Seit Jahren warnen Experten vor Cyberwar. Vom Krieg im Internet gehe für unsere Zivilisation in Zukunft die grösste Bedrohung aus. In den dominierenden Konflikten jedoch liegen immer noch Soldaten mit Gewehren in den Schützengräben – siehe Ukraine, Syrien, Libyen, Irak, Sudan. Wenn Russland seine Muskeln spielen lässt, dann schickt Putin auch im Jahr 2014 Kampfflugzeuge in den Himmel und nicht nur Informatiker hinter die Tastaturen.

In der Wirtschaftswelt erleben wir in diesen Tagen nun erstmals einen heftigen Cyberwar, der weltweit Schlagzeilen macht – und stellen staunend fest: Hacker können ein starkes, renommiertes Unternehmen innert Wochen zur Implosion bringen. Ziel des Angriffs ist das Filmstudio Sony Pictures. Ausgerechnet! Denn was da gerade passiert, tönt wie der Plot eines Hollywoodstreifens.

Hacker haben Unmengen Daten von den Sony-Servern geklaut und lassen diese nun tröpfchenweise an die Öffentlichkeit lecken: Lohnlisten von 6700 Mitarbeitenden, Adressen von Hollywood-Stars, fünf noch unveröffentlichte Filme zum Herunterladen, das Drehbuch des neuen James-Bond-Films. Dazu kommen pikante Mails. Produzent Scott Rudin lästert über Angelina Jolie, sie sei «eine verwöhnte Göre mit minimalem Talent». Studiochefin Amy Pascal frotzelt über Präsident Barack Obama, er möge wohl nur Filme mit Schwarzen …

Die Folgen sind verheerend, das Unternehmen steht am Abgrund. Frühere Angestellte haben Sony eingeklagt, der Imageverlust bei Geschäftspartnern ist irreparabel. Dazu kommen Einnahmeausfälle in Millionenhöhe und eine Firmenchefin, die als Rassistin dasteht.

Einen vergleichbaren Fall gab es noch nie – gut möglich aber, dass weitere folgen. Deshalb haben die USA den Hackerangriff zur Frage der nationalen Sicherheit erklärt. 

Niemand ist vor einem Hackerangriff gefeit

Schadenfreude wäre fehl am Platz. Denn es kann alle treffen. FBI-Experten erklärten in einem Senatskomitee, dass grosse Teile der Privatwirtschaft und Computer der Regierung einer solchen Attacke nicht standhalten würden.

Doch wer steckt hinter dem Angriff? Eine Version lautet: Nordkorea. Sony wollte am 25. Dezember eine Actionkomödie ins Kino bringen, an dessen Ende der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un ermordet wird. Der Kinostart wurde inzwischen wegen einer Terrordrohung abgesagt (das wirkt offenbar noch stärker als Cyberwar). Gegen die Version Nordkorea spricht, dass die Hacker finanzielle Forderungen an Sony stellten – und dass der Film erst durch die Attacken weltweites Aufsehen erregt.

Der Fall Sony zeigt, dass wir uns alle auf eine ganz neue Art von Bedrohung einstellen müssen. Bei neuen Technologien und ihren Gefahren braucht es immer eine gewisse Zeit und schmerzhafte Erfahrungen, bis die Menschen lernen, damit umzugehen.

Neue Technologien und ihre Tücken

Ehemänner gingen schon immer fremd. Als das Handy aufkam, liessen sie sich plötzlich dabei erwischen – heute gibt es Software, über die man chatten und telefonieren kann, ohne dass die Ehefrau etwas davon merkt. Die Menschen feierten schon immer wilde Nächte. Als Facebook aufkam, stellten sie Bilder davon ins Netz.

Heute wissen die meisten, was man posten soll und was nicht, damit man nicht seinen Job riskiert. Soldaten machten schon immer Blödsinn, wenn keine Vorgesetzten da waren. Als plötzlich jeder Handy-Filmchen machen konnte, tauchte der Blödsinn im Netz auf – heute setzt die Armee ein rigoroses Filmverbot durch.

Unternehmen hatten schon immer ihre Geheimnisse und vertraulichen Daten. Höchste Zeit, dass sie lernen, diese zu schützen. Vermutlich braucht es dazu ein paar schmerzhafte Fälle wie jener von Sony. Auch jeder von uns kann seine persönlichen Lehren ziehen. Und sei es nur die: Vielleicht sollte man zum Lästern besser von Angesicht zu Angesicht sprechen statt in die Tasten zu hauen.