Virusvarianten
Frankreich bangt um seine Sommerferien: Werden die beliebten Musikfestivals zur Gefahr?

Die französischen Sommerfestivals von Cannes bis Avignon nähren die Angst vor einer vierten Covid-Welle. Die Regierung plant nun ein Impf-Obligatorium für exponierte Berufsgruppen.

Stefan Brändle, Paris
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Oper in Lyon: Konzerte, Festivals und andere Musikveranstaltungen könnten zu Superspreader-Events werden, fürchten Experten.

Oper in Lyon: Konzerte, Festivals und andere Musikveranstaltungen könnten zu Superspreader-Events werden, fürchten Experten.

Getty Images

Marion Cotillard, Spike Lee oder Carla Bruni auf dem roten Teppich: Die Glamour-Bilder vom Beginn des Filmfestivals in Cannes haben etwas Trügerisches: Unweit der Treppen, die die Welt bedeuten, haben die Organisatoren ein Zelt aufgebaut, wo pro Stunde 300 Kinogänger auf das Covidvirus getestet werden können.

Das war die Bedingung, dass das Kulturevent an der Côte d’Azur nach einem covidbedingten Unterbruch im vergangenen Jahr am Dienstag überhaupt starten konnte. Die 20 000 Akkreditierten müssen in Cannes auch einen Impfpass vorweisen.

Landauf, landab öffnen diese Woche die Sommerfestivals – in Aix-en-Provence für klassische Musik, in Juan-les-Pins für Jazz. Frankreich kann endlich wieder einer Lieblingsbeschäftigung frönen: an einem lauschigen Abend im Ferien-Ambiente einer hochstehenden Bühnendarbietung folgen.

Angst vor Clustern

Idylle will sich aber nicht überall einstellen. Am Theaterfestival in Avignon, das erstmals seit 2019 wieder stattfindet, sind Schutzmasken ausser auf der Bühne vorgeschrieben, und auch die Schauspieler und Techniker müssen sich einmal pro Woche testen. Die Tanzdarbietung einer südafrikanischen Truppe musste bereits abgesagt werden.

Der zuständige Präfekt Bertrand Gaume warnte vorbeugend: „Wenn sich die Lage verschlimmert, würde das Theaterfestival stark beeinträchtigt.“ Das Newsportal Francebleu deutschte die Aussage aus: Der Präfekt habe Angst vor einem „riesigen Cluster“ in Folge der Delta- oder anderer Mutanten. Deshalb erklärte er die Schutzmasken nun in der ganzen provenzalischen Altstadt für obligatorisch.

In Paris, wo langsam wieder ausländische Touristen herbeiströmen, verfolgen die Behörden die Entwicklung ebenfalls mit Sorge: Der Inzidenzwert auf über 50 (Fälle pro 100 000 Einwohner) gestiegen. Unter den Zehn- bis Dreissigjährigen liegt er klar über 100. Und dieser Wert hat sich binnen einer Woche verdoppelt.

Vermasselte Ferien?

Es ist fast paradox: Während die Ansteckungszahlen in Frankreich seit Dienstag erstmals seit Wochen wieder steigen, macht sich in der Bevölkerung eine wachsende Nachlässigkeit breit, die sich auch in Impfmüdigkeit äussert. Leere Impfzentren warten vielenorts auf Kunden; einzelne haben bereits geschlossen. Impfdosen müssen entsorgt werden. Dabei haben erst 35 Prozent der Französinnen und Franzosen eine zweite Dosis erhalten.

Das ist zu wenig, um der Ankunft einer vierten Welle im Frühherbst oder auch nur der Ausbreitung des Deltavirus wirksam zu begegnen. Gesundheitsminister Oliver Véran erklärte, die vierte Welle könnte Frankreich schon „Ende Juli“, also mitten in den Schulferien ereilen.

Die Regierung improvisiert deshalb an Ferienstränden und in Bergstationen in aller Hast mobile Impfzentren, teilweise auch als „vacci’drives“ für Autokunden. Offizielle TV-Spots rühmen die Freiheit – aber natürlich nicht den Entscheid, auf die Impfung zu verzichten, sondern die Bewegungsfreiheit für die geimpften Personen.

Unvermeidliches Impf-Obli

Drakonische Massnahmen hat Präsident Emmanuel Macron bisher unterlassen – er will seinen Landsleuten nicht die Ferienlaune vergällen. Immerhin denkt er nun darüber nach, die Impfung für einzelne Berufskategorien wie das Pflegepersonal oder Lebensretter wie die Feuerwehr für obligatorisch zu erklären. Selbst in den Altersheimen soll weniger als die Hälfte des Personals immunisiert sein.

Einzelne Gewerkschaften sind aber weiter gegen ein Obligatorium, da sie jeden Zwang für kontraproduktiv halten. Macron hatte sich im vergangenen Jahr ähnlich geäussert; langsam scheint er sich aber mit einem Impf-Obligatorium zumindest für das Pflegepersonal abzufinden. Der Vorsteher des Covid-Rates Jean-François Delfraissy erinnerte diese Woche daran, dass eine neue Covidwelle nur durch eine Herdenimmunisierung von 80 Prozent verhindert werden könnte. Frankreich ist noch nicht einmal auf der Hälfte des Weges angelangt.

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