Serie: Das Ende der UDSSR
Moskau 1991: «Unbewaffnete Menschen standen vor den Panzern und waren bereit zu sterben»

Die Autorin und Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitschist in der Ukraine geboren und gilt als eine der profundesten Kennerinnen der russischen Gesellschaft. In der «Nordwestschweiz» erzählt sie, wie sie den August-Putsch vor 25 Jahren hautnah miterlebt hat.

Swetlana Alexijewitsch
Drucken
Teilen
1991 in Moskau, im Jahr, als Hammer und Sichel demontiert wurden.

1991 in Moskau, im Jahr, als Hammer und Sichel demontiert wurden.

AFP

Jelena Jurjewna: Ich bin sowjetisch geboren ... Unsere Grossmutter glaubte nicht an Gott, sie glaubte an den Kommunismus. Und mein Vater hat bis zu seinem Tod darauf gewartet, dass der Sozialismus wiederkehrt. Die Berliner Mauer war schon gefallen, die Sowjetunion zusammengebrochen, aber er wartete noch immer.

Mit seinem besten Freund hat er sich für immer entzweit, weil der die Fahne einen roten Lappen genannt hat. Unsere rote Fahne! Das rote Banner! Vater war im Finnischen Krieg, wofür sie dort kämpften, verstand er eigentlich nicht, aber es musste sein, also ging er. Über diesen Krieg wurde geschwiegen, er wurde nicht als Krieg bezeichnet, sondern als «Finnische Kampagne». Aber mein Vater hat uns davon erzählt ... Leise. Zu Hause. Selten, aber er erzählte. Wenn er etwas getrunken hatte.

Die Landschaft seines Krieges war eine Winterlandschaft: Wald und meterhoher Schnee. Die finnischen Soldaten kamen auf Ski und in weissen Tarnumhängen, sie tauchten unerwartet auf wie Engel. «Wie Engel» – das waren Vaters Worte ... Manchmal töteten sie in einer Nacht eine ganze Grenzkompanie. Die Toten ... In Vaters Erinnerung lagen die Toten immer in Blutlachen.

Serie: Das Ende der UdSSR

In einer Serie beleuchten wir das Ende der Sowjetunion vor 25 Jahren und die Folgen davon.

Es war so viel Blut, dass es den meterhohen Schnee durchtränkte. Nach dem Krieg konnte Vater nicht einmal ein Huhn töten. Oder ein Kaninchen. Er litt unter dem Anblick eines getöteten Tieres, unter dem Geruch von warmem Blut. Er fürchtete grosse Bäume mit dichter Krone, auf solchen Bäumen hatten oft finnische Scharfschützen gelauert, «Kuckuck» nannten sie die. Mein Vater ... Gekämpft hat unser Vater nur ein halbes Jahr, dann geriet er in Gefangenschaft.

Wie er in Gefangenschaft geriet? Sie rückten über einen gefrorenen See vor, und die gegnerische Artillerie beschoss das Eis. Nur wenige erreichten das Ufer, und diejenigen, die es schafften, waren völlig entkräftet und unbewaffnet. Halbnackt. Die Finnen streckten ihnen die Hände entgegen. Retteten sie. Manche griffen nach den Händen, andere ... Es gab viele, die vom Feind keine Hilfe annahmen. So waren sie erzogen.

Aber mein Vater griff nach einer Hand, und er wurde herausgezogen. Ich erinnere mich noch gut an seine erstaunten Worte: «Sie gaben mir Schnaps zum Aufwärmen. Und etwas Trockenes zum Anziehen. Sie lachten und klopften mir auf die Schulter: ‹Du lebst, Iwan!›» Vater hatte vorher noch nie einen Feind aus der Nähe gesehen. Er verstand nicht, warum sie sich freuten ... 1940 endete die «Finnische Kampagne» ... Die sowjetischen Kriegsgefangenen wurden ausgetauscht gegen Finnen, die bei uns in Gefangenschaft gewesen waren. Sie marschierten in Kolonnen aufeinander zu.

Swetlana Alexijewitsch, Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus.

Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt

© 2013 Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München

Als die Finnen bei ihren Leuten ankamen, gab es Umarmungen ... Händeschütteln ... Unsere wurden anders empfangen, sie wurden empfangen wie Feinde. «Brüder! Ihr Lieben!», so liefen sie auf ihre Landsleute zu. «Stehen bleiben! Einen Schritt zur Seite, und es wird geschossen!» Soldaten mit Schäferhunden umzingelten die Kolonne und brachten die Männer in eigens eingerichtete Baracken. Um die Baracken herum – Stacheldraht.

Dann begannen die Verhöre. «Wie bist du in Gefangenschaft geraten?», fragte der Vernehmer meinen Vater. «Die Finnen haben mich aus einem See gefischt.» «Du bist ein Verräter! Du hast an deine eigene Haut gedacht, statt an deine Heimat.» Vater hielt sich auch selbst für schuldig. So waren sie erzogen ... Eine Gerichtsverhandlung gab es nicht. Sie mussten alle auf dem Appellplatz antreten, dann wurde der Befehl verlesen: sechs Jahre Lager wegen Vaterlandsverrats. Sie kamen nach Workuta. Dort verlegten sie Eisenbahngleise im Permafrostboden. Mein Gott! 1941 ... Die Deutschen standen schon vor Moskau ...

(...)

Ich möchte zurückschauen ... Ich möchte verstehen, was wir erlebt haben. Nicht nur mein eigenes Leben, sondern unseres ... unser sowjetisches Leben ... Ich bin nicht begeistert von meinem eigenen Volk ...

Auch nicht von den Kommunisten und von unseren kommunistischen Führern. Besonders heute. Alle sind so seicht geworden, so verbürgerlicht, alle wollen ein schönes und süsses Leben. Wollen konsumieren und konsumieren. Raffen! Auch die Kommunisten sind nicht mehr dieselben. Bei uns gibt es Kommunisten mit einem Jahreseinkommen von Hunderttausenden Dollar. Millionäre! Eine Wohnung in London ... ein Schloss auf Zypern ... Was sind das für Kommunisten? Woran glauben die denn noch? Wenn du so etwas fragst, wirst du angeschaut wie ein kleines Dummchen.

(...)

Totgeschossen haben sie sich gegenseitig beim Verteilungskampf ... um den grossen Kuchen ... Sie haben die amerikanischen Kleider anprobiert, haben auf Uncle Sam gehört. Aber die amerikanischen Kleider passen nicht. Sitzen schief und krumm. So ist das! Nicht auf Freiheit waren sie aus, sondern auf Jeans ... auf Supermärkte ... Haben sich verführen lassen von bunten Verpackungen ... Jetzt sind auch bei uns die Läden voll. Im Überfluss. Aber Berge von Wurst haben nichts mit Glück zu tun. Mit Ruhm. Das war einmal ein grosses Volk! Es wurde zu Krämern und Plünderern gemacht ... zu Geschäftemachern und Managern ...

Swetlana Alexijewitsch 1948 in der Sowjetrepublik Ukraine geborene Weissrussin, schreibt in russischer Sprache (die hier vorliegende Übersetzung stammt von Ganna-Maria Braungardt) Den Nobelpreis für Literatur erhielt Alexijewitsch 2015 unter anderem «… für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt». Sie lebt nach elf Jahren im Exil seit 2011 wieder in Minsk.

Swetlana Alexijewitsch 1948 in der Sowjetrepublik Ukraine geborene Weissrussin, schreibt in russischer Sprache (die hier vorliegende Übersetzung stammt von Ganna-Maria Braungardt) Den Nobelpreis für Literatur erhielt Alexijewitsch 2015 unter anderem «… für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt». Sie lebt nach elf Jahren im Exil seit 2011 wieder in Minsk.

KEYSTONE/AP/MARKUS SCHREIBER

Als Gorbatschow kam ... da war die Rede von der Rückkehr zu den leninschen Prinzipien. Alle waren begeistert. Mitgerissen. Das Volk wartete seit langem auf Veränderungen. Seinerzeit hatten die Leute an Andropow geglaubt ... Schön, er war ein KGB-Mann, ja ... Wie soll ich Ihnen das erklären? Vor der KPdSU hatte niemand mehr Angst. Sogar die Männer am Bierkiosk schimpften ungeniert auf die Partei, auf den KGB dagegen niemals. O nein! Das sass tief im Gedächtnis ... Jeder wusste, diese Jungs würden für Ordnung sorgen ... mit harter Hand, mit glühenden Eisen, mit eisernem Besen. Ich will keine Binsenweisheiten wiederholen. Aber Dschingis Khan hat unsere Gene verdorben ...

Und die Leibeigenschaft ... Wir waren daran gewöhnt, dass man uns prügeln muss, dass ohne Prügel bei uns nichts geht. Und genau damit hat Andropow angefangen – er hat die Schrauben angezogen. Es herrschte allgemeine Schlamperei: Die Leute gingen während der Arbeitszeit ins Kino, in die Sauna und einkaufen, tranken endlos Tee. Die Miliz organisierte Kontrollen, Razzien. Sie überprüften die Papiere, griffen Arbeitsbummler auf der Strasse, in Cafés und in Geschäften auf und machten Mitteilung an die Arbeitsstelle. Es gab Geldstrafen und Entlassungen. Aber Andropow war schwer krank. Er starb bald. Einen nach dem anderen haben wir begraben ...
Breschnew, Andropow, Tschernenko ...

Ich weiss noch genau, bei bestimmten Gesprächen wurden Radio oder Fernseher laut gestellt. Das war eine richtige Wissenschaft. Wir erklärten uns gegenseitig, was man tun müsse, damit die KGB-Leute nicht mithören konnten: Man hält die Wählscheibe nach der letzten Zahl fest und klemmt einen Bleistift rein, der Finger tat einem ja schnell weh, wenn man die Wählscheibe lange festhielt ... Wenn man etwas «Geheimes» sagen wollte, ging man zwei, drei Meter weg vom Telefon, vom Hörer. Spitzeleien, Abhören – das gab es überall, in der ganzen Gesellschaft, von ganz oben bis ganz unten.

Auch wir im Kreiskomitee rätselten immer: Wer ist bei uns Spitzel? Später stellte sich heraus, dass ich einen völlig Unschuldigen in Verdacht gehabt hatte und dass es nicht nur einen Spitzel gegeben hatte, sondern mehrere. Und gerade auf die wäre ich nie gekommen ... Eine davon war unsere Putzfrau. Eine freundliche, herzliche Frau. Unglücklich. Ihr Mann war ein Trinker. Selbst Gorbatschow, der Generalsekretär der KPdSU ... In einem Interview mit ihm habe ich gelesen, dass er bei vertraulichen Gesprächen in seinem Büro ebenfalls den Fernseher laut stellte oder das Radio. Das war einfach eine Grundregel. Zu ernsthaften Gesprächen lud er die Leute auf seine Präsidentendatscha ausserhalb der Stadt ein. Und dort ... Dort gingen sie in den Wald, gingen spazieren und redeten. Die Vögel denunzieren niemanden ... Alle hatten vor etwas Angst, auch diejenigen, vor denen man Angst hatte. Ich hatte Angst.

(...)

Sie und ich ... (Sie nickt zu ihrer Freundin hinüber.) Wir streiten natürlich ... Sie sagt, für wahren Sozialismus brauche man ideale Menschen, doch die gebe es nicht. Die Idee sei ein Hirngespinst ... ein Märchen. Unsere Menschen würden heute um keinen Preis mehr ihren klapprigen ausländischen Wagen und ihren Pass mit dem Schengen-Visum gegen den sowjetischen Sozialismus tauschen. Doch ich glaube an etwas anderes: Die Menschheit bewegt sich in Richtung Sozialismus. In Richtung Gerechtigkeit. Einen anderen Weg gibt es nicht.

Schauen Sie nach Deutschland ... Nach Frankreich ... Es gibt das «schwedische» Modell. Welche Werte hat denn der russische Kapitalismus? Verachtung für die «Masse», für diejenigen, die keine Million besitzen, keinen Mercedes. Statt der roten Fahne – Christ ist erstanden! Und Konsumkult ... Der Mensch schläft nicht mit dem Gedanken an etwas Erhabenes ein, sondern mit dem Gedanken daran, dass er sich heute irgendetwas nicht kaufen konnte.

Meinen Sie, das Land wäre zusammengebrochen, weil die Menschen die Wahrheit über den Gulag erfahren haben? Das denken die Leute, die Bücher schreiben. Doch der Mensch ... der normale Mensch lebt nicht mit der Geschichte, der lebt einfacher: Er verliebt sich, heiratet, kriegt Kinder. Baut ein Haus. Das Land ist untergegangen, weil es keine Damenstiefel gab, kein Toilettenpapier und keine Apfelsinen. Keine verfluchten Jeans! Heute sehen unsere Geschäfte aus wie Museen. Wie Theater.

Man will mir einreden, Klamotten von Versace und Armani, das sei alles, was der Mensch braucht. Das sei genug. Freiheit, das sei Geld, und Geld sei Freiheit. Unser Leben dagegen sei keine Kopeke wert gewesen. Nein, das ist doch ... das ist ... verstehen Sie ... Ich finde gar keine Worte, ich weiss nicht, wie ich das nennen soll ... Mir tun meine kleinen Enkelinnen leid. Ja, sie tun mir leid. Ihnen wird das Tag für Tag vom Fernsehen eingehämmert. Ich bin damit nicht einverstanden. Ich war und bleibe Kommunistin ...

(...)

Ich mochte Gorbatschow sofort! Heute wird er verflucht: «Verräter der UdSSR!» «Gorbatschow hat das Land für eine Pizza verkauft!». Aber ich erinnere mich noch an unser Staunen. Unsere Erschütterung! Endlich hatten wir einen normalen Staatschef. Für den man sich nicht schämen musste! Wir erzählten uns gegenseitig, wie er in Leningrad den ganzen Konvoi angehalten hat und sich unters Volk mischte und wie er bei einer Betriebsbesichtigung ein teures Geschenk ablehnte. Wie er bei dem traditionellen Essen nur ein Glas Tee trank. Er lächelte. Redete frei. War jung. Keiner von uns glaubte, dass die Sowjetmacht je enden, dass es in den Geschäften eines Tages gute Wurst und gute Bücher geben würde und sich nach Import-Büstenhaltern keine kilometerlangen Schlangen mehr bilden würden.

Wir hatten uns daran gewöhnt, alles über Beziehungen zu besorgen: ein Abonnement für die «Bibliothek der Weltliteratur», Schokoladenkonfekt und Trainingsanzüge aus der DDR. Mit dem Fleischer Freundschaft zu schliessen, um ein Stück Fleisch zu bekommen. Wir hielten die Sowjetmacht für ewig. Noch für unsere Kinder und Enkel! Doch dann war sie für alle überraschend plötzlich zu Ende. Heute ist klar, dass Gorbatschow das selbst nicht erwartet hatte, er wollte etwas verändern, wusste aber nicht, wie. Niemand war darauf vorbereitet ... Niemand! ... Keiner von uns war ein Held, keiner war mutig genug, Dissident zu werden, für seine Überzeugungen im Gefängnis zu landen oder in der Psychiatrie. Wir ballten nur heimlich die Faust.

Wir sassen in unseren Küchen, schimpften auf die Sowjetmacht und erzählten politische Witze. Wenn jemand ein neues Buch beschafft hatte, konnte er damit zu jeder Tages- und Nachtzeit zu seinen Freunden kommen, auch nachts um zwei oder drei, er war ein willkommener Gast. (...) Morgens gingen wir alle zur Arbeit und wurden ganz normale Sowjetmenschen. Wie alle anderen. Schufteten für das Regime. Entweder man passte sich an, oder man wurde Hausmeister oder Nachtwächter, anders konnte man nicht man selbst bleiben.

Dann kamen wir nach Hause ... Und sassen wieder in der Küche, tranken Wodka und hörten die verbotenen Lieder von Wyssozki. Suchten im Radio die von Knistern und Rauschen gestörte Stimme Amerikas. An dieses herrliche Rauschen erinnere ich mich noch heute. Wir hatten endlos Affären. Verliebten uns, trennten uns wieder. Und viele fühlten sich dabei als das Gewissen der Nation und meinten, sie hätten ein Recht, ihr Volk zu belehren. Aber was wussten wir schon vom Volk? Ich verstand nicht einmal meinen eigenen Vater ... Ich schrie ihn an: «Papa, wenn du denen nicht dein Parteibuch hinwirfst, rede ich nicht mehr mit dir.» Mein Vater weinte.

Gorbatschow hatte mehr Macht als ein Zar. Uneingeschränkte Macht. Aber er kam und sagte: «So können wir nicht weiterleben.» Seine berühmten Worte. Und das ganze Land wurde zum Debattierklub. Überall wurde gestritten: zu Hause, auf der Arbeit, in der Metro. Wegen unterschiedlicher Ansichten entzweiten sich Familien, zerstritten sich Kinder mit ihren Eltern. Eine Bekannte von mir hat sich mit ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter wegen Lenin so entzweit, dass sie die beiden aus der Wohnung rausgeschmissen hat, sie mussten im Winter in der kalten Datscha vor der Stadt leben. Die Theater waren leer, alle sassen zu Hause vorm Fernseher. Da liefen Direktübertragungen vom ersten Kongress der Volksdeputierten der UdSSR.

Davor hatten wir diese Abgeordneten gewählt, das war eine Geschichte für sich. Die ersten freien Wahlen! Echte Wahlen! In unserem Kreis waren zwei Kandidaten aufgestellt: ein Parteifunktionär und ein junger Demokrat, ein Universitätsdozent. Ich erinnere mich noch heute an seinen Namen: Jura Malyschew. Inzwischen, das weiss ich zufällig, ist er im Gemüsegeschäft, handelt mit Tomaten und Gurken. Aber damals war er ein Revolutionär! Wir malten Plakate: «Deine Stimme für Malyschew!» Und stellen Sie sich vor – er hat gewonnen! Unser erster Sieg! Anschliessend waren wir alle süchtig nach den Direktübertragungen vom Kongress – die Abgeordneten redeten noch offener als wir in unseren Küchen.

Eine unbeschreibliche Gier nach Zeitungen und Zeitschriften, mehr als nach Büchern. Die Auflagen der «dicken Zeitschriften» stiegen auf mehrere Millionen. Die Leute tauschten die Zeitungen untereinander aus. Leute, die sich überhaupt nicht kannten. Mein Mann und ich hatten zwanzig Blätter abonniert, ein Gehalt ging vollständig dafür drauf.

(..)

Ich erwachte von einem Dröhnen ...
Ich öffnete das Fenster ... Panzer! In Moskau! Durch die Hauptstadt fuhren Panzer und Schützenpanzerwagen. Das Radio! Schnell das Radio an! Im Radio lief eine Ansprache an das sowjetische Volk: «... unsere Heimat schwebt in tödlicher Gefahr ... Das Land gerät in einen Strudel von Gewalt und Gesetzlosigkeit ... Wir werden die Strassen von diesen kriminellen Elementen säubern ... Wir werden diese wirre Zeit beenden.»

Es war nicht recht klar, ob Gorbatschow aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten oder verhaftet worden war. Ich rief meinen Mann an, er war auf der Datscha. «Wir haben einen Staatsstreich! Die Macht liegt jetzt in den Händen von ...» «Dummchen! Leg auf, sonst wirst du gleich abgeholt.» Ich den Fernseher angeschaltet. Auf allen Sendern läuft Schwanensee. Freunde rufen an: Die Stadt ist voller Militärfahrzeuge, Panzer auf dem Puschkinplatz, auf dem Theaterplatz ... Meine Schwiegermutter war gerade bei uns zu Besuch, sie war furchtbar erschrocken. «Geh nicht raus. Ich habe in einer Diktatur gelebt, ich weiss, was das heisst.» Aber ich wollte nicht in einer Diktatur leben!

Am Nachmittag kam mein Mann zurück. Wir sassen in der Küche. Rauchten viel. Wir hatten Angst, dass wir über das Telefon abgehört wurden ... Wir legten ein Kissen auf den Apparat ... (Sie lacht.) Wir hatten ja genug Dissidentenliteratur gelesen. Und so manches gehört. Das war nun sehr hilfreich ... Man hatte uns eine Weile frei atmen lassen, und nun würde man uns die Luft wieder abdrehen. Uns zurück in den Käfig sperren, uns wieder einbetonieren ...

Dass wir uns fühlten wie Schmetterlinge in Zement ... Wir dachten an die jüngsten Ereignisse auf dem Tiananmen-Platz. Daran, wie in Tbilissi Demonstranten mit Pionierspaten auseinandergejagt worden waren. An den Sturm auf das Fernsehzentrum in Vilnius ... «Während wir Schalamow und Platonow gelesen haben», sagte mein Mann, «ist ein Bürgerkrieg ausgebrochen. Früher haben wir in den Küchen debattiert und Kundgebungen besucht, jetzt werden wir aufeinander schiessen.» Die Stimmung war so ... als stünde etwas Katastrophales unmittelbar bevor ... Das Radio lief ununterbrochen. So viel wir auch suchten – überall nur Musik. Klassische Musik. Endlich, ein Wunder! Radio Rossija sendete: «... der rechtmässig gewählte Präsident entmachtet ... Ein zynischer Umsturzversuch ...»

So erfuhren wir, dass Tausende Menschen bereits auf der Strasse waren. Gorbatschow war in Gefahr ... Hingehen oder nicht, das war für uns keine Frage. Wir gehen! Meine Schwiegermutter versuchte erst, mich davon abzubringen: Denk an dein Kind, du bist verrückt, was willst du da? Ich schwieg. Als sie sah, dass wir tatsächlich loswollten, sagte sie: «Also, wenn ihr wirklich solche Idioten seid, dann nehmt wenigstens Sodalösung mit, damit tränkt ihr Mulltücher und legt sie euch aufs Gesicht, wenn sie Gas einsetzen.»

(..)

Man mag über diese Tage lachen, sie operettenhaft nennen. Spott ist ja heute Mode. Aber damals war alles ernst gemeint. Aufrichtig. Alles war echt, und wir alle waren echt. Unbewaffnete Menschen standen vor den Panzern und waren bereit zu sterben. Ich habe auf diesen Barrikaden gesessen und diese Menschen gesehen, sie waren aus dem ganzen Land gekommen. Alte Moskauerinnen, Mütterchen mit Pusteblumenköpfen, brachten Buletten und noch warme gekochte Kartoffeln, in ein Handtuch eingewickelt. Die verteilten sie an alle ... Auch an die Panzersoldaten. «Esst nur, Kinder. Aber schiesst nicht. Das werdet ihr doch nicht, oder?» Die Soldaten begriffen überhaupt nichts ... Als sie ihre Luken öffneten und aus den Panzern kletterten, waren sie verblüfft. Ganz Moskau war auf der Strasse!

Junge Mädchen kletterten zu ihnen hinauf, umarmten und küssten sie. Brachten ihnen Brötchen. Die Soldatenmütter, deren Söhne in Afghanistan gefallen waren, weinten. «Unsere Kinder sind auf fremdem Boden gestorben, und ihr – wollt ihr etwa auf eurem eigenen Boden sterben?» Ein Major verlor die Nerven, als die Frauen ihn umringten, und brüllte: «Ich bin ja selbst Vater. Ich werde nicht schiessen! Das schwöre ich euch – ich werde nicht schiessen! Gegen das Volk marschieren wir nicht!» Es gab eine Menge Komisches da und zu Tränen Rührendes. Plötzlich ein Schrei in der Menge: «Hat jemand Validol dabei, hier ist jemandem schlecht.»

Sofort fand sich Validol. Eine Frau war da mit einem Kind im Kinderwagen (das hätte meine Schwiegermutter sehen sollen!), sie nahm eine Windel aus dem Wagen, um ein rotes Kreuz darauf zu malen. Aber womit? «Hat jemand einen Lippenstift?» Frauen warfen ihr Lippenstifte zu – Billigware und welche von Lancôme, Dior, Chanel ... Die Menschen sassen die ganze Nacht am Feuer, auf dem nackten Boden. Auf Zeitungen und Flugblättern. Hungrig und wütend. Sie fluchten und tranken, aber keiner war betrunken. Irgendwer brachte Wurst, Käse und Brot. Kaffee. Einmal sah ich sogar einige Büchsen Kaviar. Auch Zigaretten wurden kostenlos verteilt.

Neben mir sass ein junger Bursche, von Kopf bis Fuss voller Knasttätowierungen. Zum Fürchten! Rocker, Punks, Studenten mit Gitarren. Und Professoren. Seite an Seite. Das Volk! Das war mein Volk! Ich traf dort alte Studienfreunde wieder, die ich an die fünfzehn Jahre nicht gesehen hatte, wenn nicht länger. Der eine lebte in Wologda ... ein anderer in Jaroslawl ... Aber sie hatten sich in den Zug gesetzt und waren nach Moskau gekommen! Um etwas zu verteidigen, das uns allen wichtig war. Am Morgen nahmen wir sie alle mit zu uns nach Hause. Wir duschten, frühstückten und gingen wieder zurück. Am Metro-Ausgang bekam jeder eine Eisenstange oder einen Stein in die Hand gedrückt. «Pflastersteine sind die Waffen des Proletariats», sagten wir lachend. Wir errichteten Barrikaden. Kippten Trolleybusse um, fällten Bäume.

Heute schreiben sie viel von Wodka und von Drogen. Von wegen, was war das schon für eine Revolution? Betrunkene und Drogensüchtige waren auf den Barrikaden. Das ist gelogen! Alle waren ehrlich gekommen, um zu sterben. Wir wussten, dass diese Maschinerie die Menschen zu Staub zermalmte ... Niemand glaubte, dass sie so leicht zu zerstören wäre ... Ohne grosses Blutvergiessen ... Gerüchte machten die Runde: Die Brücke ist vermint, bald wird Gas eingesetzt. Ein Medizinstudent erklärte, wie man sich bei einem Gasangriff verhalten muss. Die Lage änderte sich alle halbe Stunde. Eine schreckliche Nachricht: Drei Jungs wurden von einem Panzer überrollt. Aber keiner wankte, keiner verliess den Platz. Das hier war so wichtig für dein Leben, egal, was später daraus werden würde. Wie viele Enttäuschungen es auch geben mochte. Aber das haben wir erlebt ... So waren wir damals! (Sie weint.)

Gegen Morgen erscholl es über dem Platz: «Hurra!» Und wieder Flüche ... Tränen ... Schreie ... Von einem zum anderen wurde weitergegeben: Die Armee ist auf die Seite des Volkes übergelaufen, die Alpha-Sondertruppen haben sich geweigert, das Weisse Haus zu stürmen. Die Panzer werden aus der Hauptstadt abgezogen. Und als die Nachricht kam, die Putschisten seien verhaftet, umarmten sich die Leute – so ein Glück war das! Wir hatten gewonnen! Wir hatten unsere Freiheit verteidigt! Zusammen hatten wir es geschafft! Wir können es also!

Schmutzig, durchnässt vom Regen, wollten wir lange nicht nach Hause gehen. Wir tauschten unsere Adressen aus. Schworen uns, das nie zu vergessen. Freunde zu bleiben. Die Milizionäre in der Metro waren sehr höflich, nie habe ich so höfliche Milizionäre erlebt, weder davor noch danach. Wir hatten gesiegt ...

Aktuelle Nachrichten