Nahost
Hisbollah liefert Diesel in den Libanon: Eine Miliz kauft sich ein Land

Der Staat hat kein Geld mehr – jetzt organisiert die Hisbollah die Diesel-Versorgung.

Thomas Seibert, Istanbul
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Tanklaster im Libanon: Hisbollah regelt die Diesel-Verteilung.

Tanklaster im Libanon: Hisbollah regelt die Diesel-Verteilung.

Keystone

Die radikal-islamische Hisbollah-Miliz war schon lange mächtig im Libanon – jetzt hat sie nach Ansicht ihrer Kritiker den Staat ganz übernommen. Die Miliz hat vier Millionen Liter Diesel aus dem Iran mit Tanklastwagen in den Libanon geschafft. Der Treibstoff soll an Spitäler und andere öffentliche Einrichtungen geliefert werden, um die schwere Energiekrise zu lindern. Der Staat hat kein Geld mehr für Treibstoff und Gasimporte – mit der Diesel-Lieferung baut die vom Westen als Terrorgruppe geächtete Hisbollah ihren Einfluss weiter aus.

Alles an der Diesel-Aktion zeigt die Stärke der Hisbollah und die Schwäche des libanesischen Staates. Milizenchef Hassan Nasrallah bestellte mehrere Tankschiffe voller Diesel bei seinen Schutzherren im Iran, ohne die Regierung in Beirut zu fragen. Es gehe ihm nicht ums Geldverdienen, sondern um die Hilfe für die Menschen im Libanon, so Nasrallah gönnerhaft.

Der Sprit wurde in Syrien entladen und mit Lastwagen über einen von der Hisbollah betriebenen Grenzübergang in den Libanon gebracht, wo die Ankunft der Tankwagen mit Hisbollah-Fahnen und Sprechchören gefeiert wurde. Nun soll der Diesel von einer Hisbollah-eigenen Firma verteilt werden.

Der Staat spielt bei der Verteilung keine Rolle

Staatliche Spitäler und Wasserwerke sollen den Diesel für ihre Generatoren gratis erhalten, von privaten Kliniken und anderen Abnehmern will die Hisbollah einen Preis verlangen, den sie selbst festlegt. Die Diesel-Lieferungen sollen in den kommenden Tagen weitergehen. Der Staat spielt dabei keine Rolle.

Am Erfolg für die Hisbollah hat auch der syrische Staatschef Baschar al-Assad einen Anteil. Assad, wie die Hisbollah ein Verbündeter des Iran, gestattet die Lieferungen über sein Staatsgebiet. Die iranische «Achse des Widerstandes» gegen die USA, zu denen Syrien und die Hisbollah gehören, feiert einen Sieg über Amerika.

Eigentlich drohen dem Libanon wegen der Diesel-Einfuhr aus dem Iran amerikanische Sanktionen, doch die Strafmassnahmen würden den Libanon weiter verarmen lassen und den iranischen Einfluss vergrössern. Deshalb dürften die USA darauf verzichten. US-Hilfe für den Libanon gibt es bisher nicht.

Gelähmt durch Machtkämpfe

Der libanesische Staat ist bankrott und durch Machtkämpfe zwischen Parteien und Seilschaften gelähmt. Vier von fünf Libanesen leben in Armut. Die rund sieben Millionen Bewohner des Landes müssen zudem seit Monaten mit Stromausfällen von zeitweise 20 Stunden am Tag zurechtkommen.

Autofahrer warten an Tankstellen stunden- oder sogar tagelang auf Sprit. Weil sie kein Geld mehr hat, reduziert die Regierung die Subventionen auf Benzin: Am Freitag wurden die Preise deshalb um 37 Prozent erhöht. Ein Nothilfe-Programm soll den Ärmsten helfen, doch die Krise wird täglich schlimmer.

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