Waterloo
Weshalb die Truppen von Draufgänger Napoleon verloren

Die Niederlage von Napoleon Bonaparte am 18. Juni 1815 hat Europa verändert. Mit seinem Schimmel floh er vom Schlachtfeld in Waterloo. Dass die französischen Truppen verloren, hat einen bestimmten Grund.

Stefan Brändle, Waterloo
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Die Schlacht von Waterloo

Die Schlacht von Waterloo

Keystone
Die Schlacht bei Waterloo 1815

Die Schlacht bei Waterloo 1815

Nordwestschweiz

Auf dem 40 Meter hohen Erdkegel mit dem Löwenmonument, das die Holländer nach der Schlacht zu Ehren ihrer siegreichen Truppen errichteten, blicken Touristen über die Felder. Fast hört man noch die Trommelwirbel und «Vive l’Empereur»-Rufe der 74 000 Franzosen, die von Süden angriffen, während 70 000 Briten, Holländer und Deutschen ihrer mit bangem Schweigen harrten.

Am 16. Juni 1815 hatten Napoleons Truppen die Truppen Wellingtons und des preussischen Feldmarschalls Blücher bei Ligny sowie Quatre-Bras zurückgeschlagen – allerdings ohne sie weiter zu verfolgen und entscheidend zu schlagen. Das war der erste Fehler Napoleons. Sein zweiter Irrtum bestand darin, Marschall Grouchy mit 33 000 Mann, aber einem missverständlichen Befehl auf die Verfolgung der Preussen anzusetzen. Dazu kam das Wetterpech. Schwere Regenschauer verwandelten die Felder südlich von Waterloo am 17. Juni in einen Morast. Am Morgen danach wartete Napoleon zwei Stunden lang, bis die Böden trocken genug waren, um seine mächtige Artillerie vorschieben zu können.

Napoleon lässt angreifen

Diese Zeit fehlte den Franzosen am Nachmittag, als die hin und her wogende Schlacht in die Entscheidung ging. Napoleons Plan war es, mit den Briten aufzuräumen, um sich danach die Preussen vorzuknöpfen. Es war die einzige Chance angesichts der gesamteuropäischen Übermacht: Hinter den Briten und Preussen marschierten Heere aus Österreich, Russland, Italien und Spanien gegen den aus Elba entwichenen Kaiser heran.

Napoleon musste die einzelnen Armeen also nacheinander erledigen. Doch an diesem 18. Juni wartete der Draufgänger zu lange. Erst nach 11 Uhr liess er zum Sturm auf die hinter dem Hügelkamm verborgenen Briten blasen. Stundenlang bombardierten 260 französische Kanonen – Napoleons «schöne Töchter» – Wellingtons Truppen, um sie mürbe zu machen; stundenlang rannte darauf die vieltausendköpfige Kavallerie unter Marschall Ney gegen die britische Infanterie an. Diese verteidigte ihre «Carrées» mit Musketen und Bajonetten, als verteidigten sie ihr ganzes Inselreich.

Die Preussen kommen

Diese Schlacht konnte nicht unentschieden enden. Eine der Armeen musste vernichtet werden. Das gnadenlose Hauen und Stechen dauerte bis in die Abendstunden. «Das Gemetzel wurde fürchterlich. Unsere Pferde trampelten über Leichen, die Verwundeten schrien», berichtete der französische Oberst Bro de Comères, einer der zahllosen späteren Waterloo-Chronisten. Mit ungeheurem Einsatz und trotz riesiger Verluste kamen die Angreifer dem Sieg näher.

Doch jetzt fehlten Napoleon die zwei Stunden. Kurz bevor die Briten niedergerungen waren, tauchten im Osten die Preussen auf. Sie hatten Grouchy an der Nase herumgeführt und fielen Napoleons Kerntruppen in den Rücken. Als sie endlich auch die unbesiegte, ja unbesiegbare Kaiserliche Garde in Stücke hauten, brach in den französischen Reihen Panik aus. Napoleons Armee löste sich auf, ergriff die Flucht.

Ein Hügel aus Gebeinen

Die Bilanz war schrecklich: 50 000 Tote, Verwundete und Vermisste teilten sich auf beide Seiten auf. Das Preussen-Denkmal, heute nahe einer schmucken Einfamilienhaus-Siedlung am Rande des Schlachtfeldes gelegen, steht auf einem fünf Meter hohen Hügel, weil sich die Gebeine darunter so hoch türmten. Die verletzten Briten mussten auf dem Schlachtfeld drei bis vier Tage auf eine Tragbahre warten und wurden von den Anwohnern ausgeplündert oder getötet, wenn sie sich wehrten.

Die Franzosen wurden von ihrem Heereschirurgen Dominique Larry meist schon auf dem Schlachtfeld operiert. Obwohl er als Desinfektionsmittel nur noch Essig oder Branntwein zur Verfügung hatte, sägte er bald einen Arm oder einen Schenkel pro Minute ab. Danach durften die Amputierten gleich wieder forthumpeln. Napoleon entkam. Vier Tage nach Waterloo dankte er aber ab, und die Briten entsorgten den Korsen endgültig auf Sankt-Helena im Süd-Atlantik. Es war ein Wendepunkt für Europa: Auf die französische Domination seit Ludwig XIV. folgte das British Empire des 19. Jahrhunderts und Preussen löste die Habsburger Dynastien ab.