Pandemie
Omikron-Variante: Sind wir zurück auf Feld eins? Deutscher Gesundheitsminister wagt düstere Vorhersage

Die Welt reagiert mit scharfen Massnahmen auf die neue Mutante. Was uns erwartet, ist noch völlig unklar.

Markus Schönherr, Kapstadt, und Samuel Schumacher
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Das Corona-Virus ist mutiert: Bislang ist nur wenig über die neue Omikron-Mutante bekannt.

Das Corona-Virus ist mutiert: Bislang ist nur wenig über die neue Omikron-Mutante bekannt.

Bild: Unsplash

Als die amerikanische Regierung im Januar 2020 alle Flüge aus China stoppte, damit das gerade aufgetauchte Coronavirus nicht in die Staaten gelangen würde, da schüttelte die Welt ungläubig den Kopf. Viren lassen sich nicht stoppen, diskriminierende Reise-Einschränkungen bringen nichts, lautete die Meinung der Mehrheit.

Als aber vergangene Woche südafrikanische Experten Alarm schlugen und bekanntgaben, dass da eine neue Viren-Mutation aufgetaucht sei, ging die Welt sofort in den Isolationsmodus. Die Briten waren die ersten, die alle Flüge aus Südafrika stoppten. Zahlreiche europäische Länder folgten dem Beispiel. Auch die USA, Japan, Singapur, Israel oder Kenia haben die Einreisebestimmungen für Reisende aus dem südlichen Afrika massiv verschärft. Für Personen aus dem Schengenraum ist die Rückkehr aus Südafrika in die Schweiz allerdings weiterhin gestattet.

Niederlande reagiert mit Abend-Lockdown

Wie ansteckend und gefährlich die neue Omikron-Mutation des Corona-Virus ist, weiss man noch nicht. Auch die Frage, ob die existierenden Impfstoffe einen wirksamen Schutz gegen das neue Virus bieten, ist nicht geklärt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass es mehrere Wochen dauern könnte, bis entsprechende Antworten vorliegen.

Für die kommenden Wochen heisst das vorerst: abwarten, Abstand halten, Impflücke schliessen. Die Omikron-Variante ist inzwischen in zahlreichen Ländern nachgewiesen worden, zuletzt auch im nördlichen Nachbarland Deutschland und im noch immer stark isolierten Australien. Südafrika-Rückkehrer, die am Wochenende in der Schweiz gelandet sind, wurden vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) via SMS dazu aufgefordert, sich umgehend in Quarantäne zu begeben. Am Sonntagabend meldete das (BAG), die Omikron-Mutante sei inzwischen auch in der Schweiz nachgewiesen worden - mutmasslich eingeschleppt von einem Südafrika-Rückkehrer.

Die Briten (im Bild der Flughafen London Heathrow) waren die Ersten, die die Flüge aus Südafrika stoppten.

Die Briten (im Bild der Flughafen London Heathrow) waren die Ersten, die die Flüge aus Südafrika stoppten.

Einen grossen Schritt weiter als die Schweiz gehen die Niederlande. Am Freitagabend waren am Flughafen von Amsterdam 61 von 600 gelandeten Flugpassagieren aus Südafrika positiv auf Corona getestet worden. Seit Sonntag gilt im ganzen Land ein abendlicher Lockdown. Ab 17 Uhr müssen alle Läden, Restaurants, Bars und Sportclubs schliessen. Für alle Schüler ab zehn Jahren gilt eine Maskenpflicht.

Einen radikalen Vorschlag hat unter dem Eindruck der neuen Mutation auch der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn gemacht: Als Alternative für eine generelle Impfpflicht sagte er, Deutschland könnte flächendeckend 2G einführen, und zwar für das «gesamte nächste Jahr». Bis Ende 2022 wären damit Restaurantbesuche, Shoppingtouren und möglicherweise auch die Nutzung des öffentlichen Verkehrs nur noch für Geimpfte und Genesene erlaubt.

Jens Spahn sieht nur eine Alternativ zu einer allgemeinen Impfpflicht: 2G für das gesamte Jahr 2022.

Jens Spahn sieht nur eine Alternativ zu einer allgemeinen Impfpflicht: 2G für das gesamte Jahr 2022.

Bild: EPA

Für Südafrika ist das Auftauchen der neuen Mutante eine Katastrophe. In den nächsten Wochen hätte die touristische Hochsaison starten sollen, von der sich die gebeutelte Wirtschaft des Landes den dringend nötigen Aufschwung erhofft hatte. Stattdessen wird das Land, dessen Labore bereits die Beta-Variante entdeckt hatten, erneut zum Leidtragenden seiner Spitzen-Forschung, die schnell und transparent über das Auftreten einer neuen Mutation informiert hat.

Südafrika: Opfer seines eigenen Erfolges?

Tulio de Oliveira, Direktor der KwaZulu-Natal Research Innovation and Sequencing Platform warnt davor, Südafrika zum Sündenbock für die neue Variante zu erklären.

«Die Tatsache, dass wir die Mutation hier entdeckt haben, bedeutet nicht, dass diese Variante in Südafrika entstanden ist.»

Südafrika verfügt über eines der weltweit fortschrittlichsten Systeme zur Erfassung und Sequenzierung von Viren. Entsprechend fragen sich viele, in wie vielen anderen Ländern Omikron sich schon zuvor ausgebreitet hatte. Ein Radiomoderator in Johannesburg stellte am Freitagmorgen die zynische Frage: «Sind wir vielleicht die Opfer unseres eigenen Erfolges?»

Cyril Ramaphosa, Südafrikas Präsident, warnt vor einer vorschnellen Verurteilung seines Landes.

Cyril Ramaphosa, Südafrikas Präsident, warnt vor einer vorschnellen Verurteilung seines Landes.

Bild: AP

Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa kommentierte die zahlreichen neuen Reisebeschränkungen am Sonntagabend in einer Fernsehansprache wie folgt:

«Diese Beschränkungen sind eine unfaire Diskriminierung unseres Landes und unserer Schwesterstaaten.»

Statt weitere Reisebeschränkungen zu verhängen, sollten die reichen Staaten der Welt viel eher dafür sorgen, dass Afrika endlich genügend Impfstoffe erhalte.

In Südafrika haben bislang nur 40 Prozent der Menschen eine Impfdosis erhalten. In Afrika sind im Schnitt nur 16 von 100 Menschen mindestens einfach geimpft.

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