Plagiatsaffäre
Plagiatsaffäre Schavan: Wieso hat der Doktorvater nichts gemerkt?

Der deutschen Bildungsministerin Schavan wurde der Doktortitel entzogen. Der emeritierte deutsche Juraprofessor George Turner sagt im Gespräch, warum die Ministerin nicht zurücktreten soll und wer für die Plagiatsaffäre wirklich verantwortlich ist.

Michael Hugentobler
Merken
Drucken
Teilen
Die Universität muss Verantwortung übernehmen, sagt der eremitierte Professor George Turner.

Die Universität muss Verantwortung übernehmen, sagt der eremitierte Professor George Turner.

Universität Göttingen

Bildungsministerin Annette Schavan wurde der Doktortitel aberkannt - muss sie Ihrer Ansicht nach jetzt zurücktreten?

Nein, solange kein Gerichtsurteil die Position der Universität bestätigt, soll sie im Amt bleiben.

Zur Person

Der eremitierte deutsche Juraprofessor George Turner (77) war von 1970 bis 1986 Präsident der Universität Hohenheim in Baden Württemberg. Von 1976 bis 1983 war er Vize- und dann Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz. Als Parteiloser war er drei Jahre als Senator für Wissenschaft und Forschung der Berliner CDU-/ FDP-Regierung tätig. Er forderte bereits Anfang der siebziger Jahre "mehr Wirtschaftlichkeit an den Universitäten".

Hat sie denn keine Fehler gemacht?

Natürlich hat sie Fehler gemacht, aber sie war nicht alleine. Wenn die Fehler so gravierend sind, muss man sich fragen, welche Rolle ihr Doktorvater hatte. Dieser kommt jetzt völlig ungeschoren davon. Man muss bei dieser Geschichte berücksichtigen, dass der Doktorvater geschont wird und die ganze Kritik beim Doktoranden abgeladen wird.

Was ist denn der wahre Missstand?

Dass der Doktorvater die Fehler vor Jahren hätte erkennen müssen.

Wie erklären Sie sich den grossen Rummel, den dieses Plagiat verursacht?

Wäre Annette Schavan nicht Bildungsministerin, würde sich kein Mensch für die Geschichte interessieren. Sie ist Gegenstand des öffentlichen Interesses und muss sich diese Diskussion um ihre Doktorarbeit gefallen lassen.

Das eigentliche Problem liegt also beim Doktorvater?

Ich denke schon. Er kam von der pädagogischen Hochschule und wurde zum Professor, war es sich aber nicht gewohnt, Doktoranden zu betreuen. Ein verantwortungsvoller Doktorvater hätte seinen Doktoranden empfohlen, erst ein Examen zu machen und nicht gleich den Doktor. Das ist aber leider nicht passiert.

War er zu wenig genau oder schlicht überfordert?

Offenbar beides. Wenn die Fehler so offenkundig waren, wie der Gutachter der Heinrich-Heine-Universität jetzt darlegt, hätte auch er sie sehen müssen. Der Doktorandin wurde ein Grossthema überlassen, das überaus anspruchsvoll war.

In dem Fall ist also die Universität schuldig, die ihre Professoren überfordert?

Es ist auf jeden Fall zu einseitig, die ganze Schuld Annette Schavan zuzuschieben. Das ist eine falsche Form von Kollegialität. Eine selbstkritische Universität käme zum Schluss, dass ihre Professoren das wissenschaftliche Handwerk nicht beherrschten und deshalb nicht weitergeben konnten. Der Gutachter von Annette Schavans Doktorarbeit will nicht sehen, was damals passiert ist: Dass überforderte Professoren eine Doktorandin überforderten und sie schlecht führten. Als sehr problematisch sehe ich auch, dass der Gutachter Annette Schavan nicht anhörten.

Wie meinen Sie das?

Er will eine leitende Täuschungsabsicht in der Doktorarbeit erkannt haben. Er hätte die Bildungsministerin mit den Vorwürfen konfrontieren müssen, damit sie ihre Sicht der Dinge darlegen kann. Das machte er aber nicht. Das ist ein grober Fehler.

Arbeiten die Professoren heute denn genauer?

Das kann man nicht allgemein beantworten. Aber die ganze Debatte um Plagiate hat das Bewusstsein geschärft. Sowohl die Doktoranden als auch die Doktorväter werden jetzt vermutlich sorgfältiger arbeiten.

Werden wir in Zukunft noch mit vielen Plagiaten aus den 70er- und 80er-Jahren konfrontiert?

Das wollen wir nicht hoffen, aber ausschliessen kann man das nicht. Die Plagiatsjäger haben jetzt Blut geleckt und werden noch viele bekannte Politiker unter die Lupe nehmen.