Österreich
Feministinnen stürmen Redaktion - weil Sender die Nationalität der mutmasslichen Mädchenmörder von Wien nannte

Vier afghanische Staatsbürger werden verdächtigt, eine 13-Jährige getötet zu haben. Der Fall schlägt in Österreich auch politisch immer höhere Wellen.

Stefan Schocher aus Wien
Drucken
Teilen
Aktivistin der «Wiener Einsatzgruppe Feministische Alarmabteilung» in der OE24-Redaktion.

Aktivistin der «Wiener Einsatzgruppe Feministische Alarmabteilung» in der OE24-Redaktion.

Screenshot

Davon, was sie von der journalistischen Arbeit des Mediums OE24 halten, machten sie keinen Hehl: «Eure Arbeit ist scheisse, absolut scheisse», skandierten sie – und das mitten ins Gesicht eines Mitarbeiters des Medienhauses in der Inserate-Abteilung des Unternehmens.

Über den Müllraum waren die rund 20 linken Aktivisten vermutlich in die Räumlichkeiten vorgedrungen. Es kam zu einem eher zahmen Handgemenge, vor allem aber zu Schreiduellen. «Schleichts eich, schleichts eich jetzt», so der konfrontierte Mitarbeiter mit hochrotem Gesicht.

Verletzt wurde bei der ganzen Sache niemand. Und auch nach Eintreffen der Polizei eskalierte die Lage nicht. Einige Personen wurden vorübergehend festgenommen.

Der Konflikt brodelt schon länger

Und dennoch: Der Sturm auf die Redaktion des Mediums durch die Gruppe, die sich als «Wiener Einsatzgruppe Feministische Alarmabteilung» bezeichnet, markiert einen neuen Höhepunkt in einem andauernden Konflikt. Er markiert zugleich aber auch den vorläufigen Tiefpunkt in einer Spaltung, die quer durch das Land geht.

Der Anlass: Der Mord an einem 13-jährigen Mädchen in Wien. Der Tat verdächtigt werden vier afghanische Staatsbürger, die zum Teil vorbestraft sind. Dabei handelt es sich um Drogen und Raub-Delikte. Drei der Verdächtigen sind in Haft, ein Verdächtiger ist auf der Flucht. Vermutet wird, dass er sich ins Ausland abgesetzt hat.

Die Umstände der Tat sind dabei aber nach wie vor unklar. Anscheinend war das Mädchen aus sozial schwierigen Verhältnissen in die Wohnung eines der Verdächtigen gekommen. Sie dürfte zumindest mit einem der Verdächtigen bekannt gewesen sein. In der Wohnung dürfte sie wohl auch verstorben oder zumindest bewusstlos geworden sein. Angenommen wird, dass Drogen im Spiel waren. Auch zu sexuellen Übergriffen dürfte es gekommen sein.

Mordserie an Frauen erschüttert das Land

Dann aber hat einer der Tatverdächtigen anscheinend die Rettung alarmiert. Das zeigen Aufnahmen einer Überwachungskamera von der Strasse, wo das bereits tote oder sterbende Mädchen abgelegt worden war. Das hatte der Verdächtige auch angegeben – was ihm aber als Schutzbehauptung zugeschrieben worden war.

Das Mädchen war das 15. weibliche Mordopfer in Österreich in diesem Jahr. Die Serie, die in keiner Weise auf soziale, ethnische oder gesellschaftliche Gruppen beschränkt ist, hatte bereits zuvor medial für Aufsehen gesorgt, allerdings kein breites gesellschaftliches Echo erregt.

Der jetzige Fall dagegen spaltet Österreich wie selten eine kriminelle Tat zuvor. Es ist ein Fall, der nicht zuletzt wegen der medialen Berichterstattung vor allem auch in Boulevardmedien wie OE24 in aller Munde ist. Und es ist ein Fall, der politisch ausgeschlachtet wird.

Kanzler Kurz will Abschiebungen forcieren

Kanzler Sebastian Kurz, schwer bedrängt in einer ganzen Serie von Korruptionsskandalen und zuletzt fast verzweifelt das Asyl-Thema bespielend, betonte in Zusammenhang mit dem Fall zuletzt, eine harte Linie im Asylwesen weiterführen und noch raschere Abschiebungen forcieren zu wollen und äusserte sich «geschockt» über NGOs, die zu einer sachlicheren Handhabe des Falls mahnten. Unter Druck steht Kurz dabei aber zunehmend aus dem rechten Lager: Die FPÖ, der ehemalige Koalitionspartner der ÖVP, hat ein Volksbegehren für sofortige Abschiebungen gestartet.

Und das findet Resonanz: Auf Gehsteigen vor Polizeistationen in Wien gab es zuletzt mit Kreide geschriebene Aufrufe, zu Gewalt an Flüchtlingen. Die Schuldige an allem: Angela Merkel.

Was Befürworter einer besonneneren Vorgangsweise in der Angelegenheit vor allem beklagen, ist eine öffentliche mediale Vorverurteilung – nicht zuletzt aufgrund sensationsgetriebener Berichterstattung durch Boulevardmedien. Und hier kommt OE24 ins Spiel: Das Medienhaus, das eine Tageszeitung, eine Nachrichtenseite sowie einen Fernsehsender betreibt, bildet nebst «Kronenzeitung» die Talsohle der österreichischen Medienlandschaft. Das aber finanziert durch den Staat: Die Kronen-Zeitung erhielt 2020 über Regierungs-Inserate satte 8,4 Millionen Euro, die Mediengruppe Österreich (OE24) erhielt 5,6 Millionen und die Gratiszeitung Heute 5,5 Millionen. Zum Vergleich: Die Qualitätsmedien «Standard» und «Presse» erhielten 1,5 und 2,1 Millionen Euro.

Dass das Medienhaus ins Visier einer linken Feministengruppen geraten ist, hat aber noch einen Grund: Zuletzt hatten mehrere Mitarbeiterinnen sexuelle Übergriffe durch den Herausgeber Wolfgang Fellner beklagt. Verfahren dazu laufen. Der Beschuldigte bestreitet alles vehement.

Aktuelle Nachrichten