USA
Halbzeit im George-Floyd-Prozess: Wieso die «blaue Mauer des Schweigens» brach und warum noch immer alles offen ist

Jetzt kommt die Verteidigung zum Zug. Der Anwalt von Derek Chauvin behauptet, sein Mandat habe den Afroamerikaner nicht ermordet. Vier Erkenntnisse nach den ersten zwei Prozesswochen.

Renzo Ruf aus Washington
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Ab Dienstag hat die Verteidigung von Derek Chauvin das Wort. Auf den Strassen gehen die Proteste der Black-Lives-Matter-Bewegung weiter.

Ab Dienstag hat die Verteidigung von Derek Chauvin das Wort. Auf den Strassen gehen die Proteste der Black-Lives-Matter-Bewegung weiter.

AP

Halbzeit im Verfahren gegen den ehemaligen Polizisten Derek Chauvin in Minneapolis (Minnesota): Seit Dienstag unternimmt sein Verteidiger den Versuch, die Vorwürfe gegen den angeschuldigten Mörder zu entkräften. Chauvin, heute 45 Jahre alt, steht vor Gericht, weil er am 25. Mai 2020 für den Tod des Afroamerikaners George Floyd verantwortlich zeichnete. Vier Erkenntnisse aus den ersten drei Prozess-Wochen.

Die Anklage reisst die «blaue Mauer des Schweigens» nieder

Brutale Bilder: Eine Passantin hatte den verheerenden Einsatz vonDerek Chauvin bei der Verhaftung von George Floyd mit ihrem Handy gefilmt. Die Bilder dienen als Beweismaterial im Prozess.

Brutale Bilder: Eine Passantin hatte den verheerenden Einsatz vonDerek Chauvin bei der Verhaftung von George Floyd mit ihrem Handy gefilmt. Die Bilder dienen als Beweismaterial im Prozess.

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Strafverfahren gegen Polizisten, die im Dienst einen Menschen getötet haben, kommen für die Anklagebehörde stets einer Gratwanderung gleich – auch weil es der Staatsanwaltschaft häufig nicht gelingt, die «blaue Mauer des Schweigens» zu überwinden. Polizisten sagen nur ungern gegen ihre Dienstkolleginnen aus. Im Verfahren gegen Chauvin allerdings präsentierte die Anklage eine ganze Gruppe von Polizisten, die sich im Zeugenstand nicht länger an einen ungeschriebenen Ehrenkodex halten wollte. So sagte einer der dienstältesten Offiziere der Stadtpolizei von Minneapolis über die brutale Art und Weise, auf die Chauvin am 25. Mai 2020 den Körper von George Floyd mehr als 9 Minuten lang auf den harten Boden gedrückt hatte: «Das ist unangebracht.» Und der Polizeichef versicherte den Geschworenen: Das Manöver, auf das Chauvin zurückgriff, sei «nicht Teil unserer Ausbildung» gewesen. Will heissen: Der Polizist könne sich nicht darauf berufen, sein Gewalteinsatz habe den Regeln entsprochen.

Chauvin steht mit dem Rücken zur Wand

Derek Chauvins Verteidiger Eric Nelson.

Derek Chauvins Verteidiger Eric Nelson.

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Eric Nelson heisst der Verteidiger von Derek Chauvin – und niemand kann dem Anwalt aus Minneapolis vorwerfen, er sei sein Geld nicht Wert. Beharrlich säte Nelson in den ersten zwei Prozesswochen Zweifel an der offiziellen Version der Vorfälle, die mit George Floyds Tod endeten und dank schrecklichen Filmaufnahmen die ganze Welt aufwühlten. So sprach der Anwalt häufig über den Drogenkonsum und über angebliche Herzprobleme Floyds. Diese Strategie war bisher nicht immer erfolgreich – so sagte ein Kardiologe am Montag, Floyds Tod sei «völlig vermeidbar» gewesen, hätte Chauvin spätestens dann von ihm abgelassen, als der Afroamerikaner das Bewusstsein verlor. Aber Nelson muss nur einen einzigen Geschworenen überzeugen, damit das Verfahren gegen seinen Klienten mit einem Freispruch endet.

Ausschreitungen zeigen, unter welchem Druck Geschworene stehen

Die Erschiessung des 20-jährigen Daunte Wright durch eine Polizistin hat in Minneapolis zu neuen Protesten geführt.

Die Erschiessung des 20-jährigen Daunte Wright durch eine Polizistin hat in Minneapolis zu neuen Protesten geführt.

AP

Natürlich ist es Zufall, dass am Sonntag in einem Vorort von Minneapolis erneut ein schwarzer Mann von einer Polizistin getötet wurde: Der 20-jährige Daunte Wright starb in Brooklyn Center, nachdem er sich angeblich seiner Verhaftung entziehen wollte. Die zuständige Polizisten hatte ihre Pistole mit ihrem Elektroschockgerät verwechselt und scharf auf den jungen Schwarzen geschossen – unbeabsichtigt, wie sie betont. Auch in der Nacht auf Dienstag kam es deshalb in dem Vorort zu Protesten und Sachbeschädigungen. Der Vorfall zeigt mit aller Deutlichkeit, welche Folgen ein Freispruch von Derek Chauvin haben könnte.

Ein souveräner Richter

Richter Peter Cahill.

Richter Peter Cahill.

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Das Interesse am Prozess ist gewaltig – und die Einschaltquoten der Fernsehsender, die das Verfahren ohne Unterbruch übertragen, sind dementsprechend hoch. Trotz des Medienrummels ist das Verfahren gegen Chauvin bisher mehr oder weniger geräuschlos über die Bühne gegangen. Dafür verantwortlich zeichnet Peter Cahill: Der 62-jährige Richter am Hennepin County District Court führte bisher souverän durch die Verhandlungen. Cahill entkräftete damit den Vorwurf der Verteidigung, angesichts der Emotionen im Zusammenhang mit dem Tod von George Floyd sei ein faires Verfahren gegen Chauvin nicht möglich.