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Mexikos Drogenkönig «El Chapo»: Er öffnete alle Schleusen zur Hölle

Mexikos meistgesuchter Verbrecher, Joaquín Guzmán, gibt den Staat erneut der Lächerlichkeit preis. Ein Porträt über den Mann, der für 34 000 Tote in Mexikos Drogenkrieg verantwortlich sein soll.

Max Dohner
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Der meistgesuchte Verbrecher der Welt ist ausgebrochen
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Durch diesen Tunnel ist er verschwunden, seither schauen Mexikos Regierung und Behörden in die Röhre
Der Ausbruch war filmreif.
Die Staatsanwaltschaft untersucht den Fluchtweg
El Chapo bei seiner Festnahme
Das aktuellste Foto von Joaquín Guzmán

Der meistgesuchte Verbrecher der Welt ist ausgebrochen

KEYSTONE/EPA EFE FILE/MARIO GUZMAN

In der Kindheit wurde Joaquín vom Vater geprügelt wie ein Hund. Zum harten Hund geprügelt, der irgendwann zurückschlug. Das war normal. Mit dreizehn gab er die Schule auf. Wanderlehrer kamen jeweils ein paar Monate her. Aber Joaquín arbeitete lieber auf den Mohnblumenfeldern, als «Gomero».

Das taten andere auch. Es gab sonst nicht viel zu tun. Oder man wurde «Vaquero», Viehtreiber, was Vater Guzmán angeblich tat. Und seit Generationen alle Guzmáns in La Tuna. Ein Kaff wie in «Hundert Jahre Einsamkeit». Es war hart, und alle fanden es in Ordnung so: ein Einerlei aus Elend und Kampf.

Moden kosteten mehr als Tradition

Aber plötzlich wurde die Zeit schnell. Aus dem neuen Fernseher quillten neue Moden, eine nie da gewesene Warenflut. Neue Begehrlichkeiten kosteten weit mehr, als mit der Tradition zu verdienen war. Und im Norden stieg die Sucht nach Gift: Die Gringos gierten nach Stoff.

Das bedeutete auch für Vater Guzmán: kein Viehtrieb mehr, nur noch Mohn. Drogenhandel. Der Vater verhurte und versoff das Geld. Sein Sohn investierte es gleich wieder und stellte Cousins an. Nun waren sie die Kulis und er der Chef. Mit fünfzehn hatte er seine eigene Marihuana-Plantage. Suchte die Nähe zum Onkel, zu einem der Pioniere im lukrativen Geschäft. Mit zwanzig schloss er sich endgültig dem organisierten Verbrechen an.

Mehr ist über Kindheit und frühe Jugend nicht bekannt von Joaquín Guzmán, genannt «El Chapo» (im Schweizer Dialekt etwa «der Bodensurri» – Guzmán ist 1,68m gross). Dafür ist seine Verbrecherkartei ellenlang. Sowohl die amerikanischen wie die mexikanischen Behörden bezeichnen ihn als «mächtigsten Drogenboss der Welt». Das Nachrichtenmagazin «Forbes» setzte den Milliardär 2009 auf Rang 41 der mächtigsten Männer der Welt, höher als die Präsidenten von Venezuela und Frankreich. Einflussreicher auch als Kolumbiens Drogenbaron Pablo «El Doctor» Escobar (1949–1993).

Guzmáns Geschichte ab zwanzig würde monoton, würde man sie detailliert erzählen. Guzmán fiel lange kaum auf. Das erste Mal wurde die DEA erst 1987 auf ihn aufmerksam (die amerikanische Drogen-Strafvollzugsbehörde): Zeugen erwähnten vor einem US-Gericht, dass in Tat und Wahrheit Guzmán das mächtige Sinaloa-Kartell am Pazifik befehlige.

Unter Druck der USA wurden in den Siebziger- und den frühen Achtzigerjahren die Kartelle von Kolumbien (Medellín und Cali) massiv zurückgedrängt im karibischen Schmuggelkorridor. Nun bekamen die Kartelle in Mexiko einfach grössere Auftragsvolumen und Befugnisse: das Guadalajara-, das Tijuana-, Juárez-, das Sonora- und Sinaloa-Kartell. Blutig waren die Rivalitäten. Schwierig, aber möglich die Absprachen. Zum Beispiel am Narco-Gipfel von Acapulco 1989.

Nutzniesser des Blutvergiessens

Kurz zuvor war Félix Gallardo verhaftet worden, Drogenzar in Mexiko. Bei Gallardo hatte «Bodensurri» Guzmán früh als Chauffeur gedient, ehe er in die Logistik aufgestiegen war. Nun hing das ganze Netz vorübergehend durch. Gallardo war eine Art Rache-Triumph. Zuvor hatte die Drogenmafia einen V-Mann der DEA enttarnt, gefoltert und getötet: Enrique Camarena Salazar. V-Mann in einem Drogen-Kartell ist gewiss der heisseste Lauf der Welt. Jener Tag aber änderte das Leben von Joaquín Guzmán: Nach dem Blutvergiessen stand er als Nutzniesser da. Und spielte offenbar eine zentrale Rolle in Acapulco, als es darum ging, die Claims des Guadalajara-Kartells aufzuteilen.

War das weiterhin nur Schlauheit und Geschick? Damit hatte Guzmán früh die Paten überzeugt, als er ihnen jedes Mal noch kühnere Schmuggeldienste angeboten hatte, noch ehrgeizigere Pläne schmiedete, aber auch die geschmuggelten Drogenmengen reduzierte, um bei Razzien weniger Schaden zu erleiden, weniger hohe Strafen für die Kuriere einzufahren.

Man lasse sich nicht täuschen: Guzmán war schon als Teenager kein Chorknabe gewesen. Schon früh pochte er auf Pünktlichkeit. Kam eine Sendung nicht zum vereinbarten Zeitpunkt am vereinbarten Ort an, soll Guzmán die Säumigen eigenhändig mit einem Kopfschuss erledigt haben. 506 Tote hatte allein der Narco-Krieg im Jahr 2012 in Chicago gekostet. Aufgrund von Revierkämpfen der Narco-Gangs. Alle diese Leichen sollen auf das Konto Guzmáns gehen, sagte damals Art Bilek von der Kriminalkommission und erklärte den Mexikaner zu Chicagos Feind Nummer 1. Ein Rang, den Guzmán teilt mit Lokalbösewicht Al Capone (1899–1947). Das Nachrichtenmagazin «Forbes» hält Guzmán verantwortlich für rund 34 000 Tote.

«El Chapo» hatte nicht nur die Produktepalette erheblich ausgeweitet. Hatten sich Kartelle vor ihm einzig auf Schmuggel mit Kokain konzentriert, erweiterte er sein Portfolio mit Marihuana, Heroin und Methamphetaminen. Er öffnete wirklich die Schleusen zur Hölle.

Es sind die unauffälligen Leute in unmittelbarer Nähe zur Macht, die am Ende am gefährlichsten werden. Wie Stalin, als es um die Nachfolge Lenins ging.