ANALYSE
Er ist wieder da: Sputnik V beschert Putin ein Comeback

Trotz Nawalny und der Krim-Annexion: Jetzt wollen alle wieder mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin reden. Sputnik V ist längst ein russischer Propagandaerfolg.

Remo Hess, Brüssel
Remo Hess, Brüssel
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Waldimir Putin: Sein Impfstoff kommt mit einem politischen Preis.

Waldimir Putin: Sein Impfstoff kommt mit einem politischen Preis.

Keystone

Wladimir Putins Europapolitik ist ziemlich einfach: Erwünscht ist alles, was die EU spaltet und schwächt. Punkt. Wenn dabei gleich noch ein Keil zwischen Europa und die USA getrieben werden kann: Umso besser.

Für die Erreichung dieses Ziels greift der russische Präsident und ehemalige KGB-Agent auf verschiedene Instrumente zurück: Mal schürt und steuert er Kriege in Europas Nachbarschaft. Zum Beispiel in der Ukraine, Syrien oder Libyen. Mal lässt er Cyberattacken ausführen. Und manchmal zeigt er den Europäern auch ganz direkt, was er von ihnen und ihren vielzitierten Werten hält. Zum Beispiel, wenn er russische Dissidenten vergiften lässt oder sie, falls sie sich erdreisten, einen Anschlag zu überleben, nach einem kurzen Schauprozess ins Arbeitslager steckt, wie jetzt geschehen mit dem Oppositionspolitiker Alexej Nawalny.

Obwohl in vieler Hinsicht kein Weg am grossen Nachbarn im Osten vorbeiführt, versucht man in der EU, eine möglichst entschlossene Haltung gegenüber Russland zu demonstrieren. Das gelingt mal besser, mal weniger: Die Befindlichkeiten sind verschieden. Einige Länder wie Griechenland haben kulturell enge Beziehungen zu Russland. Andere wie Deutschland verfolgen mit dem Gaspipeline-Projekt Nordstream 2 ihre eigenen kommerziellen Interessen. Aber immerhin: Die Wirtschaftssanktionen nach der russischen Annexion der Krim-Halbinsel wurden stets verlängert. Wegen der Vergiftung und anschliessenden Inhaftierung Nawalnys kamen kürzlich neue Strafmassnahmen dazu.

In der Not wendet man sich an Putin — und gesteht das eigene Scheitern ein

Die mühsame erbaute Brandmauer gegen die aggressive Politik aus dem Kreml droht nun aber einzustürzen. Immer mehr europäische Länder wollen bei Putin den russischen Impfstoff Sputnik V bestellen. Sie versuchen damit, den selbstverschuldeten Mangel an Corona-Vakzinen auszugleichen. Nach Ungarn, der Slowakei und Tschechien dürfte diese Woche Österreich an der Reihe sein. Deutschland und Frankreich verhandeln ebenfalls mit Moskau über eine Impf-Allianz. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder will in Eigenregie 2,5 Millionen Sputnik-Dosen kaufen.

Für Putin ist das natürlich ein schöner Propagandaerfolg. Was könnte das Scheitern der gemeinsamen EU-Impfstoffbeschaffung eindrücklicher aufzeigen als die Tatsache, dass sich die Europäer nun ausgerechnet Putin an den Hals werfen? Jetzt wollen sie wieder alle mit ihm reden. Mit ihm, dem Schurken, dem sie sonst so vollmundig Lektionen erteilen. Zu Recht darf sich Putin freuen und darauf hoffen, dass sich eine europäische Regierung künftig zweimal überlegen wird, wie stark sie auf eine harte Russland-Politik drängen will, wenn sie bei Moskau am Impfstoff-Tropf hängt. Ein erster Test steht schon an: An der ukrainischen Grenze marschieren seit einigen Tagen russische Truppenverbände auf. In Kiew wie in Washington ist man besorgt. Aus den europäischen Hauptstädten jedoch vernahm bis jetzt kaum Reaktionen.

Europäer müssten Sputnik selber herstellen. Aber das dauert.

Dabei ist es klar, dass Putin seine Impfversprechen gar nicht halten kann. Bis Mitte März sind in Russland nur gerade 20 Millionen Impfdosen produziert worden. Die tiefe Impfrate im Land rührt nicht nur daher, dass viele Russen dem eigenen Stoff gar nicht vertrauen. Sondern auch, dass es nicht genug Produktionskapazitäten gibt. In der Slowakei gibt es bereits Zweifel an der Qualität der gelieferten ersten 200'000 Sputnik-Dosen. Der Impfstart wurde deshalb erst mal verschoben.

Wenn die Europäer auf Sputnik setzen wollen, dann müssten sie den Impfstoff schon selbst produzieren. Zuvorderst mit dabei ist hier eine Schweizer Firma aus dem Tessin, die in Mailand Sputnik herstellen will. Bis das machbar ist, wird es aber noch mehrere Monate dauern. Und bis dann werden längst genügend westliche Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna und Co. vorhanden sein, um den Impfhunger der Europäer zu stillen. So zumindest die Hoffnung in Brüssel, wo der französische Industriekommissar Thierry Breton, Leiter der Impf-Task-Force, wacker erklärt: Für Sputnik V habe man «absolut keinen Bedarf».

Und in der Schweiz? In der Schweiz hat man anscheinend auch keinen Bedarf. Das Bundesamt für Gesundheit hat sich kaum je für den russischen Impfstoff interessiert und Moskaus Botschafter gemäss Medienberichten zweimal auflaufen lassen. Ob dies aus politischen Gründen geschah, oder weil man mit der Impfstoffbeschaffung sonst schon überfordert war, sei dahingestellt. Propagandamässig war für Putin in der Schweiz jedenfalls bis jetzt nichts zu holen.