Radikaler Schritt
Ab Montag gibts in Italien kaum noch Massnahmen – Ungeimpfte dürfen nicht mehr zur Arbeit erscheinen

80 Prozent sind geimpft, die Fallzahlen sind tief: Italien wagt nach über 130'000 Covid-Toten den grossen Schritt zurück in die Freiheit. Für Ungeimpfte wird es mühsam.

Dominik Straub, Rom
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Ab Montag wieder möglich: Partys (fast) ohne Einschränkungen wie hier in Gallipoli.

Ab Montag wieder möglich: Partys (fast) ohne Einschränkungen wie hier in Gallipoli.

HO

Nach über 130'000 Covid-Toten kehrt Italien wieder in die Normalität zurück: Ab Montag fallen die Distanzregeln. Museen, Kinos, Theater und Konzertsäle dürfen wieder alle Plätze besetzen. Die Kapazitäten von Fussballstadien werden von 50 auf 75 Prozent erhöht, lediglich Discos und Nachtklubs müssen noch etwas strengere Limiten respektieren. Die Platzbeschränkungen in öffentlichen Verkehrsmitteln und die Maskenpflicht im Freien waren schon zuvor gefallen. Die Gesichtsmasken müssen nur noch in Innenräumen getragen werden.

Möglich wurden die neuen Lockerungen, weil in Italien inzwischen über 80 Prozent der Bevölkerung doppelt geimpft sind. Entsprechend tief sind die Fallzahlen: In der letzten Woche wurden pro Tag durchschnittlich nur noch 33 Neuinfektionen pro 100'000 Einwohner registriert - einer der tiefsten Werte in Europa.

«Die Massnahmen der Regierung haben funktioniert, und nun sind die Öffnungen willkommener Sauerstoff für die Wirtschaft und für das ganze Land.»

Das betonte Regionenministerin Mariastella Gelmini nach der Regierungssitzung, an welcher die neuen Lockerungen beschlossen wurden. Auch die Zahl der Todesfälle und der Patienten auf den Covid-Stationen sei markant zurückgegangen.

Gratis-Tests gibts keine mehr

Allerdings: Die allermeisten der neuen und alten Freiheiten können nur diejenigen Italienerinnen und Italiener geniessen, die einen «Green Pass» vorweisen können: Das Zertifikat erhält, wer geimpft, genesen oder getestet ist. Die Tests gelten für 72 Stunden und kosten bis zu 200 Euro im Monat.

Keine Abstandsregeln mehr: Auch am Strand von Tropea wirds bald wieder so aussehen wie zu vor-pandemischen Zeiten.

Keine Abstandsregeln mehr: Auch am Strand von Tropea wirds bald wieder so aussehen wie zu vor-pandemischen Zeiten.

Unsplash

Im Innern eines Restaurants essen gehen, einen Intercity-Zug, eine Fähre oder ein Flugzeug benützen, sich im Kino einen Film ansehen, tanzen gehen, eine Ausstellung oder ein Fussballspiel besuchen: Das alles bleibt den Inhabern eines Impfpasses vorbehalten. Sie dürfen (fast) alles, die Impfverweigerer (fast nichts) - und demnächst nicht einmal mehr arbeiten.

Ungeimpfte Arbeitende müssen mit saftigen Bussen rechnen

Ab Mitte Oktober müssen Angestellte und Arbeitende beim Eintreffen an ihrem Arbeitsplatz ebenfalls den «Green Pass» vorweisen. Können sie dies nicht, werden sie umgehend wieder nach Hause geschickt. Das gilt sowohl für den öffentlichen Dienst als auch für die Privatwirtschaft. Wer sich trotzdem in sein Büro oder an seine Werkbank begibt, riskiert saftige Bussen; spätestens ab dem fünften Tag wird die Lohnzahlung eingestellt.

Für die Angestellten der Spitäler und für Lehrkräfte und das übrige Schulpersonal existiert die Regelung schon länger. Derzeit sind in Italien noch rund 10 Prozent der Arbeitnehmer nicht geimpft - die meisten von ihnen rennen nun zu Last-Minute-Impf-Terminen.

Obwohl die Impfpass-Pflicht beim Arbeiten objektiv eine einschneidende Massnahme darstellt, haben die Impfverweigerer und «Green Pass»-Gegner in Italien weiterhin einen schweren Stand.

Das zeigte sich auch bei den Kommunalwahlen vom vergangenen Wochenende: Die impfskeptischen Kandidaten der sogenannten 3-V-Bewegung («Vaccini - Vogliamo la Verità» - «Impfstoffe - Wir wollen die Wahrheit») sind in Rom, Mailand, Neapel und in den meisten anderen Städten nicht über 0,5 Prozent der Stimmen hinausgekommen.

Und die rechtspopulistische Lega von Matteo Salvini, der im Wahlkampf noch mit den Impfverweigerern geflirtet hatte, ist auf geradezu epochale Weise von den Wählerinnen und Wählern abgestraft worden.

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