Tragödie
Alec Baldwin nach Drama am Filmset am Boden: «Mein Herz ist gebrochen» – hat ihm jemand absichtlich eine geladene Waffe gegeben?

Derzeit gibt es viele Rätsel um den Tod der 42-jährigen Kamerafrau. Nachrichtenagenturen schreiben von einer Waffe mit einer scharfen Patrone. Nun äussert sich ein Ostschweizer Requisiteur zum Vorfall. Und: Ein Waffenhändler sagt, wozu Prop Guns dienen.

Bruno Knellwolf
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Als absolut unglaublich und unvorstellbar bezeichnet der Requisiteur Ronald Porawski, was sich auf dem Filmset für den Western «Rust» auf der Bonanza Creek Range in New Mexiko ereignet hat.

Der Hauptdarsteller und Produzent des Films, Alec Baldwin, hat am Donnerstag bei den Dreharbeiten mit einer Requisitenwaffe die 42-jährige Kamerafrau Halyna Hutchins erschossen und den Regisseur Joel Souza verletzt. Dieser ist inzwischen wieder aus dem Spital entlassen worden. Nun rätselt nicht nur die Polizei, wie es zu dieser Tragödie hatte kommen können.

Auf diesem Filmset im US-Bundestaat New Mexico hat sich der tragische Vorfall ereignet.

Auf diesem Filmset im US-Bundestaat New Mexico hat sich der tragische Vorfall ereignet.

Keystone

Porawski ist als Requisiteur im Theater St. Gallen verantwortlich für die Waffen, welche auf der Bühne verwendet werden. Diese seien immer in einem Schrank verschlossen und würden nur für die Aufführungen hervor genommen. «Wir verwenden Softgun-Waffen», sagt Porawski. Die sehen sehr originalgetreu aus, können aber keinen Schuss entfachen. Man verzichte im Theater auf den Knall. Schreckschusspistolen kommen deshalb nicht mehr zum Einsatz, weil die Tinnitusgefahr für die Schauspieler zu gross ist.

Das Mündungsfeuer muss zu sehen sein

Der Knall wird im Theater über Lautsprecher akustisch eingespielt. Auf einem Filmset reiche das aber nicht, weil hier das Mündungsfeuer zu sehen sein muss. Dafür werden «Prop Guns» verwendet, weil das Feuer aus der Pistole für die Szenenaufbereitung wichtig ist, erklärt der Requisiteur.

Baldwin müsse mit der «Prop Gun» Richtung Kamera geschossen haben, in der Annahme, dass hier nichts als Schall und Rauch aus der Waffe komme. Die Feuermündung wird dabei entweder mit einer Platzpatrone oder mit einem pyrotechnischen Element in der Waffe erstellt, weshalb auch Pyrotechniker im Theater und beim Film arbeiten.

Ein krimineller Akt ist nicht ausgeschlossen

Der Requisiteur Porawski kann nur spekulieren, aber niemand benutze eine geladene Waffe auf dem Filmset. Deshalb könnte es sich auch um einen kriminellen Akt handeln. Jemand hätte zum Beispiel die Requisitenwaffe mit einer anderen vertauschen können. Weil es sich um einen Western handelt, wäre dafür nur ein Revolver aus dem 19. Jahrhundert in Frage gekommen.

Bruno Wyss verkauft in seinem Waffenladen in Burgdorf keine Prop Guns, sagt aber, dass solche in der Schweiz seines Wissens verwendet werden. «Zum Beispiel in der Schweizer Produktion Mad Heidi», sagt Wyss. «Prop Guns werden hauptsächlich in Filmproduktionen verwendet, um gefahrlos möglichst realistisch Waffenszenen darstellen zu können», erklärt der Waffenverkäufer. Dabei gebe es verschiedene Typen von Prop Guns. Zum einen deaktivierte Feuerwaffen, also solche, die von einem Spezialisten funktionsunfähig gemacht wurden. «Die dann im Film zu sehenden Waffeneffekte wie Mündungsfeuer werden per Computer erzeugt», erklärt Wyss.

Dann gibt es Schreckschusswaffen, welche aus Feuerwaffen zur Verwendung von Platzpatronen modifiziert wurden. Diese erzeugen zwar dank eines Treibmittels den Schussknall und eine Mündungsflamme, beschleunigen aber kein Geschoss. Weiter gibt es reine Waffenimitate, sogenannte Replica Guns, die wie eine richtige Waffe aussehen, aber keine Funktion haben. Die sind ähnlich wie die Non-Guns, die zusätzlich elektronische Bestandteile haben, um zum Beispiel ein Mündungsfeuer zu imitieren, erklärt Bruno Wyss aus Burgdorf.

Von diesen Prop Guns könnte bei Missbrauch nur die deaktivierte Feuerwaffe gefährlich sein - das bei unsachgemässer oder nicht vollzogener Deaktivierung, Schreckschusswaffen sind höchstens in unmittelbarer Nähe zur Mündung eine Verletzungsgefahr, Waffenimitate nicht. Bruno Wyss sagt:

«Zu beachten ist, dass zumindest in der Schweiz jeder Gegenstand, der eine Waffe imitiert, nach Gesetz auch als solche betrachtet wird und nicht frei erworben werden kann».

Zu beachten sei, sagt Wyss, dass zumindest in der Schweiz jeder Gegenstand, der eine Waffe imitiert, nach Gesetz auch als solche betrachtet wird und nicht frei erworben werden kann.

Mit Waffen auf dem Filmset haben auch die Stuntleute zu tun. Auf Anfrage sagt Pamela Gräbe von der German Stunt Association, Waffen würden in der Regel von Waffenmeistern betreut. «Generell werden Szenen mit Gefahrenpotenzial mit Hilfe sogenannter Gefährdungsbeurteilungen untersucht», sagt Gräme.

Wenn die Gefahr von Verletzungen bestünde, würde diese durch unterstützende Massnahmen oder Änderungen der Szene ausgeschaltet. «Wenn dann doch etwas passiert, ist es so gut wie immer eine Verkettung mehrerer unglücklicher Umstände», sagt Gräme.

Eine scharfe Patrone

Am Boden zerstört ist der 68-jährige Starschauspieler Alec Baldwin, der fragt, warum ihm eine geladene Waffe in die Hand gedrückt worden war. Ein Sprecher der Filmproduktionsfirma sagte, dass es sich bei dem Unfall um eine «Fehlzündung einer mit Platzpatronen geladenen Requisitenwaffe» gehandelt habe.

Gemäss der Filmwebseite Indie Wire, schickte die Gewerkschaft IATSE Local 44, die für Requisiteure zuständig ist, am frühen Freitagmorgen ein E-Mail an ihre Mitglieder, in der es hiess, dass die in der Szene verwendete Pistole «eine scharfe Patrone» enthielt. Der Requisiteur der Produktion sei kein Mitglied der Gewerkschaft Local 44.

Die Dreharbeiten auf der Bonanza Creek Ranch hätten noch bis Ende November dauern sollen. Jetzt ist das Filmset mit Absperrbändern der Polizei abgesperrt und kreisende Helikopter liefern Bilder davon auf die Bildschirme dieser Welt.

Statement von Alec Baldwin

Inzwischen hat sich Alec Baldwin gemeldet und gesagt: «Meine Betroffenheit und Trauer über den tragischen Unfall, bei dem Halyna Hutchins, eine Ehefrau, Mutter und von uns sehr geschätzte Kollegin, ums Leben kam, lässt sich nicht in Worte fassen. Ich unterstütze die polizeilichen Ermittlungen zur Aufklärung dieser Tragödie in vollem Umfang und stehe mit ihrem Ehemann in Kontakt, um ihm und seiner Familie meine Unterstützung anzubieten. Mein Herz ist gebrochen für ihren Mann, ihren Sohn und alle, die Halyna kannten und liebten.»

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