Asyl
Schweden Top, Portugal Flop: Flüchtlinge sind in Europa ungleich verteilt

Die Schweiz gehört zu den beliebtesten Zielländern für Asylbewerber in Europa. Nur Schweden, Ungarn, Österreich und Malta nehmen im Verhältnis zur Wohnbevölkerung mehr auf – im Gegensatz zu Portugal und Estland.

Anna Wanner
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Weitere 93 Personen wurden demnach aus dem Wasser gerettet, 30 von ihnen kamen ins Spital.
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Asylbewerber: Anzahl pro 1000 Einwohner 2014 – in der EU und in der Schweiz.
Vor einem beliebten Strand der griechischen Touristeninsel Rhodos ist ein Schiff mit Dutzenden Flüchtlingen an Felsen zerschellt.
Mindestens drei Menschen starben, darunter ein vierjähriges Kind.
Nach ersten Erkenntnissen der Küstenwache kam das Schiff offenbar aus der Türkei.
Flüchtlingsdrama im Mittelmeer
Augenzeugen gaben an, die Flüchtlinge klammerten sich an Teile des Schiffes, um auf diesen die Küste zu erreichen.
Medienberichten zufolge beteiligten sich auch Inselbewohner an der Rettung.
Über die Nationalität der Menschen wurde zunächst offiziell nichts bekannt.
Augenzeugen sagten im örtlichen Rundfunksender, viele von ihnen seien aus Syrien.
Flüchtlingsdrama im Mittelmeer
Flüchtlingsdrama im Mittelmeer
Flüchtlingsdrama im Mittelmeer
Die italienische Küstenwache ist überfordert
Flüchtlinge klammern sich an ein Boot
Schweigeminute im EU-Rat

Weitere 93 Personen wurden demnach aus dem Wasser gerettet, 30 von ihnen kamen ins Spital.

Keystone

23'555 Asylsuchende wurden im vergangenen Jahr in der Schweiz registriert. Das sind 2,9 Asylbewerber pro 1000 Einwohner. Im europäischen Vergleich gehört die Schweiz mit diesem Wert zu den Spitzenreitern.

Nur Schweden, Ungarn, Österreich und Malta haben prozentual mehr Personen aufgenommen. In Portugal ist die Zahl hingegen nahezu vernachlässigbar. Das Land hat 2014 bloss 440 Asylsuchende registriert. Ähnlich tief sind die Werte in baltischen Staaten und Osteuropa.

Die Unterschiede innerhalb der EU sind frappant. Deshalb verlangen die nord- und mitteleuropäischen Staaten einen Verteilschlüssel, der für mehr Gerechtigkeit sorgen soll. Gestern haben die EU-Staaten darüber beraten, ob sie erstmals ein Kontingent von 5000 Flüchtlingen aufnehmen, um sie im Verhältnis zur Wohnbevölkerung auf die 28 Mitglied-Staaten zu verteilen.

Asylbewerber pro 1000 Einwohner 2014

Quelle: Eurostat

Eurostat

Nationaler Egoismus überwiegt

Das Bekenntnis zu Kontingenten sei ein Fortschritt, sagt Stefan Frey, Sprecher der Schweizer Flüchtlingshilfe. Nur sei die Frage ungeklärt, nach welchen Kriterien Flüchtlinge auf Staaten verteilt werden. Die offizielle Schweiz befürwortet einen Verteilschlüssel nach Wohnbevölkerung. Die Flüchtlingshilfe würde den Einbezug von wirtschaftlicher Stärke bevorzugen. Allerdings hält Frey eine «ausgewogene Lösung» für unwahrscheinlich: «Der nationale Egoismus ist Treiber für Regeln in Europa.»

Staaten am Mittelmeer entlasten

Trotzdem tut eine Diskussion Not. Die Flüchtlingszahlen haben laut europäischem Statistikdienst Eurostat 2014 einen Spitzenwert von 626'000 Personen erreicht. Und es sieht nicht danach aus, dass sich die Lage demnächst entspannen wird. Nicht nur Spanien und Portugal werden sich gegen solche Kontingente wehren, mit Widerstand ist vor allem auch vonseiten der osteuropäischen Staaten zu rechnen, die gegenüber den nördlichen Staaten eine Mehrheit bilden.

Das bedauert Frey, der überzeugt ist, dass die Kontingente zu einer Entspannung führen würden, vor allem an der Südgrenze Europas. Er fordert: «Auch Spanien und Portugal müssen sich beteiligen.» Die Ungleichheit sei Ausdruck davon, dass das heutige System überholt sei, es berücksichtige die Reisetätigkeit nicht. «Viele Asylsuchende wollen nicht bleiben, wo sie angekommen sind. Sie reisen zu ihren Familien, sie folgen ihrer Gemeinschaft.»

Deutschland nimmt 200'000 auf

Für eine gerechtere Verteilung von Asylbewerben setzen sich nicht nur Italien, Malta und Griechenland ein, die vom Ansturm der Bootsflüchtlinge direkt betroffen sind. Auch Deutschland, das 2014 absolut am meisten Flüchtlinge aufnahm (202'645 Personen), befürwortet ein neues System, wie die NZZ schreibt. Mit Support ist aus jenen Ländern zu rechnen, die prozentual am meisten Asylsuchende beherbergen, etwa Österreich.

Doch verändern Kontingente die Flüchtlingsströme? Eine Standardisierung von Aufnahmekriterien und Integrationsregeln sei zwingend, sagt Frey. «Schweden ist grosszügiger im Umgang mit den Flüchtlingen. Würden die Standards vereinheitlicht, fiele auch die Sogwirkung einzelner Länder weg.» Das gelte auch für die Schweiz, die zu den Staaten «mit einigermassen humanen Aufnahmeverfahren» gehöre.

Unzählige untergetaucht

Interessant ist der hohe Anteil an Flüchtlingen in Ungarn und Malta, im Gegensatz zu Italien und Griechenland: Alle vier Staaten sind Teil der EU-Aussengrenze. Italien beklagt sich zwar, dass es den Ansturm von Flüchtlingen kaum bewältigen könne. Im Verhältnis nimmt es aber kaum welche auf: 2014 kamen nur 1,1 Flüchtlinge auf 1000 Einwohner.

Frey sagt, das liege daran, dass oftmals unterschlagen werde, dass die ankommenden Bootsflüchtlinge sich nicht registrieren lassen, weil sie nicht unter den klassischen Flüchtlingsbegriff fallen. «Sie tauchen unter, setzen sich ab. Statistisch existieren sie nicht.» Aber physisch sind sie trotzdem da.

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