Mali
Kinderärztin: «Eine Vergewaltigung gilt in Mali als grosse Schande»

Als Islamisten vor drei Jahren in Mali einfielen, kam es zu unzähligen Übergriffen gegen Frauen. Eine Kinderärztin erzählt, wie es derzeit im Wüstenstaat aussieht.

Annika Bangerter
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Soldaten patrouillieren in der malischen Stadt Sévaré. (Archivbild)

Soldaten patrouillieren in der malischen Stadt Sévaré. (Archivbild)

KEYSTONE/EPA/STR

Mali galt lange als ein stabiles Land in Westafrika. Das änderte sich, als Islamisten – vor allem aus dem Bürgerkrieg in Libyen – in den Norden des Landes kamen und diesen unter ihre Kontrolle brachten. 2012 griffen sie das Militär an und erklärten das von ihnen beherrschte Gebiet für unabhängig. Erst die Militärintervention von Frankreich Anfang 2013 stoppte den Vormarsch der Gotteskrieger in Richtung Süden. Rebellen verüben seither weiterhin Anschläge. Anfang August starben 12 Menschen, darunter fünf UN-Mitarbeiter, bei einem Attentat auf ein Hotel in der Stadt Sévaré im Westen des Wüstenstaates.

Frau Keita, auf dem Papier herrscht in Mali Frieden, ein entsprechendes Abkommen wurde unterzeichnet. Dennoch kommt es zu Anschlägen von islamistischen Rebellen. Wie stark prägen diese den Alltag der Bevölkerung?

Kadiatou Keita: Viele Menschen sind enttäuscht, dass der Frieden im Land nicht rascher zurückgekehrt ist. Der Konflikt mit den Dschihadisten ist nicht omnipräsent, aber er kann jederzeit und überall aufbrechen. Das verunsichert die Menschen stark. Viele getrauen sich nicht mehr, am Abend wegzugehen. Aufgrund der unsicheren Situation und der Angst findet eine eigentliche Aufrüstung in der Bevölkerung statt. Waffen sind inzwischen relativ einfach erhältlich und immer mehr Menschen kaufen sich eine. Darunter sind auch Familienväter, die ihre Familie schützen wollen. Das war vor dem Putsch in Mali undenkbar.

Zur Person Kadiatou Keita ist Kinderärztin und seit 1999 Regionalkoordinatorin von IAMANEH Schweiz mit Sitz in Malis Hauptstadt Bamako. Die NGO setzt sich für Gleichberechtigung, Schutz und Gesundheit von Frauen in Westafrika und im Westbalkan ein. Keita war kürzlich zu Besuch in Basel. Sie ist Mutter einer Tochter.

Zur Person Kadiatou Keita ist Kinderärztin und seit 1999 Regionalkoordinatorin von IAMANEH Schweiz mit Sitz in Malis Hauptstadt Bamako. Die NGO setzt sich für Gleichberechtigung, Schutz und Gesundheit von Frauen in Westafrika und im Westbalkan ein. Keita war kürzlich zu Besuch in Basel. Sie ist Mutter einer Tochter.

Annika Bangerter

In den letzten Monaten gab es auch im Süden Anschläge. Dehnt sich der Terror in den sichereren Teil Malis aus?

Die Dschihadisten versuchen, den Süden zu infiltrieren. Das zeigen punktuelle Attacken und Angriffe. Gleichzeitig profitieren Kriminelle von der unsicheren Situation im Land. Es kommt auch im Süden vermehrt zu bewaffneten Überfällen beispielsweise in Supermärkten. Aufgrund dieser Entwicklung entsteht in der Bevölkerung zunehmend eine Atmosphäre der Angst. Diese wird zusätzlich von der Regierung geschürt. Sie ruft aktiv dazu auf, wachsam zu sein und suspekte Handlungen oder Personen zu melden. Dadurch entsteht ein grosses gegenseitiges Misstrauen. Nachbarn trauen sich gegenseitig nicht mehr, denn niemand weiss, wer mit den Dschihadisten sympathisiert.

Sie koordinieren Hilfsprojekte, welche die Gleichstellung und Gesundheit der Frauen fördern. Wie hat sich die Situation der Frauen durch die politische Krise verändert?

Als die islamistischen Rebellen vor drei Jahren die Macht im Norden an sich rissen, kam es zu unzähligen Vergewaltigungen und Zwangsheiraten. Viele Frauen sind in den Süden geflohen, darunter auch zahlreiche Missbrauchsopfer. Ihnen stehen heute staatliche Wiedergutmachungsgelder zu. Dafür müssten sie aber vor Gericht aussagen, was die grosse Mehrheit ablehnt. In Mali gilt eine Vergewaltigung immer noch als grosse Schande für den ganzen Familienclan. Ist der sexuelle Übergriff in der Gemeinde nicht schon bekannt, bleibt dieser meistens ein gut gehütetes Geheimnis der Familie. Auch wenn die Vergewaltigung vor den Augen des Ehemannes oder vor Angehörigen stattfand.

Wer sagt denn in den Prozessen aus?

Das sind vor allem jene Frauen, die nichts mehr zu verlieren haben – wenn beispielsweise das ganze Dorf vom Missbrauch weiss. Ein grosses Problem in Mali ist, dass es für sie keine psychosozialen Strukturen gibt. Es fehlt an Psychologen und Psychiatern. Frauen, die vor Gericht gehen, erhalten anschliessend keine Betreuung.

Wohin gehen sie dann?

Es bleibt ihnen nichts weiter übrig, als in ihre Familien und Dörfer zurückzukehren. In Bezug auf die sexuelle Gewalt muss berücksichtigt werden, dass diese nicht nur Dschihadisten verübten. Zahlreiche Frauen sind in Mali von Übergriffen und häuslicher Gewalt durch Angehörige betroffen. Immer wieder kommt es deshalb vor, dass Familien das Vergewaltigungsopfer mit dem verwandten Täter verheiratet. Dadurch will die Familie die Schande gegen aussen abwehren.

Im Gender Gap Report liegt Mali auf dem 138. Rang, hinter Saudi Arabien und dem Iran. Wieso ist die Situation für Frauen in Mali so schlecht?

Die Frauen in Mali sind auf allen Ebenen benachteiligt – unabhängig von der Bildungsschicht oder Einkommensstufe. Ihre Möglichkeiten hängen von ihrer Familie ab. Es gibt durchaus liberale Familien, die ihren Mädchen eine gute Ausbildung ermöglichen. Aber generell gilt: Eine Frau muss grundsätzlich für alles um Erlaubnis fragen, sogar für einen Arztbesuch. Sie muss ihrem Mann unbedingt Gehorsam leisten. Die weibliche Diskriminierung beginnt bereits auf der Gesetzesebene. Das zeigt sich zum Beispiel im Erbrecht. Vor dem Putsch gab es politische Bestrebungen, die gesetzliche Benachteiligung der Frauen aufzuheben. 2011 lag dafür ein sehr modernes Familiengesetz vor. Dagegen demonstrierten jedoch im ganzen Land Männer wie Frauen. Schliesslich stimmte das Parlament nicht darüber ab, sondern verschärfte die Diskriminierung der Frauen in der überarbeiteten Version zusätzlich.

Wie kann die Position der Frauen in Mali gestärkt werden ohne gesetzliche Grundlage?

Die Diskussion, ob es zuerst ein Gesetz oder die gesellschaftliche Akzeptanz der Frauen braucht, wird in Mali seit Jahren geführt. Interessanterweise ratifizierte die Regierung fast alle internationalen Abkommen, die eine Gleichberechtigung fordern. Doch eine Umsetzung findet kaum statt. Die Regierung erklärt dies mit dem Konflikt. Für mich ist das eine Ausrede – es geht ihnen um den eigenen Machterhalt. Dennoch gibt es auch Lichtblicke. So traf ich beispielsweise Frauen, die sich als Elektrikerinnen auf dem Bau behaupten. Zudem gibt es durchaus Frauenbewegungen, die für ihre Anliegen und Rechte kämpfen. Diese Bewegungen müssen dringend unterstützt werden.

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