruppenphase. WM 2014 – Aus nach der Gruppenphase. Übertüncht durch den EM-Finaleinzug 2012.

Furbizia, sich durchmogeln. Hier verpönt. In Italien aber wird verhöhnt, wer kein Furbacchione ist. Die Steuerbehörde oder den Arbeitgeber zu bescheissen, ist so etwas wie ein Volkssport. Charmante Schlingel halt, unsere italienischen Freunde. Aber irgendwann liegt die Rechnung für Schlaumeiereien auf dem Tisch. Im Fussball seit gestern.

Das azurblaue Gewand ist mit vier WM-Titeln dekoriert. Doch der Blick hinter diese pompöse Hülle ist kein schöner. Es ist das Bild eines fetten, genügsamen und ungepflegten Couch-Potato. Was solls: Das Bier, die Chips, die Fernbedienung - alles in Griffweite. Aber das ist kein Leben. Nicht für Italien, wo der Fussball trotz allem zum Alltag gehört wie der Espresso am Morgen.

Die Treibjagd ist eröffnet. Gian Piero Ventura (69), Commissario tecnico, tänzelt schon längere Zeit im Fadenkreuz. Argwohn erfährt er schon bei seiner Nomination vor eineinhalb Jahren – weil er der billigste Nationaltrainer seit einer gefühlten Ewigkeit ist. Also eine Armuts-Wahl. Später hiess es, er versuche sich mit den Ideen durchzuwursteln, die er bei den Aussenseiter-Teams in Pisa, Messina, Bari und Turin angewandt hat. Also ein Provinz-Trainer. Und nun heisst es, Ventura habe keinen Plan, übertrage seine eigene Ideenlosigkeit auf die Mannschaft, weil man selten ein ärmlicheres, langsameres und ideenloseres Italien gesehen hat. Also ein Ahnungsloser.

Trainer Gian Piero Ventura

    

Ventura ist als Nationaltrainer wohl bald Vergangenheit. Auch wenn sein Vertrag vor einigen Wochen bis 2020 verlängert worden ist. Carlo Ancelotti, im September beim FC Bayern München entlassen, wird als möglicher Nachfolger gehandelt. Ein grosser Name. Aber eine Rochade auf der Trainerbank ist lediglich Kosmetik und verwandelt Italien nicht in eine zeitlos betörende Braut.

Wenn gerade Krise herrscht, sucht und findet man die Lösung meist bei der Jugend. Dann heisst es: Unsere Nachwuchsarbeit entspricht nicht mehr den Standards - wir müssen mehr in die Jugend investieren. Tönt vernünftig. Schliesslich gibt es über Sinn und Unsinn von Jugendförderung kaum je zwei Meinungen.

Nur: Ist es wirklich so, dass die italienische Jugend nur noch virtuell und nicht mehr real Fussball spielen mag? Und fehlt es den jungen Italienern tatsächlich an Talent? Um jegliche Vorurteile auszuräumen: Die italienische Nachwuchsarbeit ist nicht so desolat, wie von jenen behauptet wird, die sich nun um ein Alibi für das Schweden-Desaster bemühen. Die U21 hat an der diesjährigen EM den Halbfinal und zwei Jahre zuvor den Final erreicht. Und die U19 wurde letztes Jahr Vize-Europameister.

Das Problem liegt weniger in der Nachwuchsarbeit, als im System des italienischen Fussballs, in den Denk- und Handlungsmustern ihrer Macher bei den Klubs. Diese lieben es zu dealen, zu spekulieren. Grundsätzlich ist dabei nichts auszusetzen. Nur geht es den Managern weniger um Nachhaltigkeit als um das schnelle Geld. Die Folge: Die Spieler werden wie auf dem Brett hin und hergeschoben, die Kader sind aufgebläht, junge Italiener haben kaum Einsatzchancen bei jenen Klubs, die im Europacup engagiert sind.

Beispiele? Antonio Candreva, seit einigen Jahren unbestrittener Nationalspieler, wurde in den letzten 10 Jahren zwischen sieben Klubs hin- und hergeschoben. Oder: Es gibt in dieser Saison Partien, in denen bei der AS Roma lediglich ein Italiener in der Startformation steht. Für die Squadra Azzurra werden aber regelmässig vier Spieler der AS Roma aufgeboten. Oder: Federico Bernardeschi. Das 23-jährige Supertalent ist in der letzten Saison die dominante Figur bei Fiorentina, wechselt im Sommer zu Juventus und wird dort zum Hinterbänkler degradiert.

Antonio Candreva

      

Wenn das Scheitern die längst überfällige Reform auf allen Ebenen des italienischen Fussballs beschleunigt, sich durchzumogeln zum No-go erklärt wird, kann der 13. November 2017 doch noch als guter Tag in die Geschichte eingehen.

françois.schmid@azmedien.ch