Gastkommentar

Das Erfolgsmodell Schweiz ist mehrsprachig – und muss es bleiben

Thomas KesslerDer Autor führt ein Beratungsunternehmen mit Schwerpunkt Migration, Integration und Sicherheitsfragen. Thomas Kessler ist Mitglied des Publizistischen Ausschusses der CHMedia.

Thomas KesslerDer Autor führt ein Beratungsunternehmen mit Schwerpunkt Migration, Integration und Sicherheitsfragen. Thomas Kessler ist Mitglied des Publizistischen Ausschusses der CHMedia.

In Zeiten, in denen das Corona-Virus alles durcheinander wirbelt, gilt noch immer: Sprachenkenntnisse, Bildung und Freundschaften sind krisensicher

In Krisen trennt sich die Spreu vom Weizen. Es gibt Zeitgenossen, die kurioserweise Massenware hamstern und sogar Schutzmasken klauen, aber erfreulich viel mehr engagieren sich sozial und mit Bürgersinn. In der Grundversorgung leisten alle ausserordentliches. In Seuchenzeiten gibt es zwangsläufig das "reduce to the max". Die Konzentration auf das Wesentliche passiert im lauen Wohlstand ja selten, letztes Jahr stiegen die Verkäufe der SUV und Flugtickets trotz Klimadebatte auf Rekordwerte. In diesen Tagen werden die Reduktions-Appelle allerdings weit übertroffen, das öffentliche Leben, Mobilität und Wirtschaft sind radikal minimiert.

Reduzierung auf Englisch und Verzicht aufs Französisch - eine Banalisierung

In solchen Zeiten ist die Besinnung auf das Grundlegende angezeigt - das krisensichere Bildungs- und Sozialkapital. Doch kürzlich hat diese Zeitung bekannt gemacht, dass in der kaufmännischen Ausbildung das Pflichtfach Französisch zum freiwilligen Nebenfach abgewertet werden soll. Und so de facto zwei Drittel der Absolventen lediglich noch Englisch lernen sollen. Der Vorteil der Mehrsprachigkeit würde mit dieser Banalisierung aus der Hand gegeben und der Zugang zu den lateinischen Kultur- und Weltsprachen einer kleinen Schar von freiwillig Motivierten zugestanden. Diese Erosion könnte im schlechten Sinn für weitere Ausbildungsgänge Schule machen.

Der Verzicht auf diesen Vorteil in der Welt ist mehrfach falsch. Staatspolitisch sowieso, der Erfolg der Schweiz besteht darin, dass wir untereinander in Landessprachen kommunizieren können, dadurch Zugang zu verschiedenen Kulturen haben und die Respektierung von Anderen und Minderheiten bereits im Schulalter einüben. Im Wirtschaftsleben macht die Mehrsprachigkeit oft den entscheidenden Unterschied aus. Global-English als lingua franca wird praktisch überall gesprochen, nicht aber die Muttersprachen der Kunden aus der grossen lateinischen Welt. Stets höre ich bei meinen Arbeitsreisen, dass gerade deshalb die Dienstleistungen der Schweizer Unternehmen geschätzt werden - wegen der Kommunikation in der Muttersprache, - und der Zuverlässigkeit.

Falsch ist auch die Beschränkung auf sogenannte Kompetenzen. Selbstverständlich muss man handwerklich up to date sein. Breite Bildung ist aber grundlegender. Um andere zu verstehen, mit ihnen leben und arbeiten zu können, muss man zuerst wissen, wie die eigene Geschichte aussieht und die vielfältige Schweiz funktioniert. Diese Anstrengung lohnt sich privat wie beruflich. Kenntnisse der 26 Kantone, unzähligen lokalen Traditionen und vier Landessprachen sind der ideale Bildungshintergrund für das Verstehen der Nachbarn und der Welt.

Französisch ist nicht einfach die Sprache der Welschen, sondern der Zugang zu einer reichen Kultur und zu 300 Millionen Menschen in fünf Kontinenten. In 29 Ländern ist es Amtssprache, 2050 werden 700 Millionen Französisch sprechen.

Unsere zweite romanische Landessprache Italienisch wird im Tessin von 255 000 Menschen gesprochen, in Graubünden von 33 000, über die Migration in allen Schweizer Ortschaften und weltweit von 80 Millionen. Die Sprache der Oper und Literatur öffnet wie Französisch den Zugang zu den weiteren romanischen Sprachen - zu den Weltsprachen Spanisch (570 Millionen) und Portugiesisch (220 Millionen) sowie zu Rumänisch (30 Millionen).

Italienisch öffnet auch den Zugang zu unserer Sprachen-Perle - dem wunderschönen Rätoromanisch mit seinen Idiomen Sursilvan, Sutssilvan, Surmiran, Puter, Vallader und Jauer. Diese zu lernen ist zwar eher ein Projekt fürs Rentnerleben, doch mit Italienisch versteht man sie weitgehend. Und die Nachrichten auf Rätoromanisch sind ein Hörgenuss.

Rätoromanisch ist seit 1938 die offizielle vierte Landessprache, per Volksabstimmung mit 92 Prozent Ja beschlossen - als deutliches Zeichen für Einheit in Vielfalt und gegen die Okkupationsgelüste des faschistischen Duce.

Die Bereicherung erhalten

Diesen kulturellen Schatz im eigenen Land müssen wir den Menschen in Ausbildung erschliessen, er bereichert das ganze Leben. Am besten mit Ausbildungsjahren im Welschen oder der italienischen Schweiz, mit neuen Bekanntschaften. Mit jeder Sprache gewinnt man eine weitere Seele. Alle Sprachräume sind übrigens von Basel oder Olten aus in einer halben bis maximal drei Stunden bequem erreichbar.

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