Wenn sich die meisten Fachleute, die Schweizerische Nationalbank (SNB), der Bundesrat, der Schweizer Tourismus, viele Industrievertreter und somit auch die öffentliche Meinung in etwas einig sind, dann: Der Franken ist überbewertet, und das ist ganz schlecht. Das schadet dem Wirtschaftsstandort Schweiz, Betriebe können ihre Produkte nicht mehr konkurrenzfähig im Ausland verkaufen. Müssen auslagern oder die Bude schliessen. Arbeitnehmer verlieren ihre Stelle, Familien werden ins Elend geworfen, Lohndruck entsteht, Rezession droht, das Ende einer glücklichen und prosperierenden Schweiz ist nahe. Daher kann es nur einen Ausweg geben: Der Franken muss runter. Schön, dass er das im Moment tut.

Die SNB hat 2015 die Verteidigung der Untergrenze zum Euro aufgegeben, seither hätten wir den Salat. Nur gut, dass die SNB weiterhin Stützungskäufe tätigt. Macht doch nichts, dass sie mit mehr als 700 Milliarden in Fremdwährungen, vor allem in Euro, inzwischen einer der grössten Hedgefonds der Welt geworden ist. Schliesslich kann die SNB Geld aus dem Nichts schöpfen, ein Aufpumpen der Bilanz um das Siebenfache seit der Finanzkrise eins sei kein Anlass zur Beunruhigung, und sollte der Euro etwas schwanken, entstünden daraus ja nur Buchverluste. Ein typischer Fall für «Framing». Man wiederholt das Gleiche so oft, dass sich in die öffentliche Meinung die Assoziation einbrennt: «Franken? Der ist überbewertet, und das ist schlimm.»

Nehmen wir Kontakt mit der Realität auf. Woran erkennt man, dass eine Währung überbewertet ist? Die Exporte brechen ein, weil die Produkte in anderen Währungsräumen zu teuer sind. Die Realität: die Schweizer Exporte haben im ersten Halbjahr 2017 einen neuen Rekord aufgestellt. 109,6 Milliarden, 4,6 Prozent mehr als im Vorjahr, die tonangebende Pharma-Industrie freute sich sogar über ein Plus von 7 Prozent. Tut nichts zur Sache, der Franken ist überbewertet, das ist furchtbar.

Flächendeckend gehen Schweizer KMU pleite, die Arbeitslosenzahlen steigen rasant, Fachkräfte wandern massenhaft ins Ausland ab, weil sie hierzulande keine Stelle mehr finden? Die Realität: die Konkurse halten sich im üblichen Rahmen, die Arbeitslosenquote hat von Januar bis Juni 2017 von 3,7 auf 3,0 Prozent (nach Seco) abgenommen. Es wird allenthalben über Fachkräftemangel geklagt, jede dritte Firma in der Schweiz bekundet Mühe, gelerntes Personal zu rekrutieren. Tut nichts zur Sache, der Franken ist überbewertet.

Es gibt also kein einziges Anzeichen dafür, dass der Schweizer Franken tatsächlich überbewertet ist. Es gibt aber sehr viele Anzeichen dafür, dass der Franken in den letzten Jahren nicht stärker geworden ist, sondern andere Währungen, vor allem der Krisen-Euro, schwächer. Das Resultat mag oberflächlich betrachtet das gleiche sein, aber es macht einen gewaltigen Unterschied, ob der Franken dank Stabilität und Sicherheit seinen Wert behält, während vor allem der Euro dank Krisen aller Orten und dem fatalen Geldpumpen durch die Europäische Zentralbank an Stabilität, Sicherheit und Vertrauen verliert.

Mit der Leistungsbilanz misst man die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft, die Zahlungsbilanz misst den Saldo aller wirtschaftlichen Transaktionen mit dem Ausland. Im ersten Quartal 2017 gab es einen Überschuss von 11,1 Milliarden Franken, 3,1 Milliarden mehr als im Vergleichsquartal des Vorjahres. Die Schweiz ist, gemessen am BIP, Weltmeister beim Leistungsbilanzüberschuss, vor Deutschland.

Also ist der Franken nicht überbewertet, also sind die aktuellen Wechselkurse nicht schlimm, also gibt es kein Problem? Doch, ein gewaltiges, aber ein ganz anderes, als es gebetsmühlenartig von Fachleuten und einigen Wirtschaftsführern und auch der SNB wiederholt wird. Unabhängig von kleineren Schwankungen, unabhängig davon, ob der Euro oberhalb oder unterhalb von Fr. 1.10 liegt: Das geradezu verbrecherische und zudem wirkungslose Gelddrucken der EZB in der Höhe von 60 Milliarden Euro pro Monat, wobei kein Ende abzusehen ist, wird mit amtlicher Sicherheit dazu führen, dass der Franken an Tauschwert gewinnen wird. Nun kann die SNB nicht einfach ihre gewaltigen Euroreserven abstossen, damit würde sie selbst den Franken nach oben pushen.

Dafür gibt es leider tatsächlich keine Lösung, ausser die Aufgabe freier Wechselkurse insgesamt oder die Einführung einer elektronischen Zweitwährung, am besten in Form von Blockchain. Mittelfristig gesehen ist klar: Der Franken wird, muss im Wert steigen. Umso mehr die SNB interveniert, umso mehr wird sie verlieren, das ist alternativlos.