Gastkommentar

Die Bundesratsreise 2019 ist inspiriert von einer Botschaft

Der Ägyptische Investor Samih Sawiris.

Der Ägyptische Investor Samih Sawiris.

Das diesjährige «Bundesratsreisli» führt die Magistraten nach Andermatt – «einen unwahrscheinlichen Ort». Mit diesem euphorischen Ausdruck beschrieb vor ein paar Tagen die «Frankfurter Allgemeine» den Ort im Kanton Uri. Der Lobgesang fand im Kulturteil statt – und nicht auf den Wirtschafts- oder den Reiseseiten; damit lag das Weltblatt richtig: Andermatt entwickelt sich zu einem das ganze Jahr über «geöffneten Ort» – für Sportler genauso wie für Musikfreunde und Müssiggänger. Und gleichzeitig bewahrt sich Andermatt seine alpine Ursprünglichkeit.

Hochwertige, profilierte Hotel-Architektur wertet in Andermatt die Landschaft auf – das ist die eine Seite des Erfolges. Ausserordentliche Hotel-Architektur lockt Individual-Reisende an, die bereit sind, einen Übernachtungspreis zu berappen, der es erlaubt, Saläre für erstklassig ausgebildete Frauen und Männer zu bezahlen – in Küchen, Restaurants, Empfangshallen und Hotelzimmern. Das Modell Andermatt bildet damit einen betriebswirtschaftlichen Kontrapunkt zum billigen Massentourismus, der auf hohe Übernachtungszahlen starrt und mit Billig-Angeboten versucht, konkurrenzfähig zu bleiben. Der volkswirtschaftliche Mehrwert von Billig-Touristen im Hochpreisland Schweiz tendiert logischerweise gegen null.

Ein anspruchsvolles Gäste-Publikum verlangt allerdings nach adäquater Architektur – und gleichzeitig unberührter Natur. Andermatt beweist, dass diese Art von Tourismus ein unternehmerisches Gesamtkonzept voraussetzt: Bergtourismus und damit Gastwirtschaft sind zu anspruchsvoll, um sie Baumeistern und Immobilienhändlern zu überlassen. Andermatt hatte hingegen das Glück, von einem echten Unternehmer wachgeküsst zu werden. Mit seiner Reise nach Andermatt hilft der Bundesrat mit, diese Art von Tourismus-Entwicklung in den Mittelpunkt zu rücken.

Der Ägypter Samih Sawiris revitalisierte vor fast 20 Jahren mit seinem Gründer-Geist einen sterbenden Ort: Er betätigte sich als Unternehmer und «Developer» einer gesamten Region. Dank Planung und Umsetzung aus einer Hand legte er die Grundlage für den Aufstieg. Mittlerweile gilt das Dorf am Gotthard als Beispiel, wie sich Bergtourismus entwickeln müsste. Die Entscheidung von Bundespräsident Maurer, seine Regierungskollegen nach Andermatt zu führen, kommt deshalb einem Ritterschlag für Sawiris gleich – und einem Weckruf für den ganzen Alpenraum: Konzentration auf höchste Qualität an gewissen Orten und Rückzug von allem Durchschnittlichen. Nur so werden wir auch unserer ökologischen Verantwortung gerecht.

Selbstverständlich gibt es auch in Andermatt Zweitwohnungen mit geschlossenen Rollläden, welche die Attraktivität und damit die Konkurrenzfähigkeit eines Ferienortes beeinträchtigen. In Andermatt stimmt aber das Verhältnis zwischen profilierter Hotellerie und Zweitwohnungen, die sich an anderen Orten der Alpen metastasenartig ausgebreitet haben und damit den Reiz der Landschaften zerstören.

Der «unwahrscheinliche Ort» hat jetzt noch einen spektakulären Konzertsaal bekommen, der vor ein paar Tagen durch die Berliner Philharmoniker eingeweiht wurde: Der Auftritt dieser Musiker illuminiert den globalen Entwicklungsschritt des Dorfes: Der ägyptische Unternehmer setzte dank seiner Art, gross zu denken, das abgelegene Andermatt auf die Weltkarte des Tourismus – wenige Stunden von Mailand oder Frankfurt entfernt.

Sawiris passt aber auch zur Wirtschaftsgeschichte unseres Landes: Viele erfolgreiche Unternehmen – von Nestlé über SGS bis zu IWC – wurden durch findige Ausländer gegründet – bisweilen auch gegen den Widerstand einheimischer Klientelwirtschaft. Mit seinem Besuch in Andermatt setzt der Bundesrat noch ein anderes Zeichen – über den Kanton Uri hinaus: Kultivieren wir die Fähigkeit, profilierte Unternehmer wirken zu lassen, auch wenn sie einen anfangs erschrecken oder Ausländer sind. Diese Fähigkeit macht uns stark. Sawiris hat den bundesrätlichen Ritterschlag verdient!

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