Am wenigsten Grund zur Freude hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel: Sie ahnte bei der Vorstellung des Koalitionspapiers gestern in Berlin wohl, dass ihr die Zuteilung der Ministerien als Autoritätsverlust vorgeworfen wird. Für viele in der CDU ist es kaum zu glauben, dass die weit kleinere SPD die Mega-Ministerien Finanzen, Aussenpolitik und Arbeit erhält, die noch viel kleinere CSU das Innenministerium.

Die Zugeständnisse offenbaren Merkels Schwäche. Weil bei der SPD die skeptische Basis das letzte Wort über den Koalitionsvertrag hat, waren die Genossen trotz desaströser Umfragewerte in einer Position der Stärke. Mit Verweis auf das ausstehende Votum der Parteibasis gelang es der SPD offenkundig, Merkel und ihrem Team die Schlüssel-Ressorts abzupressen. 

Auch inhaltlich können die Sozialdemokraten mit dem Vertragswerk durchaus leben. Es beinhaltet milliardenschwere Entlastungen für Geringverdiener, Hilfspakete für Familien, Investitionen in Bildung. Und einen sozialdemokratisch eingefärbten Europa-Kurs. Das Ausgehandelte könnte ausreichen, um eine Mehrheit der 460 000 SPD-Mitglieder für die Neuauflage der Grossen Koalition zu erwärmen. 

Erstaunlich ist aus CDU-Sicht, dass die immer wieder genannten Merkel-Nachfolger für kein Ministeramt in einem Schlüssel-Ressort vorgesehen sind. Obwohl die Partei inhaltlich als auch personell vor drängenden Fragen steht: Wer soll Merkel dereinst beerben? Und: Wo soll sich die CDU politisch positionieren? Immerhin sind Neuwahlen in diesem Frühjahr – bei einem Nein der SPD-Basis zum Vertrag – oder in zwei Jahren durchaus möglich.