Whistleblowerin
Facebook: Die Politik hat das Problem erkannt – doch eine Lösung lässt auf sich warten

Demokraten und Republikaner sehen sich bestätigt: Der Internet-Gigant Facebook stellt das Profitstreben über das allgemeine Wohl, wie es die Whistleblowerin Frances Haugen am Dienstag vor dem Senat formulierte. Unklar ist, ob Washington diesem Treiben nun einen Riegel schieben wird.

Renzo Ruf, Washington
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Die Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen sagte am Dienstag vor einem Senatsausschuss in Washington über ihren ehemaligen Arbeitgeber aus.

Die Facebook-Whistleblowerin Frances Haugen sagte am Dienstag vor einem Senatsausschuss in Washington über ihren ehemaligen Arbeitgeber aus.

Drew Angerer / EPA

Eigentlich war bereits alles gesagt. Eine neue Bombe konnte Frances Haugen, bis im Mai 2021 als «Lead Product Manager» im Dienst des Internet-Konzerns Facebook tätig, am Dienstag während einer mit Spannung erwarteten Senatsanhörung deshalb nicht zünden. Die Whistleblowerin hatte bereits sämtliche brisanten internen Dokumente der Wirtschaftszeitung «Wall Street Journal» vorgelegt und damit ihre These bewiesen, dass Facebook das Profitstreben über das Wohl von Kindern und Erwachsenen stelle.

Augenfällig wurde während der Anhörung vielmehr, dass die 37-Jährige zwar (dank einer Sicherheitslücke) Einblicke in die Abgründe des Social Media-Giganten gewonnen hatte, an den Entscheidungsprozessen aber nicht beteiligt war. Diese führten zum Beispiel dazu, dass Instagram die geistige Gesundheit von Teenagerinnen gefährdete. (Genüsslich wies ein Facebook-Sprecher am Dienstag auf dem Kurznachrichtendienst Twitter auf diesen Umstand hin.)

Haugen antwortete deshalb auf die Fragen der anwesenden demokratischen und republikanischen Senatoren häufig mit der Phrase: «Ich habe daran nicht direkt gearbeitet.» Dass sie den allmächtigen Facebook-Konzernchef «Mark» nannte, als habe sie während ihrer zwei Jahre dauernden Tätigkeit für das Unternehmen ständig mit Mark Zuckerberg geplaudert, ist deshalb wohl nur den lockeren Umgangsformen im Silicon Valley geschuldet.

«Moralisch bankrotter» Internet-Konzern

Die Anhörung verdeutlichte zudem, wie wenige Fürsprecher das Internet-Unternehmen – gemessen an der Börsenkapitalisierung immerhin der fünftgrösste US-Konzern – in Washington noch besitzt. Die anwesenden Senatoren überboten sich buchstäblich mit Kritik. So sagte Richard Blumenthal, ein Demokrat: Der Schaden, den die Plattformen von Facebook verursacht hätten, würden die Generation der jungen Amerikanerinnen und Amerikaner zeitlebens prägen. Und der Republikaner Dan Sullivan, wahrlich kein Scharfmacher, bezeichnete den Internet-Konzern als «moralisch bankrott».

Allein: Wie Senat und Repräsentantenhaus diesem Problem, unter dem offenkundig vor allem der verletzlichste Teil der Gesellschaft leidet, beikommen wollen, darüber herrschte auch am Dienstag Unklarheit. Es fehlt in Washington nicht an Ideen, wie man die Marktmacht von Facebook und anderen Big Tech-Unternehmen beschränkten könnte. So setzen sich Senatorinnen und Senatoren für die Reform der Haftungsbestimmungen für Internet-Plattformen ein oder sie propagieren die Zerschlagung der Firmen.

Aber diese Ideen scheinen nicht mehrheitsfähig zu sein, und die Debatte dreht sich seit Jahren im Kreis. Vielleicht hat dies auch damit zu tun, dass Facebook in Washington eine wahre Armee von Lobbyisten beschäftigt und im Jahr 2020 fast 20 Millionen Dollar ausgab, um Entscheidungen des Kongresses zu beeinflussen.

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