Wikileaks-Depeschen
Putin: Schwarzgeld-Millionen dank guten Schweizer Freunden?

US-Botschafter verdächtigen Wladimir Putin, er mache Millionen durch dubiose Ölgeschäfte. Im Zentrum steht eine Genfer Firma. Wegen den Deals habe er Angst vor Ermittlungen und darum einen schwachen Präsidentschafts-Nachfolger aufgebaut.

Christian Bütikofer
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Keystone

Die amerikanische Botschaft in Moskau beschäftigte sich wiederholt mit Wladimir Putins angeblich versteckten Millionenvermögen. Es soll dank völlig intransparenten Ölgeschäften der Firmen Gunvor oder Surgutneftegaz entstanden sein, verdächtigen ihn die Amerikaner. Das zeigen Botschafts-Depeschen, die Wikileaks kürzlich veröffentlichte.

Von besonderem diplomatischen Interesse war die Genfer Firma Gunvor. US-Botschafter in Moskau John Beyrle kabelte nach Washington, Gunvor sei einer der Pfeiler, auf denen Putins Vermögen beruhe. Gegen aussen gehöre Gunvor Gennadi Timtschenko, der ein ehemaliger Kamerad Putins zu Geheimdienst-Zeiten im sowjetischen KGB gewesen sei.

Walter Bruderer vom PR-Unternehmen Neva Communications vertritt Gunvor gegenüber den Medien. Er schreibt der «az Aargauer Zeitung»: «Anscheinend kursieren manche unzutreffende Berichte über Gunvor, weil Herr Timtschenko in der Tat Premierminister Putin kannte, bevor dieser berühmt wurde. Doch die Behauptung, beide hätten eine gemeinsame KGB-Vergangenheit oder gemeinsame geschäftliche Aktivitäten, ist völlig unhaltbar. Guennadi Timtschenko war nie Mitglied des KGB und kann folglich nicht ein ehemaliger Kamerad von Premierminister Putin in dieser Organisation gewesen sein.»

Gunvor bestreitet Günstlingswirtschaft

Timtschenko bestreitet bis heute vehement, durch Putins Gnaden profitiert zu haben. Zudem gehe er gegen alle juristisch vor, die das Gegenteil behaupteten, schrieb «Intelligence Online».

Die Gunvor Services SA war bis Ende 2009 in Genf aktiv, heute ist die Firma gelöscht. Mehrere internationale Zweigniederlassungen befinden sich bis heute an der gleichen Adresse.

Timtschenkos Verbindungsmann zu europäischen Banken sei Kurt Suntay, schreiben die US-Diplomaten. Auch er hat sich mit seiner Firma Ural Invest am Lac Léman gemütlich niedergelassen.

Gunvor-PR-Berater: «Auch hier irrt sich die Quelle»

Ein Quelle behauptete 2008 gegenüber US-Diplomaten, Gunvor würde bis zu 50 Prozent des Erdölexports Russlands kontrollieren. Dazu Walter Bruderer von Neva Communications: «Auch hier irrt die Quelle. Gunvor hat bis zu ein Drittel aller auf dem Seeweg transportierten russischen Ölexporte abgewickelt - nicht 50 Prozent aller Exporte.»

Weiter ist in der Wikileaks-Depesche zu lesen, die private Firma werde vom Staat stark unterstützt. Zum Beispiel laufe der Erdölexport nach Ungarn ausschliesslich über Gunvor. Die Firma schlage für ihre Dienste auf jedes Barrel Öl einen Dollar auf, was in einem freien Markt höchstens 20 Cents kostete.

Auch das verneint Neva Communications: «Wir möchten darauf hinweisen, dass die überwiegende Mehrheit der russischen Exporte von Gunvor auf dem Seeweg und in den meisten Fällen über Primorsk und Noworossijsk FOB ("Free on board") transportiert wird. Der Gesellschaft ist nicht bekannt, dass jemals die Druzhba-Pipeline nach Ungarn verwendet wurde. Diese Behauptung ist daher einfach unzutreffend.»

Viergrösste Ölfirma Russlands gehört Unbekannten

Neben Gunvor falle vor allem eine Ölgesellschaft durch ihre Intransparenz auf: Surgutneftegaz. Auch sie soll eine von Putins Geldmaschinen sein, schrieb die US-Botschaft in Moskau. Niemand kennt die wahren Besitzer von Surgutneftegaz - immerhin die viertgrösste Ölfirma Russlands.

Ein Informant gab zu bedenken, Putin müsse gar nicht als anonymer Miteigentümer dieser Firmen auftauchen, um von deren Geschäften zu profitieren.

Walter Bruderer von Neva Communications schreibt dazu wortreich: «Die Behauptung, dass Premierminister Putin in irgendeiner Form an Gunvor beteiligt ist, oder irgendein finanzielles Interesse daran hat, ist schlicht falsch. Die Gründer des Unternehmens, Guennadi Timtschenko und Torbjorn Tornqvist, besitzen die grosse Mehrheit der Anteile. Daneben besteht eine kleine Minderheitsbeteiligung eines Mitarbeitertreuhandfonds zugunsten der leitenden Angestellten von Gunvor. Weder Premierminister Putin noch eine mit ihm verbundene Person sind Eigentümer von Anteilen an Gunvor. Premierminister Putin ist kein Begünstigter dieses Unternehmens oder seiner Aktivitäten.»

Grosse Kredite weltweit führender Banken

Weiter meint PR-Berater Walter Bruderer gegenüber der «az Aargauer Zeitung», Gunvor habe in der Vergangenheit grosse Kredite führender Banken in Anspruch genommen, der jüngste habe einen Umfang von mehr als einer Milliarde US-Dollar betragen: «Wie zu erwarten, erfordern Fazilitäten dieser Art die umfassende und transparente Offenlegung der Eigentumsverhältnisse der betreffenden Gesellschaft. Führende Banken weltweit tätigen offenkundig sehr gerne und ohne Bedenken Geschäfte mit Gunvor.»

«Böögen» auf Papier verschmiert

Der politische Analyst Stanislaw Belkowski schätzte in einem Interview in der deutschen «Die Welt» Putins Vermögen auf sagenhafte 25 Milliarden Dollar. Lange schwieg der Ex-Präsident zu dieser Zahl. Dann liess er verlauten, das sei Dreck, den sich jemand aus der Nase gezogen und dann auf Papier geschmiert habe.

Putin soll sich vor Untersuchungen fürchten

Ende 2007 wurde in Moskau darüber spekuliert, ob Putin eine dritte Präsidentschaft anstrebte. Die US-Diplomaten waren sich ziemlich sicher, dass dies nicht der Fall sei. Eine Quelle aber meinte, Putin suchte verzweifelt einen Nachfolger, der seine angeblich illegalen Vermögen unangetastet bleiben lasse.

Das sei der Grund gewesen, warum plötzlich Dmitri Medwedew als Favorit fürs Präsidentenamt Russlands galt. Früher sei Sergei Iwanow Kronfavorit gewesen. Doch Putin habe ihm misstraut und sich sehnlichst eine schwächere Figur als Präsidenten gewünscht.

«Batman und Robin»

Die Amerikaner reden vom «Batman and Robin»-Prinzip: Medwedew sei zwar Präsident, diene als «Helfer» Robin aber nur «Batman» alias Putin zu, der inzwischen Premierminister Russlands ist und nach wie vor das Sagen habe.

Die Depeschen bei Wikileaks: 08MOSCOW2632, 08MOSCOW3380, 07STATE164120