Kanada
Sunnyboy Justin Trudeau muss zittern: Am Montag könnte Kanadas Premierminister seinen Job los sein

Kanadas liberaler Premier hat vorzeitig Neuwahlen ausgerufen. Der Schuss droht nach hinten loszugehen.

Jörg Michel, Oakville
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Kanadas Premier Justin Trudeau: Viele Landsleute nehmen ihm das Machtspiel rund um die vorgezogenen Wahlen übel. Nun droht die Abwahl.

Kanadas Premier Justin Trudeau: Viele Landsleute nehmen ihm das Machtspiel rund um die vorgezogenen Wahlen übel. Nun droht die Abwahl.

Bernat Armangue / AP

Es ist ein regnerischer Herbstabend in einem Autokino in Oakville, einer Vorortgemeinde im Speckgürtel von Toronto. Justin Trudeau ist mit seinem roten Wahlkampfbus vorgefahren zu einer Rallye unter Corona-Bedingungen: Dutzende Parteianhänger sind mit ihren Autos gekommen, blinken mit den Scheinwerfern und hupen, als Trudeau die Bühne vor der Kinoleinwand betritt.

«Lasst uns den Kampf gegen Corona erfolgreich beenden. Lasst uns an einer besseren Zukunft arbeiten, in der niemand zurückgelassen wird», ruft er und verweist auf seine Erfolge: Dank hoher Impfquote und grosszügiger Sozialleistungen sei Kanada besser durch die Krise gekommen als viele andere Länder.

Von dieser Bilanz will Trudeau profitieren. Zwei Jahre vor dem Ablauf der Legislaturperiode hatte der Premier vorzeitig Neuwahlen ausrufen lassen mit dem Kalkül, die Kanadier würden seinen Krisenkurs an den Wahlurnen belohnen. Statt wie derzeit als Chef einer Minderheitsregierung, die auf Stimmen aus der Opposition angewiesen ist, möchte er mit absoluter Mehrheit regieren.

2016 hatte Justin Trudeau noch gut lachen – hier mit US-Präsident Barack Obama. Inzwischen ist die Stimmung in Kanada eine andere.

2016 hatte Justin Trudeau noch gut lachen – hier mit US-Präsident Barack Obama. Inzwischen ist die Stimmung in Kanada eine andere.

Pablo Martinez Monsivais / AP

Doch der Plan könnte nach hinten losgehen. Am Montag wird zwischen Halifax und Vancouver gewählt und glaubt man den Umfragen, muss der einstige politische Shooting-Star im ungünstigsten Fall sogar mit seiner Abwahl rechnen. Die meisten Demoskopen sagen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Trudeaus liberaler Partei und der konservativen Opposition voraus – Ausgang ungewiss.

Hat sich der Premier verzockt?

Trudeaus grösstes Problem: Drei von vier Kanadiern nehmen ihm den Machtpoker übel. Kanada steckt in der vierten Welle der Pandemie, muss sich mit den Folgen der verheerenden Waldbrände im Westen des Landes befassen und die Niederlage im Afghanistan-Krieg verdauen, an dem 40'000 kanadische Soldaten beteiligt waren. Nach Neuwahlen ist kaum jemand zumute.

Wo immer Trudeau dieser Tage auftritt, muss er sich rechtfertigen. «Kanada steht an einem Wendepunkt», erklärt er bei seinem Auftritt in Oakville und fügt hinzu: Die Kanadier hätten jetzt ein Recht zu entscheiden, wie das Land aus der Pandemie und wirtschaftlich in die Zukunft geführt werden solle. Es ist ein Argument, dass nur wenige Kanadier überzeugt.

Justin Trudeau (r) und sein konservativer Gegenspieler Erin O'Toole im Wahlkampf.

Justin Trudeau (r) und sein konservativer Gegenspieler Erin O'Toole im Wahlkampf.

Justin Tang / AP

Wie schwierig die Lage ist, zeigt die Tatsache, dass Trudeau überhaupt nach Oakville kommen muss. Denn eigentlich sollte seine liberale Partei den Wahlkreis im Süden von Toronto sicher in der Tasche haben. Immerhin bewirbt sich in Oakville seine für die Beschaffung der Corona-Impfungen zuständige Ministerin um ein Mandat – die dabei nachweislich einen guten Job gemacht hat.

Tatsächlich wird Trudeaus Regierung in Kanada eine erfolgreiche Corona-Politik nachgesagt. Rund 70 Prozent aller Kanadier sind mittlerweile voll geimpft und im internationalen Vergleich halten sich die Delta-Inzidenzen in Grenzen. Anfang September konnte Trudeau das Land nach 17 Monaten wieder für internationale Gäste öffnen.

Von Impfgegnern mit Kieselsteinen beworfen

Im Wahlkampf verspricht er mehr: Trudeau befürwortet eine Impfpflicht für den öffentlichen Dienst und will von allen Flug- und Bahnreisenden einen Impfausweis verlangen. Von radikalen Impfgegnern wird er deswegen beschimpft oder, wie zuletzt auf einer Veranstaltung in der Kleinstadt London, mit Kieselsteinen beworfen. Die Mehrheit der Kanadier dagegen unterstützt seinen Kurs.

Trotzdem muss Trudeau in Oakville und ähnlichen Wahlkreisen mit Verlusten rechnen. In Kanada werden Wahlen traditionell in den bevölkerungsreichen Vorstädten der Metropolen Toronto, Montréal und Vancouver entschieden. Dort sitzen viele jener liberal-gesinnten Wechselwähler aus der Mittelschicht, die Trudeau bei den letzten Urnengängen 2015 und 2019 zur Macht verhalfen.

Doch dieses Mal dürften viele von ihnen aus Ärger über die Wahl zu Hause bleiben – oder zur Opposition abwandern: zu den Konservativen, den Sozialdemokraten, den Separatisten in Québec oder den Rechtspopulisten. Fast drei Viertel der Kanadier wünschen sich laut jüngsten Umfragen mehr oder weniger einen politischen Wechsel. Trudeaus persönliche Beliebtheitswerte befinden sich wegen diverser Skandale, aber spätestens seit dem Ausrufen der Wahlen, im negativen Bereich.

Unvergessene Partynächte und sonstige Fehltritte

Viele Wähler haben seine Fehltritte der Vergangenheit nicht vergessen: seinen Urlaubsflug auf die Privatinsel des Aga Khan in der Karibik etwa oder seine Partynächte aus Jugendzeiten, als er sich als Farbiger verkleidete. Nicht zu vergessen die SNC-Lavalin-Affäre, bei dem ihm vorgeworfen wurde, durch Druck auf seine ehemalige Chefanklägerin die Unabhängigkeit der Justiz gefährdet zu haben.

Dagegen konnte Oppositionsführer Erin O’Toole von den Konservativen mit einem geschickten Wahlkampf Punkte gutmachen. Der ehemalige Luftwaffenoffizier und gelernte Anwalt sitzt seit 2012 im Parlament und vertritt in gesellschaftlichen Fragen wie Abreibung oder Homoehe persönlich moderate Positionen. Er hat versprochen, viele Reformen Trudeaus nicht zurückzudrehen.

Bei den drei Fernsehdebatten der Spitzenkandidaten agierte O’Toole unauffällig und bot Trudeau nur wenige Angriffsflächen. Dabei setzt er andere Schwerpunkte: O’Toole will den Waffenbesitz liberalisieren, ist gegen verpflichtende Impfpässe und befürwortet einen zurückhaltenden Kurs beim Klimaschutz. Bislang konnte Trudeau von diesem Kontrast nur wenig profitieren.

Am Ende des Abends verspricht Trudeau seinen Anhängern in Oakville, bis zur letzten Minute zu kämpfen. Ein guter Wahlkämpfer ist er: Bei der Wahl 2015 jagte er als Senkrechtstarter überraschend Ex- Premierminister Stephen Harper aus dem Amt und rief eine neue Politik der «Sunny ways» aus. 2019 konnte er das Ergebnis trotz schlechter Umfragen auf den letzten Metern noch drehen. Ob es ihm wieder gelingt?

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