Winterstürme
Cancún-Cruz: Während Millionen Texaner fast erfrieren, fliegt ihr Senator in die Karibik – doch Texas hat grössere Probleme

Im «Lone Star State» sind mindestens 21 Menschen an den Folgen der Winterstürme gestorben. Millionen bleiben ohne Strom. Die Skandalreise des Republikaners Ted Cruz macht alles noch schlimmer.

Samuel Schumacher
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Stundenlanges Warten für ein paar Lebensmittel: Die Versorgung mit Wasser und Nahrung drohte in Texas (im Bild eine Menschenschlange vor einem Einkaufsladen in Austin) zeitweise zusammenzubrechen. Mindestens 24 Menschen sind erfroren.

Stundenlanges Warten für ein paar Lebensmittel: Die Versorgung mit Wasser und Nahrung drohte in Texas (im Bild eine Menschenschlange vor einem Einkaufsladen in Austin) zeitweise zusammenzubrechen. Mindestens 24 Menschen sind erfroren.

AP

Was für ein wundersames Land: Amerika hat es diese Woche fertig gebracht, einen topmodernen All-Roboter auf dem Mars zu landen. Gleichzeitig aber scheitert die Supermacht kläglich bei der Bewältigung ihres derzeit drängendsten irdischen Problems: Heftige Winterstürme haben in mehreren Bundesstaaten zu tagelangen Stromausfällen geführt. Ausgerechnet in der Energie-Hochburg Texas, der grösste Öl- und Gasproduzent der USA, warten auch Tage nach den Stürmen noch immer Millionen Haushalte auf Strom und Wasser.

Mindestens 24 Menschen sind in Texas bereits an den Folgen der Katastrophe gestorben. 13 Millionen Menschen müssen sich derzeit wegen geborstener oder zugefrorener Wasserleitungen mit Petflaschen oder geschmolzenem Schnee aushelfen. Fast vier Millionen Haushalte hatten zeitweise keinen Strom. Die Spitäler funktionieren nur dank den teils aus Washington gelieferten Notstromaggregaten. Und die 135 Wärmezentren, die der Bundesstaat für die Millionen betroffenen Texaner einrichten liess, sind nicht viel mehr als ein symbolischer Akt.

Dass selbst Hydranten einfrieren, behindert die Arbeit der Feuerwehr:

CH Media Video Unit

Texaner vergiften sich in den Garagen

US-Präsident Joe Biden verfolgt die Mars-Mission der NASA live.

US-Präsident Joe Biden verfolgt die Mars-Mission der NASA live.

Twitter

Während US-Präsident Joe Biden mit Blick auf die Marsexpedition von «der Kraft der Wissenschaft und amerikanischer Brillanz» schwärmt, frieren im Süden des Landes also noch immer Millionen von zunehmend verzweifelten Menschen. Viele Läden sind leer gekauft, die Tankstellen ausgepumpt. In den Notfallaufnahmen mehren sich die Fälle von Menschen, die ihre Autos in den Garagen laufen liessen, um warm zu haben – und sich eine schwere Kohlenmonoxidvergiftung holten.

Ungeachtet der andauernden Krise hat auf dem politischen Parkett bereits das «Blame Game» begonnen. Ein Schuldiger für das Debakel muss her – und zwar schnell. Zwei Sündenböcke sind bereits ausgemacht. Zum einen wären da die republikanisch dominierten Behörden in Texas, die jahrelang die Warnungen von Experten missachtet und das anfällige texanische Energieversorgungsnetz nicht modernisiert haben.

Perfekt verkörpert wird das Wegschauen der republikanischen Führungsgarde durch den US-Senator Ted Cruz aus Texas. Der 50-jährige ehemalige Präsidentschaftskandidat war einer der wenigen Republikaner, die Donald Trump selbst nach dem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar ungebrochen die Treue hielten. Sein Kalkül ist klar: Cruz wird nachgesagt, er wolle 2024 selber ins Rennen ums Weisse Haus einsteigen.

Erwischt: US-Senator Ted Cruz am Flughafen im mexikanischen Cancún.

Erwischt: US-Senator Ted Cruz am Flughafen im mexikanischen Cancún.

AP

Seine Erfolgsaussichten wurden jetzt allerdings arg getrübt. Am Donnerstag wurde Cruz nämlich dabei erwischt, wie er inmitten der grössten Krise seines Heimatstaates kurzerhand zu einem Kurzurlaub nach Cancún an der mexikanischen Karibikküste aufbrach. Cruz’s Ausrede: Seine Töchter hätten gefroren, da habe er sie – als guter Vater – an die Wärme begleiten wollen. Erst am Donnerstag hat sich Cruz für den vorzeitig abgebrochenen Skandaltrip entschuldigt.

In Texas formiert sich erbitterter Widerstand gegen #CancúnCruz.

In Texas formiert sich erbitterter Widerstand gegen #CancúnCruz.

AP

Seine republikanischen Parteifreunde haben eiligst einen neuen Sündenbock gefunden: Windräder. Sie sorgen derzeit für einen knappen Viertel des texanischen Energiebedarfs und sind vielen Republikanern ein Dorn im Auge – auch Donald Trump, der einst behauptet hatte, Windräder seien krebserregend und würden massenhaft Vögel töten.

Zugefrorene Gasleitungen sind schuld

Dass einige der texanischen Windräder im Wintersturm eingefroren und stehengeblieben sind, passt perfekt in die republikanische Mär, alternative Energien würden nicht taugen. Der texanische Gouverneur Greg Abbott etwa erklärte auf «Fox News»: «Das zeigt: Ohne fossile Brennstoffe geht es nicht.» Der Green New Deal – ein politischer Vorstoss der New Yorker Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez, der Amerika mit einschneidenden Massnahmen von der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen befreien will – wäre «tödlich» für die USA, sagte Abbott.

Joshua Rhodes, Energie-Spezialist der University of Texas, hat eine ganz andere Erklärung für das texanische Debakel. Vier von zehn Haushalten würden mit Gas geheizt. Viele Leitungen seien veraltet und nicht genügend isoliert. Das Gas sei vielerorts eingefroren und Leitungen geplatzt, erklärte Rhodes dem Sender «CNBC». Texas habe noch immer ein vom Rest des Landes unabhängiges Energieversorgungsnetz. Verantwortlich dafür ist die private Firma ERCOT, die sich nicht an die im Rest der USA geltenden Vorsorgemassnahmen halten müsse. Die Windräder seien aber ganz sicher nicht verantwortlich für das texanische Debakel.

AP

Fazit: Während in Texas noch immer Millionen frieren, nimmt das politische Hickhack Fahrt auf. Wenn die Amerikaner mit ihrem Mars-Unterfangen ernst machen und in den 2030er Jahren tatsächlich eine bemannte Mission losschicken wollen, sollten sie das Energie- und Kälteproblem rasch in den Griff kriegen. Auf dem roten Planeten schwanken die Temperaturen zwischen 0 und minus 100 Grad.