Coronavirus
Lösen Lachse in China zweite Welle aus? Schon wieder wird ein Frischmarkt zur potentiellen Virenschleuder

46 neue Covid-19-Fälle schüren die Angst in der Volksrepublik vor einer erneuten Ausbreitung des Coronavirus.

Fabian Kretschmer aus Peking
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Maskierte Polizisten bewachen den Xinfadi-Markt in Peking.

Maskierte Polizisten bewachen den Xinfadi-Markt in Peking.

Roman Pilipey/Keystone (Peking, 14. Juni 2020

Fast zwei Monate lang gab es in Chinas Hauptstadt Peking keine neuen Coronainfektionen mehr. Nun jedoch haben die Gesundheitsbehörden der 21-Millionen-Metropole allein in den letzten zwei Tagen 46 Covid-19-Fälle bestätigt. Die Angst vor einer zweiten Coronawelle in der Volksrepublik ist gross.

Der neue Infektionsstrang geht auf den Xinfadi-Markt im südwestlichen Fengtai-Bezirk zurück, dem grössten Umschlagplatz für Landwirtschaftsprodukte in ganz Asien, der auf einer Fläche von 157 Fussballfeldern jeden Tag bis zu 80 Prozent des Nahrungsbedarfs von ganz Peking deckt.

Seit am Donnerstag und Freitag mindestens zwei von drei Infizierten nachweislich den Markt besucht hatten, wurde dieser in der Nacht auf Samstag geschlossen. Auf sozialen Medien sind Videos zu sehen, auf denen mehrere hundert bewaffnete Polizeikräfte in dem Viertel ausscharen, um die anliegenden Wohnsiedlungen abzusperren.

Minutiös haben die Behörden Tausende Proben ausgewertet und bereits am Samstag 40 Spuren des Virus gefunden, darunter auch auf einem Schneidebrett, das zum Filetieren von importiertem Lachs verwendet wurde. Wenige Stunden später nahmen mehrere Supermarktketten sämtliche Lachsprodukte aus ihrem Sortiment.

Gleichzeitig werden die Inspektionen der Märkte der Stadt erhöht, der für Montag geplante Unterrichtsbeginn in Pekinger Grundschulen erneut auf unbestimmte Zeit verschoben, und die Wiederaufnahme von Fernbussen ins Umland ebenfalls storniert. Zudem sollen rund 10'000 Mitarbeiter des Xinfadi-Marktes sowie jeder Kunde, der den Markt in den letzten zwei Wochen besucht hat, getestet werden.

Pekings Vorbild: Ausgerechnet Südkorea

Zuvor hatte sich die Lage in China einigermassen normalisiert. Die Behörden hatten nach einem radikalen Lockdown im Februar das Virus weitgehend unterdrückt, die Wirtschaft allerdings brach so stark ein wie seit 30 Jahren nicht mehr.

Während sich die Industrieproduktion nun mittlerweile wieder normalisiert hat, kämpft die Regierung vor allem mit Investitionspaketen darum, den Arbeitsmarkt im Niedriglohnsektor für die Millionen Arbeitsmigranten aus den Provinzen zu stabilisieren. Ein zweiter Lockdown hätte katastrophale Folgen für die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt.

Die Staatsmedien mahnen zwar zur Wachsamkeit, Panik vor einer zweiten Welle sei aber unbegründet. Die «Global Times» verweist etwa auf Südkorea, das bereits Erfahrungen mit einem erneuten Aufflammen des Virus gemacht habe und die erhöhten Infektionszahlen schliesslich wieder unter Kontrolle bringen konnte.

Auf der privaten News-Plattform «Toutiao Xinwen» war hingegen Besorgniserregendes zu lesen: dass nämlich einer der Infizierten bereits am 4. Juni über Symptome geklagt habe.

Hotels schmeissen Pekinger Gäste raus

Wie lange also der Infektionsstrang möglicherweise im Dunkeln wütete, ist bislang noch unklar. Ebenso, ob es sich um eine Mutation des Virus handelt: Zuletzt beschrieben chinesische Ärzte Ende Mai, dass die Infizierten in den nordöstlichen Provinzen entlang der Grenze zu Russland den Erreger wohl länger in sich tragen als bisher dokumentiert. Zudem würde die Zeit, bis sie erste Symptome zeigen, länger andauern.

Ein anekdotischer Überblick belegt die gestiegene Angst in China: Angestellte von chinesischen Unternehmen aus Peking haben bereits die Anweisung bekommen, ihre Geschäftsreisen in die Provinzen zu stornieren. Selbst im benachbarten Tianjin werden Pekinger Geschäftsleute derzeit aus Hotels geschmissen – schlicht aus Angst, dass der Besuch aus der Hauptstadt das Virus in sich tragen könnte.