NACHTLEBEN
Abtanzen im Schacht: In Innsbruck feiern junge Leute illegale Partys – in Hohlräumen unter der Autobahn

Österreichs Bars und Clubs mussten wegen Corona monatelang dichtmachen. In Innsbruck haben Studenten deshalb Treffpunkte an den abgelegensten Orten eingerichtet. Wir haben einen besucht. Gefeiert wird dort immer noch.

Rosa Schmitz, Innsbruck
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Die Inntal-Autobahn in Innsbruck: In Hohlräumen unter der Brücke feiern die Studenten illegale Partys.

Die Inntal-Autobahn in Innsbruck: In Hohlräumen unter der Brücke feiern die Studenten illegale Partys.

Raphael Pöham

Den Eingang zu finden war fast unmöglich. Wären da nicht die Raucher gewesen. Über ihnen eine Klapptür. Sollte es dort hineingehen? Der einzige, vage Hinweis, den wir hatten, war: Irgendwo unter der Autobahn bei Innsbruck, wo eine brückenartige Konstruktion über das Inntal führt. Da sollte es an diesem Samstagabend eine Rave geben. Ohne strikte Corona-Auflagen. An einem versteckten Ort, wo mit Eingriffen der Polizei nicht zu rechnen ist.

Wir waren vom Westbahnhof aus hierher gelaufen. Durch Wald und Gestrüpp, entlang der A12. So war es uns per Whatsapp von einem auf der Party geschrieben worden. «So läuft das jedes Wochenende», erklären mir die Studenten, mit denen ich im Ausgang bin. «Es gibt einigermassen zuverlässige Gerüchte, dass es irgendwo eine Party gibt, und alle Neugierigen gehen einfach los und schauen, ob’s stimmt.»

Ahnungslos vorm Eingang

Dass mit der Bemerkung «unter der Brücke» ein Luftschacht unter der Autobahn gemeint war, hatte keiner von uns vermutet. Ein paar Minuten standen wir dort, leicht verwirrt, ahnungslos, wie wir da hochkommen sollten – über drei Meter bis zur Tür. Sie war geschlossen und schien uns unerreichbar.

Von Party nichts zu sehen und nichts zu hören. Bis sich die Falltür öffnet, weil ein Mädchen raus will. Ein verschwitzter Typ mit erweiterten Pupillen steckt den Kopf runter und fragt, ob wir rein wollen. Ein paar Leute nicken. Der Typ verschwindet kurz und kommt zurück mit einer selbstgebastelten Leiter. Eine wackelige Angelegenheit.

Da hochkraxeln? Ohne zu wissen, was uns in diesem schwarzen Loch erwartet. «Ich hab keine Lust, heute Abend zu sterben», sagt einer von uns. Sollte kein Scherz sein. «Können wir da oben überhaupt atmen?», fragt ein anderer.

Eine Mutprobe für alle

Doch die Neugier ist stärker als die Furcht. Der Aufstieg wird zur Mutprobe. Mit jedem Schritt nach oben wird die Luft dicker, wärmer, staubiger. Sie schmeckt nach Sand. Den schleppen die Partygänger mit ihren Turnschuhen in den Luftschacht. Jeder Atemzug wird anstrengender. Obwohl keiner eine Maske trägt.

Als mein Kopf den Eingang erreicht, versuche ich zu erkennen, was hier abgeht. Ich sehe fast nichts. Nur einen Mann, der sein Telefon wie eine Taschenlampe hochhält und mir eine verschmutzte Hand ausstreckt. «Komm, ich zieh dich hinauf», sagt er.

Erst als alle aus unserer Gruppe oben angelangt sind, gehen wir weiter in den Schacht. Er ist etwa drei Meter breit und zwei Meter hoch. Das einzige Licht kommt aus einem engen Loch. Dort kriechen wir durch, um in einen weiteren Raum zu kommen. Jetzt ist aus der Ferne elektronische Musik zu hören. Ein paar Meter entfernt sehen wir ein weiteres Loch. Im nächsten Raum sind Eimer aufgestellt – als Toiletten. Es stinkt nach Urin. Wir gehen zügig weiter. Kriechen durch das nächste Loch, bis wir mitten in einer Menschenmenge landen.

Fotos sind streng verboten

Ein heimlicher Treff in Coronazeiten. Von Studenten kreiert, als die Clubs schliessen mussten. Über Monate galt in Österreich ein harter Lockdown. Selbst private Verabredungen mit mehreren Leuten waren verboten. Gegen die strengen Auflagen kam es zu steigendem Unmut und sogar Protesten mit Konfrontationen mit der Polizei.

Studenten in Innsbruck haben im vergangen Jahr immer wieder Events veranstaltet, die zu einem «Superspreading» führten. Unter der Autobahn wollen sie daraus gelernt haben. Aber die Schutzmassnahmen sind fragwürdig. Erst auf der Tanzfläche geht einer rum und fragt nach Nachweisen für einen der 3Gs. Wer davon nichts vorweisen kann, wird rausgeschickt. Schwer zu sagen, wie genau die Checks sind.

Die Leute kommen her, um abzutanzen. Abstand halten, geht gar nicht. Scheint allen auch egal zu sein. Es wird geschwitzt, gejohlt, geschubst. Drinks haben die Partygänger reichlich mitgebracht. Einige sind sichtbar zugedröhnt. Fotos sind streng verboten. Das wuchtige Soundsystem wird weiss der Himmel von wo mit Strom versorgt. Illegal. Ein paar zerfetzte Sofas stehen herum. Decken liegen bereit. An der Decke hängen Lichterketten, verziert mit FFP2-Masken.

Von Donnerstag bis Montag Party

«Die Sonne geht gerade auf», sagt irgendwann einer. 5:00 Uhr. Die Party geht schon seit Tagen und scheint noch lange nicht zu Ende zu sein. «Ich bin schon seit Donnerstagmorgen hier», sagt einer. Bleiben will er noch bis Montag.

Uns wird es derweil doch zu eng. Nicht auszudenken, was hier passieren würde, wenn es zu einer Panik käme. Wir kriechen zurück durch die verschiedenen Löcher, vorbei an auf dem Boden liegenden Partygängern. Mühsam geht es die wackelige Leiter hinunter. An die frische Luft.

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