Japan
Kosten werden auf 10 bis 50 Milliarden Dollar geschätzt

Die drittgrösste Volkswirtschaft der Welt ist durch die Folgen des grossen Erdbebens hart getroffen. Es droht ein akuter Mangel an Energie. Manche Firmen schliessen vorsorglich.

Georg Ackermann, Singapur
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Durch den Ausfall der Kernkraftwerke im Osten und Nordosten des Landes droht Japan ein Energiekollaps. «Wenn am Montag einige Betriebe ihre Arbeit wieder aufnehmen, könnte es zu einer abnormalen Situation kommen», sagt Industrieminister Banri Kaieda und ruft zum Energiesparen auf. Russlands Premier Wladimir Putin sagte am Wochenende Hilfslieferungen von 15 Tonnen Flüssiggas zu. Mehr als zwei Millionen Haushalte in acht Präfekturen waren am Sonntagmorgen noch ohne Strom, erklärten die zuständigen Versorger Tokyo Electric Power und Tohoku Electric Power.

Tokyo Electric Power, das 2007 schon einmal ein Kernkraftwerk nach einem Erdbeben schliessen musste und daraufhin Verluste schrieb, gewinnt 20 Prozent seiner Energie in den zehn Anlagen der Fukushima-Präfektur. Nach Angaben des Informationsdienstes «Japaninvestor» wird es das Unternehmen 6,1 Milliarden Franken pro Reaktor kosten, um jeden der 40 Jahre alten Reaktoren durch einen neuen zu ersetzen. Dazu kommen jetzt auch noch Entschädigungen für die Bewohner in der Umgebung.

Milliarden im Katastrophenfonds

Die vom Tsunami betroffene Region Tohoku erwirtschaftet rund acht Prozent des Bruttoinlandprodukts Japans. Besonders die Automobil- und Halbleiterbranche produziert in diesem Teil des Landes. Nissan und Toyota lassen die Produktion bis auf Weiteres ruhen. Neben den Fabriken wurde besonders auch die Logistik getroffen. Am Freitag gingen die Fernsehbilder von Tausenden zerstörten Nissan und Infiniti-Modellen im Hafen von Hitachi in der Irabaki-Präfektur um die Welt.

In Tokio diskutieren die Politiker derweil über die Kosten für den Wiederaufbau. 2,27 Milliarden Franken waren im Budget bereits für mögliche Katastrophenschäden vorgesehen und können nun genutzt werden. «Wir brauchen ein mittel- bis langfristiges Ausgabenpaket», deutete Kabinettschef Yukio Edano im Staatsfernsehen bereits an. Auch die grösste Oppositionspartei LDP, die die Regierung über den Haushalt noch bis Freitag heftig bekämpfte, stimmte dem zu. «Wir werden voll kooperieren,» sagte Parteichef Sadakazu Tanigaki.

Finanzmärkte reagieren negativ

An den Finanzmärkten brach der Nikkei-Index am Freitag bereits um 1,7 Prozent auf 10254 Punkte ein. Analysten sehen für die kommenden Wochen weitere Verluste voraus. Der Yen stieg dagegen deutlich an. Händler spekulieren auf die «Repatriierung» des japanischen Kapitals, die immer dann zu beobachten ist, wenn die Risiken an den Märkten zunehmen. Japan verfügt nach Angaben der Regierung über Devisenreserven von 1,096 Billionen Dollar. Das reicht, um den Yen trotz der ausufernden Staatsverschuldung zu stabilisieren.

Japanische Finanzinstitutionen, darunter der 1,4 Billionen Dollar schwere staatliche Pensionsfonds, legen ihr Geld gerne zu höheren Zinsen im Ausland an, da heimische Staatsanleihen nur knapp über einem Prozent rentieren. Doch die Niedrigzinspolitik der Notenbank verfehlt bisher ihr Ziel, die Wirtschaft in Schwung zu bringen. Für die Regierung bleiben damit nur zusätzliche Ausgabenprogramme und die Aufnahme weiterer Schulden, um die geschädigten Regionen wieder aufzubauen.

Höchste Schuldenquote weltweit

Dabei gilt es, das Band nicht zu überspannen. «Das Schuldenproblem wird in fünf bis zehn Jahren einen kritischen Punkt erreichen», warnte der Vorsitzende des Pensionsfonds, Takahiro Mitani, im Februar in einem Interview mit der Agentur Reuters. Moody’s senkte den Ausblick für Japans Staatsanleihen auf «negativ» und folgte damit der Abstufung von Standard & Poor’s. Mit einer Schuldenquote von knapp über 200 Prozent der jährlichen Wirtschaftskraft ist Japan weltweit mit Abstand führend. Infrage gestellt werden muss nun auch die Zusage aus dem Januar, für 930 Millionen Euro europäische Staatsanleihen zu kaufen. Gerät somit durch das Beben auch der Euro-Rettungsfonds ins Wanken?

Weniger als Katastrophe von Kobe

Über die Kosten des Erdbebens kann bisher nur spekuliert werden. Credit Suisse rechnet in einer ersten Einschätzung mit einer Spanne von 10 bis 50 Milliarden Dollar, deutlich weniger als die 100 Milliarden Dollar, die die Katastrophe von Kobe 1995 kostete. «Das Beben und der Tsunami haben eine tragische Verwüstung zur Folge, aber die Auswirkungen auf die japanische Wirtschaft sind alles in allem nur gering», erklärt Stanford-Professor Michael Boskin der Agentur Bloomberg. Einem Einbruch im Januar 1995 von 2,6 Prozent folgte bereits im Februar eine Erholung von 2,2 Prozent.

ING Financial Markets rechnet diesmal sogar mit einem geringeren Absturz – es sei denn, es komme zu einer nuklearen Katastrophe.