Österreich
Willkommenskultur wird abgewählt – der junge Kurz steht für Erneuerung

In Österreich steht die Kanzlerwahl bevor. Selbst im bisher roten Wien wollen nun viele den neuen ÖVP-Chef Sebastian Kurz wählen — wegen seiner Flüchtlingspolitik.

Adelheid Wölfl, wien
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Der Favorit auf den Wahlsieg am Sonntag: Sebastian Kurz von der konservativen ÖVP.

Der Favorit auf den Wahlsieg am Sonntag: Sebastian Kurz von der konservativen ÖVP.

Christian Bruna/Keystone

Das ist doch skandalös», empört sich Frau Heidi. «So ein abschreckendes Durcheinander!», meint ihre Freundin über den schmutzigsten aller österreichischen Wahlkämpfe. Die beiden Damen, die mit frisch getönten Haaren und perfektem Make-up vor dem Rathaus stehen, werden wohl Sebastian Kurz wählen. Der Herr Kurz habe sich kürzlich in der Stadthalle «grundehrlich angehört», meint eine. Andererseits würde wohl auch der Herr Kern (der SPÖ-Kanzler) «wahrheitsgetreu reden», sagt die andere.

Den beiden ist anzumerken, was viele Österreicher in diesen Tagen bewegt. Sie wissen nicht mehr, wem sie noch trauen können. Nur in einer Sache ist sich die 76-jährige Frau Heidi sicher: «Ich hasse die Grünen, weil die haben mir eine Fahrspur für Autos in der Wattgasse weggenommen.» Auch Greta F. glaubt, dass die Grünen «wegen der Strassenumbauten und wegen der freizügigen Flüchtlingspolitik» diesmal verlieren werden. Sie will, dass mit dieser «sozialen Art» in Österreich jetzt überhaupt aufgeräumt wird. Die gebürtige Polin lebt schon seit dreissig Jahren in Wien – es ist lange her, dass sie es war, die Hilfe brauchte. Ihre weinroten Haare und die weinroten Ärmel ihres Wollmantels passen gut zu den roten Blättern der Bäume. Frau Greta ist eine schicke Dame. Auch sie wird den konservativen Kurz von der ÖVP wählen. Am liebsten hätte die 60-Jährige, wenn er mit den liberalen Neos koalieren würde – aber das werde sich wohl nicht ausgehen. «Also ist Schwarz-Blau ein Kompromiss», meint sie.

Wahrscheinlich Schwarz-Blau

Eine Woche vor der Wahl glauben sehr viele Österreicher, dass eine Koalition zwischen ÖVP (Schwarz) und der rechtspopulistischen FPÖ (Blau) zustande kommen wird. Und anders als noch im Jahr 2000 wird es wohl diesmal weder zu Massenprotesten in der Bevölkerung noch zu Sanktionen von EU-Staaten kommen.

Der Kommentar zum Thema

Viele Österreicher sind aber noch immer unter dem Eindruck der Flüchtlingswelle aus dem Jahr 2015. Deshalb wird kommenden Sonntag nicht nur über den neuen Nationalrat – das Parlament –, sondern auch über diese Massenzuwanderung abgestimmt. Das Urteil steht jetzt schon fest: Favorisiert werden Politiker, die für eine Nullzuwanderung, für den Schutz der Aussengrenze eintreten und die Flüchtlinge wieder zurück in ihre Herkunftsländer schicken wollen.

«Die Willkommenskultur wird abgewählt, bei Migranten und Asylanten wird die soziale Unterstützung eingespart werden, wahrscheinlich werden die nur mehr die Hälfte der Mindestsicherung bekommen, weil sie ja noch nichts einbezahlt haben», prognostiziert der 27-jährige IT-Administrator Stefan F. Er ist mit seiner Familie unterwegs zum Augarten im 20. Wiener Gemeindebezirk. Er glaubt, dass die Wahl in einer Woche eine Abrechnung mit der «rot-schwarzen Koalition» wird, also der langjährigen Regierung der SPÖ mit der ÖVP. Über den Wallensteinplatz pfeift der Herbstwind. Es ist kalt geworden. Und die Stimmung in der von der SPÖ regierten Hauptstadt ist depressiv.

Der Junge steht für Erneuerung

Interessanterweise hat es der Chef der ÖVP, Sebastian Kurz, wirklich geschafft, sich von der alten Koalition so weit zu distanzieren, dass er als Symbol der Erneuerung rüberkommt, obwohl er viele Jahre Aussen- und Integrationsminister genau dieser Regierung war. Sein Wahlkampf ist ganz auf seine Person zugeschnitten — selbst die Liste ist nach ihm und nicht nach der Partei benannt.

Und auch das bringt ihm Stimmen. Die Menschen sagen: Wir wählen Kurz. Von der ÖVP ist nicht die Rede. Die meisten meinen: Kurz habe Charisma, seine Art sei sympathisch, er wisse, wovon er spreche. Überhaupt sei er jung, deshalb führe er in die Zukunft, er werde etwas für seine Generation machen, man könne die Alten nicht mehr sehen, er sei eben kein «Apparatschik». Und er würde die anderen nie angreifen, er sei gelassen. Gutes Benehmen kommt gut an in Österreich.

Der SPÖ-Wähler Markus M. glaubt, dass die bisher stimmenstärkste SPÖ auf den zweiten, wenn nicht sogar auf den dritten Platz verwiesen wird. Parteichef Kern ist schwer angeschlagen – insbesondere die «Affäre Silberstein» hat ihm sehr geschadet. Die SPÖ hatte den israelischen PR-Berater Tal Silberstein beschäftigt, der im Sommer wegen Bestechungsvorwürfen in seiner Heimat verhaftet wurde. Silberstein wurde zwar gefeuert, hatte aber in der Zwischenzeit in Österreich bereits viel Schaden angerichtet, der nun langsam zutage tritt. Er liess etwa Sudel-Facebook-Seiten gegen Kurz kreieren. Die SPÖ versuchte nun in den vergangenen Tagen die Schmutzkübelkampagne auch der ÖVP anzulasten, schliesslich hatten Mitarbeiter von Silberstein Parteiinterna der SPÖ der ÖVP zukommen lassen. Jeden Tag fetzen sich nun rote und schwarze Politiker vor laufender Kamera. Das Thema dominiert die letzten Tage des Wahlkampfs. Die rechtspopulistische FPÖ unter Heinz-Christian Strache ist «lachender Dritter» in dem Schauspiel, weil sie am meisten vom Hick-Hack zwischen den Roten und den Schwarzen profitiert.

Alles läuft gegen die SPÖ

«Das mit dem Silberstein ist bled grennt», meint der 54-jährige Wolfgang Grüven. Er ist einer der wenigen, «der dazu steht», was er sagt, und seinen ganzen Namen in der Zeitung genannt haben will. Im Moment schade der SPÖ ohnehin fast alles, denn das Thema Flüchtlinge dominiere den Wahlkampf und dadurch würden ÖVP und FPÖ punkten. Grüven verdient 1140 Euro im Monat, war vorher drei Jahre arbeitslos, seine Fixkosten belaufen sich auf 950 Euro. Und trotzdem ist er einer der wenigen Menschen hier am Wallensteinplatz, die für mehr Solidarität plädieren. Es sei eine Schande, wenn man nicht jenen helfe, die flüchten müssten. Nun würde aber den Ausländern für alles die Schuld zugeschoben.

«Argumentiert wird jetzt, dass die Flüchtlinge so viel kosten, und den Leuten wird eingeredet, dass ohne Flüchtlinge mehr Geld für sie übrig wäre», meint der Mann, der mit seinem Sohn unterwegs ist. «Die Menschen lassen sich leicht verführen», sagt er nachdenklich. Er selbst hoffe, dass er nicht so leicht zu manipulieren sei. «In der Realität müssen wir doch alle zusammenhalten», sagt Grüven und verschwindet im herbstlichen Dunst.

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