Washington DC
«Sie werden versuchen, das Kapitol zu stürmen» – ein Twitter-User warnte schon vor Weihnachten vor dem Angriff

Die «Schande von Washington» hat die USA erschüttert. Auf Twitter sagte Arieh Kovler die Ereignisse schon am 21. Dezember voraus - in dem er fleissig in Beiträge von Trump-Fans in Online-Foren las.

Christoph Bernet
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Ein Trump-Anhänger in der Vorkammer des Senats.

Ein Trump-Anhänger in der Vorkammer des Senats.

Manuel Balce Ceneta / AP

Am 21. Dezember 2020 setzte Arieh Kovler eine Reihe von Tweets ab: «Bewaffnete Trump-Milizen werden sich auf Trumps Aufruf hin in Washington versammeln. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie versuchen werden, das Kapitol zu stürmen. Ich glaube nicht, dass das schon überall beachtet wird.» Am 6. Januar 2021 wurden seine Vorhersagen Realität: Die gewaltsame Erstürmung des US-Parlamentsgebäude schockierte die Vereinigten Staaten und den Rest der Welt.

Wer ist der Mann, der das Ereignis vorausgesehen hat? Arieh Kovler ist Publizist, PR- und Kommunikationsexperte. Auf seiner persönlichen Website bezeichnet er sich als «professioneller Generalist», der komplizierte Themen so zu erklären versucht, damit sie möglichst viele Leute verstehen.

«Seid da, seid wild!»

Seine erstaunlich präzise Voraussage basiert auf einer minutiösen Beobachtung auf Diskussionen von Trumps fanatischsten Anhängern in Online-Foren. Und in diesen Foren löste ein Tweet von Donald Trump vom 18. Dezember fieberhafte Diskussionen aus.

Darin verwies Trump auf einen Bericht seines Wirtschaftsberaters Peter Navarro, indem dieser angebliche «statistische Beweise» für einen Wahlbetrug zugunsten seines demokratischen Widersachers Joe Biden auflistet: «Grosser Protest in Washington am 6. Januar. Seid da, seid wild!» schrieb der US-Präsident auf Twitter.

In den Diskussionsforen begannen Trumps Anhänger, die Bedeutung dieser Aufforderung zu diskutieren. Wie Kovler mit Screenshots aus Pro-Trump-Foren minutiös belegte, war für viele von ihnen klar: Der Präsident ruft seine Anhänger per Twitter dazu auf, ihm beizustehen, um vom Kongress trotz Wahlniederlage zum Präsidenten erklärt zu werden: «Das ist ein Marschbefehl des obersten Befehlshabers», schrieb ein User im Forum.

Rasch wurde diskutiert, ob man dabei Waffen tragen soll oder nicht: «Will Daddy (so wird Trump im Forum genannt), dass wir bewaffnet kommen oder nicht?» Für eine Mehrheit war die Antwort ein klares Ja.

Im Vorfeld des 6. Januar wurden die Diskussionen immer konkreter. Im Forum wurden Karten der unterirdischen Gänge des Kapitols geteilt und über Exekutionen von Abgeordneten fantasiert. Dazu kam es nicht, doch starben im Zusammenhang mit den Ausschreitungen vier Personen. Die Polizei konfiszierte mindestens 13 Waffen und fand mehrere improvisierte Sprengkörper.

Trotz Kovlers Vorhersage sagte der Polizeichef von Washington am Donnerstag, es habe im Vorfeld keine Hinweise auf einen Sturm des Kapitols gegeben. Kovler meinte gleichentags in einem Interview mit «GQ»: «Nachdem was ich im Vorfeld gesehen habe, hätte es noch viel schlimmer herauskommen können.»