Osteuropa
Hochspannung vor virtuellem Biden-Putin-Gipfel: Ukraine fürchtet russische Invasion

Kremlchef Wladimir Putin hat Tausende Soldaten an der Grenze zur Ukraine aufmarschieren lassen. Kiew befürchtet das Schlimmste. An diesem Dienstag sprechen Putin und US-Präsident Biden über die explosive Situation.

Paul Flückiger, Warschauund Renzo Ruf, Washington
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Ein ukrainischer Soldat an der Front: Kiew befürchtet einen russischen Angriff aus den besetzten Separatistengebieten im Osten.

Ein ukrainischer Soldat an der Front: Kiew befürchtet einen russischen Angriff aus den besetzten Separatistengebieten im Osten.

Anatolii Stepanov / EPA

«Bisher weder Tote noch Verwundete in unseren Reihen», konnte ein ukrainischer Armeesprecher am Montagabend vermelden. Wieder ein Tag der Entwarnung also. Und dies obwohl die pro-russischen Separatisten den Waffenstillstand mehrfach gebrochen hatten. Eingesetzt wurde vor allem Artillerie, dazu an zwei Punkten entlang der über 400 Kilometer langen Frontlinie auch Kalaschnikows.

Glaubt man den Erkenntnissen des amerikanischen Geheimdienstes ist dies jedoch nur die Ruhe vor dem Sturm. Demnach hat Russland entlang der Grenze zur Ukraine rund 85000 Mann konzentriert, die schnell auf 175000 erhöht werden könnten. Dazu vor allem Panzer und weitere militärische Hardware.

An die russische Drohkulisse gewöhnt - doch diesmal könnte es anders werden

Die Ukrainer haben sich an die russische Drohkulisse in den sieben Jahren Krieg im Donbas gewöhnt. Bereits Ende April, als Russland rund 120000 Mann an der Ostgrenze und auf der Krim angeblich nur zwecks Manövern zusammengezogen hatte, feierte Kiew vor allem das Ende des harten Coronalockdown.

In der Ukraine wird in Gesprächen immer wieder betont, die Russen seien militärisch zwar überlegen, aber sie müssten sich auf starken Widerstand mit entsprechend hohem Blutzoll einstellen. Vor allem junge Ukrainer bereiten sich darauf vor, auch selbst-organisiert als Partisanen gegen die russische Armee zu kämpfen.

US-Präsident Joe Biden (l) und Kremlchef Wladimir Putin bei ihrem Treffen im Juni dieses Jahres in Genf. Ihr Gespräch am Dienstag wird virtuell stattfinden.

US-Präsident Joe Biden (l) und Kremlchef Wladimir Putin bei ihrem Treffen im Juni dieses Jahres in Genf. Ihr Gespräch am Dienstag wird virtuell stattfinden.

Denis Balibouse / KEYSTONE POOL REUTERS

In Armeekreisen wird darauf verwiesen, dass das Heer sich in einem völlig anderen Zustand als im Frühjahr 2014 nach der Maidan-Revolution sei. Damals war die Halbinsel Krim Putins «grünen Männchen» kampflos überlassen worden – und auch im Donbas erlitten die Ukrainer schwere Niederlagen mit Hunderten von Toten. Inzwischen haben jedoch Nato-Instruktoren aus England, Kanada und den USA viele ukrainischen Soldaten geschult. Auch haben die USA der Ukraine moderne Panzerabwehrsysteme verkauft.

Dennoch machen sich die Kiewer Militärstrategen grosse Sorgen, denn das russische Militärpotenzial ist in fast allen Bereichen rund zehnmal höher als das ukrainische. Alleine mit den neuen Panzerabwehrraketen sei ein russischer Zangenangriff aus den Separatistengebieten und der Krim nicht aufzuhalten, warnen viele.

1000 Soldaten an der weissrussischen Grenze

Grosse Sorgen bereitet Kiew auch die Entwicklung in Weissrussland. Dort hat Minsk nicht nur endlich die Annexion der Krim anerkannt, sondern der Autokrat Aleksander Lukaschenko hat Putin offen die Loyalität und Unterstützung bei einem Kriegsfall im Donbas zugesichert. Im Ernstfall könnte dies vor allem eine Invasion weissrussischer Truppen in die Ukraine von Norden her bedeuten. Die Ukraine teilt über 1000 Kilometer völlig ungesicherte grüne Grenze mit Weissrussland. In den letzten Tagen wurden dorthin rund 1000 ukrainische Soldaten verschoben, um ein Einsickern des Feindes - und auch von Lukaschenko dorthin gekarrten Flüchtlingen aus Irak, Syrien und Afghanistan - in der Westukraine zu unterbinden.

Hauptthema beim Putin-Biden-Gipfel

Die Lage in der Ukraine ist an diesem Dienstag auch das Hauptthema einer Video-Konferenz zwischen dem amerikanischen und dem russischen Präsidenten. Joe Biden, so sagte am Montag ein hochrangiger Berater des US-Staatsoberhauptes, werde seinem Amtskollegen in Moskau mit aller Deutlichkeit vor Augen führen, welche «erheblichen» Folgen ein erneuter russischer Einmarsch in der Ukraine haben würde.

Ein direkter Militärschlag der USA gegen Russland steht zwar wohl nicht zur Debatte, auch weil die Ukraine nicht Mitglied des Verteidigungsbündnisses Nato ist, sagte der Biden-Berater. «Die USA suchen keinen Konflikt.» Amerika würde aber die verunsicherten Alliierten an der westlichen Flanke Russland mit einer Aufstockung der amerikanischen Truppen «beruhigen», sagte er.

Zudem seien, in Absprache mit EU-Staaten wie Deutschland, «erhebliche» wirtschaftliche Sanktionen gegen die Regierung von Präsident Wladimir Putin geplant, sagte der Berater. So könnte Russland isoliert werden, indem das Land aus dem Swift-Zahlungssystem abgetrennt würde.

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