Das Aufatmen in der Wirtschaft ist gross. Der Schweizer Franken hat sich gegenüber dem Euro in den vergangenen Wochen abgeschwächt. Der Kurs hat sich bei rund 1.15 eingependelt. Zu den Gründen für diese Entwicklung gibt es verschiedene Erklärungen. Sicher ist, dass sich die Aussichten in Europa – oder genauer in der Eurozone – nach den Wahlen in Frankreich stark verbessert haben. Möglicherweise spielen auch Devisen-Spekulationen – Carry Trades – eine Rolle. Inwiefern auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) mit Interventionen ihrerseits mithilft, ist offen. Gut möglich, dass sie Fremdwährungsbestände abbauen konnte. Darauf weisen die wöchentlich erhobenen Sichteinlagen von Bund und Banken bei der Notenbank hin. Sicher ist, dass der Euro-Franken-Kurs in den vergangenen Jahren stark von den Entwicklungen des Euros und nicht des Frankens bestimmt worden ist: Die Schweiz litt also eher unter der Euroschwäche als unter einer Frankenstärke. Was die weitere Entwicklung betrifft, gibt es grosse Unterschiede bei den Prognosen. Einzelne Banken rechnen schon mit einem Kurs von 1.20, andere mit einer Abschwächung auf 1.12.

Starker Franken ist ein Spiegelbild unserer gut gehenden Wirtschaft

Schaut man sich die längere Zeitreihe an, zeigt sich ein deutliches Bild, das jedoch nicht allen gefallen wird. Der Franken hat sich gegenüber dem Euro respektive gegenüber seinen Vorgängerwährungen stets aufgewertet. Die Entwicklung seit den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts verlief nicht immer linear, sondern schrittweise. Doch die Tendenz ist klar. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass die Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern tiefer verschuldet ist, dass die Bevölkerung vermögender ist und dass es der Wirtschaft sehr gut geht. Kommt hinzu, dass der Franken in Krisenzeiten für Anleger aus aller Welt zur Fluchtwährung wurde. Diese Krisen, wie zuletzt die Eurokrise, führen zu Ausschlägen, von denen sich der Kurs in den darauffolgenden Jahren kaum erholt hat. Diesem Sog konnte sich die SNB in den vergangenen Jahren nicht entziehen. Und sie wird es wohl weiterhin nicht. Auch wenn der faire Wechselkurs heute immer noch bei 1.25 liegt, schafft es die SNB nicht, den Franken so stark zu schwächen.

Ein neuer Mindestkurs zum Euro, wie er die Gewerkschaften erneut fordern, würde also nur kurzfristig helfen. Es würde für die SNB enorm teuer. Die Spekulanten wissen ja jetzt, dass die Notenbank nicht ewig bereit wäre, diesen Kurs durchzuhalten. Kommt ein weiterer Punkt hinzu: Auch ohne Mindestkurs hat es die Schweizer Wirtschaft geschafft, sich den neuen Gegebenheiten schnell anzupassen. Ausser dem Detailhandel, der unter dem Einkaufstourismus leidet, geht es derzeit praktisch allen Branchen wieder gut. Ja selbst die Hoteliers verzeichnen wieder mehr Touristen aus dem Ausland – trotz dem starken Franken. Gestern wurde bekannt, dass die Arbeitslosigkeit bei drei Prozent verharrt. Auch im Vergleich zum Vorjahr zeigt sich trotz des starken Frankens eine deutliche Entspannung auf dem Arbeitsmarkt. Ketzerisch kann deshalb Folgendes gesagt werden: Vielleicht war es sogar rückblickend ein Fehler, dass die SNB überhaupt einen Mindestkurs zum Euro beschloss. Hatte sie unter dem damaligen Direktor Philipp Hildebrand vorschnell einem politischen Druck nachgegeben?

Lohnforderungen der Gewerkschaften blenden Tatsachen aus

Von einer normalen Situation sind wir aber noch weit entfernt. Noch herrscht der geldpolitische Ausnahmezustand. Die Europäische Zentralbank pumpt weiterhin Milliarden Euros in den Markt. Negativzinsen sind eine Tatsache. Und so schnell wird sich das nicht ändern. Trotz der leichten Inflation in der Eurozone und den guten Prognosen für die Wirtschaft in der Schweiz. Die Forderungen der Gewerkschaften nach mehr Lohn sind deshalb verständlich. Sie blenden aber aus, dass bei einer negativen Teuerung, wie wir sie in den vergangenen Jahren gehabt haben, die Arbeitnehmer, deren Löhne kaum oder nur wenig angewachsen sind, besonders stark profitiert haben. Zwar haben die Werktätigen hierzulande mit Arbeitszeitverlängerungen und einem jahrelangen Verzicht auf Lohnerhöhungen ihren Teil zum Aufschwung beigetragen. Doch sie haben gleichzeitig dank den tiefen Preisen, den tiefen Zinsen, eines faktischen Mindestlohnes und des starken Frankens von der Krise unserer europäischen Nachbarländer stark profitiert.