Kolumne

Darf ich vorstellen: Das grösste Fussball-Talent der Schweiz

Nachdenken über Fussball. (Symbolbild)

Nachdenken über Fussball. (Symbolbild)

Kürzlich habe ich mir die Frage gestellt: Wer ist eigentlich das grösste Schweizer Fussballtalent? Wer hat schon in jungen Jahren Ausnahmeleistungen gezeigt? Wer ist unsere Hoffnung für die Zukunft?

Riola Xhemaili ist erst 17 Jahre alt. In diesem Jahr wurde sie zum ersten Mal fürs Schweizer A-Nationalteam aufgeboten. Durfte ein paar erste Minuten im Nati-Dress erleben. Viele weitere werden folgen. Am Telefon erzählt sie mir ihre bemerkenswerte Geschichte. Ich merke schnell: Sie liebt den Fussball nicht nur. Sie lebt ihn auch.

Ihr Talent für den Fussball ist früh erkennbar. Beim FC Solothurn beginnt sie zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Rion ihre Karriere. Bald einmal wechselt sie zum FC Basel, ins Förderteam der U15. Sie ist das einzige Mädchen im Team, ja überhaupt in der Nachwuchsabteilung. Und doch führt sie ihr Team als Captain auf den Platz. 15-jährig debütiert sie beim FCB in der Women's Super League, in welchem ihr gleich ein Tor zum 2:1-Sieg über YB gelingt.

Ich bin beeindruckt von der Gelassenheit, mit der sie mir von ihrer Karriere erzählt. Als wäre dies das normalste der Welt. Als hätte sie nicht einen Meilenstein für den Frauenfussball und überhaupt für fussballbegeisterte Mädchen gelegt. «Wird dir das Gefühl gegeben, es sei eine Ausnahme, als Frau Fussball zu spielen?» – «Früher, als ich jünger war schon, jetzt eigentlich nicht mehr. Frauenfussball ist im Kommen, das merkt man.»

Sie verfolgt Männerfussball genau gleich wie Frauenfussball. Spielt die Männer-Nati schaut sie Granit Xhaka besonders genau zu, dem Strategen. Spielten früher die Schweizer Frauen, galt ihr Augenmerk besonders Ramona Bachmann und ihren Tempo-Dribblings. «Sie ist mein Vorbild und war es schon immer. Ich erinnere mich, wie ich als Mädchen mal ein Fanfoto mit ihr machen durfte.» Nun wurde Xhemaili bei ihrem Nati-Debüt ausgerechnet für Bachmann eingewechselt.

Xhemaili hat genau gleich gerne mit Jungs gespielt wie jetzt mit den Frauen. Sie sieht Fussball als Fussball. Nicht als Sport, der einem Geschlecht vorenthalten ist. Sie steht für eine neue Generation von Fussballerinnen. Eine, in welcher auch Mädchen von einer Profikarriere träumen können, auch wenn es extrem viele Hürden gibt. Die von der Vorarbeit von Pionierinnen wie Madeleine Boll oder Lara Dickenmann profitieren, aber eben auch selbst Pionierinnen sind, indem sie männerexklusive Kreise wie den Nachwuchs langsam aufbrechen. Oder Vorurteile zertrümmern, wonach Frauen fussballerisch weniger begabt seien. «Am liebsten würde ich mal in England spielen, das wäre ein Traum.» Nirgends wird mehr in den Frauenfussball investiert wie in England. Er ist akzeptiert in der Gesellschaft und wird ernst genommen.

Sie weiss: Um weiter zu kommen, braucht es viel Fleiss. Sie wirkt locker, bodenständig und strahlt eine angenehme Ruhe aus

Riola Xhemaili weiss: Es braucht viel Arbeit, um ihre bisherigen Leistungen zu bestätigen. Um noch weiter zu kommen und ihren Traum zu erfüllen. Doch das tut sie nicht auf eine verbissene Art, obwohl ihr Lebensstil extrem viel Disziplin braucht. Viel mehr wirkt sie locker, bodenständig, bescheiden und strahlt eine angenehme Ruhe aus. Sie ist fokussiert, ambitioniert, wirkt sehr reflektiert und dadurch älter und verantwortungsbewusst. Sie weiss, was sie möchte und steckt viel Arbeit in ihr tägliches Training und in ihre Entwicklung. Weil sie muss.

Vom Fussball alleine kann sie in der Schweiz nicht leben, trotz der Schlüsselrolle in einem Spitzenteam der besten Liga. Sechs Trainings pro Woche bestreitet sie, dazu kommt meist ein Spiel am Wochenende. Daneben absolviert sie eine Ausbildung bei der Basler Kantonalbank. Ihre Ruhe und Lockerheit, ihr enormes Talent und die Bereitschaft, alles für den Fussball zu geben, sind Eigenschaften, die sie weit bringen können und wahrscheinlich auch werden.

Zum Schluss unseres Gesprächs frage ich Riola Xhemaili, welche Botschaft sie der Schweiz mitgeben möchte. Sie sagt: «Ich wünsche mir, dass mehr Schweizer*innen den Frauenfussball verfolgen, denn wir geben gleich viel Kraft in den Fussball wie die Männer.»

Warum also nicht am 1. Dezember? Die EM-Qualifikation der Schweizerinnen endet dann mit dem letzten Spiel, auswärts in Belgien. Mit einem Unentschieden ist den Schweizerinnen die Endrunde sicher. Das Fernsehen überträgt live. Fiebern wir mit!

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