Profitgier in der Pandemie
Gefährliche Entwicklung: In der Coronakrise sind in Frankreich über 500 neue Sekten entstanden

In Frankreich haben Sekten, Gesundbeter und Wunderheiler starken Zulauf. Die Regierung will sie besser kontrollieren. In der Schweiz liegt das Problem etwas anders.

Stefan Brändle aus Paris
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Sekten und andere Formen der Heiligenverehrung haben in Frankreich in der Covid-Krise grossen Zulauf. Hunderte entstanden in den vergangenen Monaten.

Sekten und andere Formen der Heiligenverehrung haben in Frankreich in der Covid-Krise grossen Zulauf. Hunderte entstanden in den vergangenen Monaten.

Bild: Siegfried Modola/Getty Images

Ulysse Ha Duong wollte eigentlich lernen, wie man überlebt. Doch dann verwechselte jemand im Survival Camp zwei Pflanzen und der 25-jährige Bretone starb an einer Magenvergiftung. Acht weitere Teilnehmer wurden im Spital gerettet.

Der tragische Todesfall des vergangenen Sommers in der Nähe von Lorient wirft ein Schlaglicht auf den gefährlichen Boom einer ganzen Branche. Wie die französische Ministerin für Bürgerfragen, Marlène Schiappa, vergangene Woche erklärte, sind in Frankreich im Verlauf der Covid-Krise rund 500 Sekten und ähnliche Gruppen aus dem Boden geschossen.

«Darunter sind neue Gurus, die sich der Pandemie bedienen, um angebliche Heilmethoden anzubieten, die in Wahrheit in psychologischer Unterwerfung oder Geld-Abzocke bestehen», sagte Schiappa. Als Folge kündigte sie eine Verstärkung der nationalen Anti-Sekten-Mission (Miviludes) an. Konkreter dürfte sie in den nächsten Tagen werden.

Die Pandemie schürt Ängste

Der Trend zu neuen Sekten kann an sich nicht überraschen. Die Pandemie steigert die allgemeine Verunsicherung und schürt Ängste. «Wenn die Leute in Situationen geraten, die sie nicht mehr meistern, verfallen sie in extreme oder gar wahnwitzige Glaubenshaltungen», erklärt Didier Pachoud vom Schutzverein Gemppi.

Er hält die Zahl von 500 neuen Sekten noch für untertrieben, da es eine starke Dunkelziffer gebe. Einigkeit herrscht, dass die Sektenopfer zahlreich sind. Schiappa schätzt sie in Frankreich auf 140'000. Darunter sind besonders viele Frauen und junge Menschen.

Die Krise verändert die Nachfrage und damit auch die Sekten. Laut Schiappa sind religiöse Gruppen wie die Sonnentempler oder die Scientologen heute in der Minderzahl. In der Mehrheit locken heute kleine Gruppen oder Einzelpersonen mit einem mehr oder weniger esoterischen Gesundheitsversprechen.

Fachmann Pachoud zählt meditative Erfahrungen wie Vipassana (buddhistisch: „Einsicht“) oder Reiki. Auch wenn sie bisweilen nicht ins Nirwana müden, sondern ins psychiatrische Pflegeheim, wie zuletzt bekannt gewordene Fälle belegen, haben sie in der Covid-Zeit regen Zulauf.

Erwachsene hungern sich auf unter 40 Kilo

Ähnlich verhält es sich mit so genannten «Gesundheitskuren» wie dem Extrem-Fasten oder Rohkost-Therapien. Letztere haben dem Youtuber Thierry Casasnovas schon mehrere hundert Anzeigen von Angehörigen bei Miviludes eingebrockt, weil erwachsene Teilnehmer auf unter 40 Kilogramm abgemagert sind. Gegen blosses Safttrinken hat die Kontrollstelle aber kaum eine Handhabe.

Auch der Genfer Naturheiler Christian Tal Schaller benutzt die Covid-Krise, um in seinem frankophonen Publikum für seine Praktiken (Schamanismus, Urintherapie) zu werben. In einem neuen Buch scheut der selbsternannte «Docteur» nicht vor der Frage zurück, ob die Anti-Covid-Impfung einen «planetaren Genozid» darstellten.

Seit Beginn der Pandemie laufen auf Betreiben von Miviludes zwei Dutzend Justizverfahren gegen andere Personen und Gruppen, die aus Corona Kapital zu schlagen versuchen. Und zwar sehr konkret: Individuelles Coaching durch Wunderheiler, Magnetiseure und Schamanen kostet laut Miviludes im Dauerabo «bis zu 100'000 Euro».

Die Schweiz unter Einfluss frankophoner Sekten

In der Schweiz steht vor allem die Romandie über die sozialen Medien unter dem Einfluss frankophoner Sekten. Die waadtländische SP-Kantonsrätin Claire Attinger hat Ende März eine diesbezügliche parlamentarische Anfrage eingereicht. Die Antwort steht noch aus.

Das nur in der Westschweiz aktive Interkantonale Informationszentrum für Glaubensfragen (CIC) sieht laut Genfer Medien das Problem allerdings nicht in erster Linie bei den neuen Sekten der Covid-Zeit, sondern eher bei den neuen Verschwörungstheorien. Deren Anhänger sonderten sich oft auf ebenso radikale Weise von ihren Familien ab wie die Mitglieder eigentlicher Sekten.