Stand heute ist der Begriff «Stand heute» möglicherweise die beliebteste Sprachmarotte der Gegenwart. Wir hören sie immer öfter bei Pressekonferenzen aus dem Politik- oder Wirtschaftsmilieu. Besonders beliebt ist die Redeweise jedoch beim Sport, was dazu führt, dass sie nun während der Fussballweltmeisterschaft Hochkonjunktur hat. «Stand heute können wir mit den besten elf Spielern auflaufen!», oder «Stand heute ist Deutschland alles andere als unschlagbar!», sagen Fussballtrainer im Wissen, dass «Stand heute» morgen schon «Stand gestern» sein könnte.

Aber die Sprache kennt kein «Stand gestern» und kein «Stand morgen», sie kennt nur dieses trendige und gleichzeitig simple «Stand heute», das besagen will, was heute Gültigkeit habe, sei möglicherweise morgen schon Makulatur. So war die Erde Stand gestern eine Scheibe und ist Stand heute eine Kugel, wobei das «Heute» in diesem Fall schon eine ganze Weile andauert.

Interessanterweise haben Sprachmoden die Tendenz, in Bereiche einzudringen, in denen sie gar nichts verloren haben. So geht zuweilen vergessen, dass das Wortpaar «Stand heute» bloss eine Verkürzung der Aussage «Nach heutigem Stand des Wissens» ist. Deshalb klingt es eigenartig, wenn Fussballer beispielsweise sagen, «Stand heute kann ich diese Frage nicht beantworten» oder «Stand heute gibt es nichts mehr zu sagen». So ein Satz ist keinesfalls korrekt. Es gibt nämlich, wie wir täglich erfahren, immer etwas zu sagen, gerade im Fussball und gerade an einer Weltmeisterschaft.

Allerdings sind die üblichen Fussballplattitüden ungefähr das genaue Gegenteil der Floskel «Stand heute». Denn «Stand heute» impliziert, dass die gemachte Aussage spezifisch ist und nicht allgemein. Man könnte demnach schwerlich sagen: «Stand heute ist der Ball rund» oder «Stand heute fängt jedes Spiel mit 0:0 an», handelt es sich doch gerade bei solchen Äusserungen um Binsenwahrheiten, die über einen konkreten Tag hinausweisen und deshalb auch nach Jahrzehnten aus der sprachlichen Mottenkiste geholt werden dürfen, was bekanntlich auch ständig passiert.

Eigenartig wirkt die Aussage «Stand heute» freilich auch bei Fragen, welche die Zukunft betreffen. Nicht selten sagt ein Trainer oder ein Mannschaftsarzt, wenn er nach dem Gesundheitszustand eines Spielers gefragt wird: «Stand heute wissen wir nicht, ob er am Sonntag wird spielen können.»

Was will ich bei so einer Information als Nachrichtenkonsument mit «Stand heute» anfangen? «Stand heute» interessiert mich am allerwenigsten, wenn es um ein Ereignis in der Zukunft geht. Es interessiert mich besonders dann nicht, wenn ich annehmen darf, dass die Unwissenheit des Augenblicks von einer Gewissheit in der Zukunft verdrängt werden wird. Ich weiss also «Stand heute» mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, dass spätestens «Stand am Spieltag» oder – um es genauer zu sagen – «Stand mit Spielbeginn» klar sein wird, ob der erwähnte Spieler spielen kann oder nicht.