Lago Maggiore
Nach Seilbahn-Absturz: Italiens grosses Problem ist die marode Infrastruktur – kann sich so ein Unglück wiederholen?

Das Seilbahn-Unglück am Lago Maggiore verängstigt viele Italienerinnen und Italiener - denn veraltete Anlagen gibt es überall im Land.

Dominik Straub, Rom
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Abgestürzte Gondel am Lago Maggiore: 14 Menschen starben beim Unglück am Pfingstsonntag.

Abgestürzte Gondel am Lago Maggiore: 14 Menschen starben beim Unglück am Pfingstsonntag.

Bild: EPA/Keystone (Stresa, 27. Mai 2021)

Eines vorweg: Die primäre Ursache der Tragödie von Stresa waren nicht mögliche Wartungsprobleme, sondern das grobe, fast schon unglaubliche Fehlverhalten des Seilbahnbetreibers und mindestens zwei seiner Angestellten gewesen. Hätten diese nicht den automatischen Bremsmechanismus an der Seilbahn ausser Funktion gesetzt, hätte das Zugseil noch so alt und morsch sein und eventuell deswegen reissen können: Die Gondel wäre nicht abgestürzt, sondern sie wäre durch die Bremsen am Tragseil blockiert worden. Alle Passagiere hätten sicher auf den Boden gebracht werden können.

Der in diesen Tagen oft gezogene Vergleich mit dem Morandi-Viadukt in Genua hinkt deswegen ein wenig: Bei der im August 2018 eingestürzten, 50-jährigen Autobahnbrücke war die Ursache nachgewiesenermassen ein kollektives Versagen bei den Kontrollen und dem Unterhalt gewesen.

Video: Silja Hänggi

Erinnerungen an die Costa Concordia

Das Verhalten der Seilbahn-Verantwortlichen, die nun in Untersuchungshaft sitzen, erinnert dagegen eher an den Unglückskapitän Francesco Schettino: Dieser hatte im Januar 2012 das fast neue, mit über 4000 Passagieren und Besatzungsmitgliedern vollbesetzte Kreuzfahrtschiff Costa Concordia mit einem halsbrecherischen Manöver vor der toskanischen Insel Giglio auf die Klippen gefahren. Mit mangelnden Unterhalt hatte diese Beinahe-Katastrophe nichts zu tun.

Die Costa Concordia nach dem Unglück an der toskanischen Küste.

Die Costa Concordia nach dem Unglück an der toskanischen Küste.

Foto: Gregorio Borgia / AP/AP

Das ändert aber nichts an dem Umstand, dass es sich bei der Seilbahn, die von Stresa am Lago Maggiore auf den 1400 Meter hohen Monte Mottarone führt, um eine alte Anlage handelt, die naturgemäss anfälliger und wartungsintensiver sind als neue, moderne Bahnen. Es war ja gerade eine seit mehreren Wochen anhaltende Störung der Bremsen an der Unglücksgondel gewesen, welche die Verantwortlichen zu ihrer kriminellen Manipulation bewogen hatte.

Die Ermittler untersuchen nun, ob es bei den Kontrollen und beim Unterhalt zu Nachlässigkeiten gekommen ist. Ihr Augenmerk richten die Experten in erster Linie auf das Zugseil, das 1998 zum letzten Mal ausgewechselt worden war: Wäre es nicht gerissen, wäre die Gondel auch mit manipulierten Bremsen nicht abgestürzt.

Sicherheitsvorschriften werden nicht eingehalten

Bisher haben die Ermittlungen noch keine Beweise für mangelhaften Unterhalt am Zugseil zu Tage gefördert. Die Untersuchungen werden aber laut Staatsanwältin Olimpia Bossi noch lange weitergehen. Denn das Reissen des Zugseils ist verdächtig: Ein gut und regelmässig überprüftes und gewartetes Zugseil dürfte nach menschlichem Ermessen eigentlich nicht reissen. Grundsätzlich gehören Seilbahnen zu den sichersten Verkehrsmitteln überhaupt. Aber veraltete Anlagen und mangelnder Unterhalt sind in Italien generell verbreitet; auch bei der Einhaltung von Sicherheitsvorschriften hapert es oft, wie überdurchschnittlich viele Arbeitsunfälle belegen.

Dies betrifft insbesondere die Strassen-Infrastruktur: Rund 1900 der über 7000 Brücken und Viadukte in Italien werden laut einem Bericht des italienischen Rechnungshofes von 2018 nicht überwacht und entsprechend auch nicht gewartet. Das liegt unter anderem daran, dass für insgesamt 132000 Strassenkilometer die Provinzverwaltungen zuständig wären - seit dem Versuch von Ex-Premier Matteo Renzi, die Provinzen abzuschaffen, leiden diese aber unter chronischer Unterfinanzierung.

Rückstand bei Sanierungen in Höhe von 70 Milliarden

Der mangelnde Unterhalt ist aber nicht nur auf den chronischen Geldmangel im überschuldeten Italien zurückzuführen. Für Hunderte von Sanierungen und Infrastrukturprojekte lägen bewilligte Kredite vor; dennoch werden die Bauarbeiten nicht in Angriff genommen. Der Grund liegt in den extrem langwierigen bürokratischen Abläufen in der Zentralverwaltung, die zur Freigabe der Finanzmittel und der Vergabe der Aufträge erforderlich sind.

Das Forschungsinstitut Ref Ricerche, das die Behörden bei Infrastrukturprojekten berät, hat errechnet, dass sich seit 2011 ein Rückstand bei den Sanierungen in der Höhe von 70 Milliarden Euro aufgestaut hat.

Ein grosses Problem sind ausserdem die oft unklaren Verantwortlichkeiten bei den Kontrollen und dem Unterhalt. Meist sind neben dem Betreiber der Anlagen auch diverse Ministerien und andere Behörden gleichzeitig in der Pflicht. Das führt dazu, dass man sich die Verantwortung gegenseitig zuschiebt - und wenn jeder denkt, der andere macht’s, dann macht es am Ende niemand. Das war bei der Morandi-Brücke so, und ähnliche Diskussionen beginnen nun auch schon wieder rund um die Seilbahn von Stresa.

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