Klimagipfel
Rollstuhlgate in Glasgow: Die UNO sollte sich schämen - die Schweiz aber auch

Eine israelische Politikerin mit Rollstuhl konnte an der Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Schottland nicht teilnehmen, weil der Zugang nicht barrierefrei war. Ein Skandal, der auch in der Schweiz täglich eintrifft.

Benjamin Weinmann
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Auch in der Schweiz sind Menschen mit Rollstuhl oft mit Behinderungen im Alltag konfrontiert.

Auch in der Schweiz sind Menschen mit Rollstuhl oft mit Behinderungen im Alltag konfrontiert.

Benjamin Manser

Es ist das Schaulaufen der Weltverbesserer: An der Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Glasgow treffen sich dieser Tage die internationalen Regierungschefs, um über Massnahmen im Kampf gegen die Klimaerwärmung zu diskutieren.

Benjamin Weinmann

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Alex Spichale / SON

Diese Massnahmen drohen zu spät und zu wenig griffig zu sein. Doch da wäre noch die andere Schande, die sich in Glasgow abgespielt hat. Die israelische Ministerin Karine Elharrar konnte am Montagabend nicht an der Klimakonferenz teilnehmen. Der Grund: Elharrar benutzt einen Rollstuhl, doch der Zutritt zu den ranghohen Gesprächen war nicht barrierefrei, wie sie auf Twitter bekannt gab.

«Es ist traurig, dass die UNO sich im Jahr 2021 nicht um Barrierefreiheit bei ihren Veranstaltungen kümmern. Obwohl sie die Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderungen fördert», schrieb die Politikerin. Tatsächlich hat sich die UNO mit Sitz in Genf die Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen auf die Fahne geschrieben. Doch genauso wie bei der Klimapolitik lassen sich ihre Mitgliedsländer auch bei der Umsetzung einer würdigen Politik für Menschen mit Behinderung Zeit. Dieses Versäumnis ist beschämend.

Denn was Elharrar als ranghohe Ministerin an einem UNO-Anlass erleben musste, erfahren Millionen von Menschen regelmässig in ihrem Alltag. An ihre Bedürfnisse wird vielfach nicht gedacht bei der Infrastrukturplanung. Zu oft scheint die Haltung zu sein, Menschen mit Behinderungen sollten sich mit den bestehenden Berücksichtigungen zufriedengeben und gefälligst dankbar zeigen. Dabei sollten sie das gleiche Recht wie alle haben.

Doch ihnen wird nach wie vor oft der Zugang zu Gebäuden, und damit auch zu einem Teil des gesellschaftlichen Lebens versperrt, oder nur beschwerlich zugänglich gemacht. Nicht nur in Glasgow bei der UNO-Konferenz, sondern auch in der Schweiz. So sind laut einer Comparis-Studie von 2017 hierzulande nur 3,4 Prozent der Deutschschweizer Stadtwohnungen rollstuhlgängig. Und die SBB haben über 60 Fernverkehr-Züge in Betrieb genommen, die für durchschnittliche Rollstuhlfahrer mit Handrollstuhl wegen der steilen Einstiegsrampe nicht selbstständig benutzbar sind.

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