Analyse

Die Konfliktunfähigen

«Ich möchte Wirkung erzeugen»: Gottfried Locher, der oberste Reformierte der Schweiz.

«Ich möchte Wirkung erzeugen»: Gottfried Locher, der oberste Reformierte der Schweiz.

Unter der Oberfläche der Kirchenwelt brodelt es. Eine Analyse zur fehlenden Streitkultur in der reformierten Kirche.

Im Juni wird der exponierteste Job bei den Schweizer Reformierten für vier weitere Jahre besetzt: der Präsidentenstuhl beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK), dem Zusammenschluss der reformierten Landeskirchen. 

Im Vorfeld der Wiederwahl von Gottfried Locher – es zweifelt niemand daran, dass der rührige 51-jährige Berner Theologe im Amt bestätigt wird – brodelt es unter der Oberfläche der Kirchenwelt. Manche nehmen Locher manches übel: seinen Umgang mit Frauen etwa, seinen Umgang mit Spesen, seine Machtverliebtheit. Es gibt Leute, unter ihnen Frauen, die fühlen sich verletzt und betrogen, nach wie vor auch wegen umstrittener und provokativer Aussagen zur Sexualität, die der amtierende SEK-Präsident vor vier Jahren in einem Buch machte. 

Die «Schweiz am Wochenende» hat den Konflikt in einem Interview mit Locher kürzlich thematisiert; dieser hat sich den Fragen gestellt und sie beantwortet. Wer aber gehofft hatte, das Interview werde zum Ausgangspunkt für eine Debatte über die reformierte Kirche und ihr höchstes Personal, der hat sich gründlich getäuscht. Die öffentliche und offene Replik aus der Kirche zu Locher blieb aus. Das ist bezeichnend für die momentane Debattenkultur der Protestanten: Es ist eine Debattenunkultur. Hinter den Kulissen aber schwelt der Konflikt weiter.

Versteckt und verdeckt

Es zeigte sich in den Tagen und Wochen nach dem Interview verstärkt, dass in Teilen der reformierten Kirche vieles versteckt und verdeckt abläuft. Man ist nicht bereit oder in der Lage, sich offen zu äussern oder die eigene Position öffentlich zu vertreten. Dabei sind allseitig Unsicherheit und unterdrückte Wut zu spüren, viel Härte und sogar Verachtung. Und dies in einem Ausmass, das Aussenstehende nicht erwarten würden. Erst recht nicht in einer Landeskirche. 

Manche interne Kritiker äussern sich gerne über tatsächliche oder angebliche Missstände an der Kirchenspitze – nicht nur beim SEK, sondern auch bei gewissen kantonalen Landeskirchen. Aber dies geschieht nur anonym und in der offen formulierten Erwartung und Hoffnung, die weltlichen Medien lösten das Problem. Dabei müssten beispielsweise auch Frauen, wenn sie denn Probleme mit der Haltung des Kirchenführers haben, hinstehen und diesen direkt und offen zur Rede stellen. Nur so ist Klärung und Klarheit möglich. 

Umgekehrt schaltet in der Kirche die kritisierte Seite sehr schnell einen Anwalt oder einen Kommunikationsberater ein oder beides. Es reicht, dass die «falschen» Fragen gestellt werden. Das geschah konkret im Fall von Gottfried Locher und seines Kirchenbundes. Der Hintergrund ist klar: Kirchenobere sehen sich als Opfer von internen Machtkämpfen und Intrigen, als Zielscheibe von Rachefeldzügen und schiessen mit grobem Geschütz zurück.

Kirchenmedien schweigen aus Angst

Die Kirchenmedien, durchaus mit kritischem und klugem Personal besetzt, wagen es oft nicht, die für sie sehr gut sichtbaren Problemfelder zu beschreiben. Aus Angst, dass ihnen bei unbotmässiger Berichterstattung die Mittel abgestellt werden. Denn wer derartige Konflikte thematisiert, gilt als Störenfried und Nestbeschmutzer. Die Angst vor Jobverlust ist allgegenwärtig. Gegen aussen soll die Kirche ein harmonisches und friedliches Bild abgeben, auch wenn es intern noch so brodelt. 

Das Unterdrücken von Debatten ist indessen nicht ein Zeichen von Stärke, sondern von Schwäche. Der reichen und wohl etwas verwöhnten reformierten Kirche laufen die Mitglieder immer noch in Scharen davon. Erstaunt das noch jemanden? Die scheinbar heile Welt, diese fast verkrampfte Profillosigkeit, das in gewisser Weise heuchlerische Unterdrücken von Debatten, zieht also nicht. Ganz im Gegenteil. 

Die reformierte Kirche ist gut beraten, ihre internen Konflikte offen und ehrlich auszutragen. Die Protestanten brauchen wieder eine Streitkultur. Das braucht etwas Mut, weil man selbst hinterfragt wird und weil einiges neu gemacht werden muss. Aber nur eine debattenfreudige und sich hinterfragende und erneuernde Kirche ist eine lebendige und attraktive Kirche.

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