Japan
Fukushima fühlt sich vergessen: War der Slogan der Olympischen Spiele eine reine Propaganda-Aktion?

Tokyo 2020 sollen die «Spiele des Wiederaufbaus» werden. Doch die Menschen in der Region schütteln nur den Kopf.

Felix Lill, Fukushima
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Geisterhafte Stimmung im Azuma Stadion in Fukushima.

Geisterhafte Stimmung im Azuma Stadion in Fukushima.

Jae C. Hong / AP

«Das war ein ausgezeichneter Start», sagt Eri Yamada, die Kapitänin der japanischen Softballfrauen. «Wir hoffen, dass wir damit Japan aufheitern können.» Immerhin hat ihr Team beim ersten Spiel im Rahmen der Olympischen Spiele gerade mit 8:1 gegen Australien gewonnen. Zwei Tage vor der Eröffnungsfeier von «Tokyo 2020» gehen die Wettbewerbe bereits los.

Vor der Pandemie stand «Tokyo 2020» für ein grosses Versprechen. Das würden die «fukkou gorin» – die «Spiele des Wiederaufbaus», hiess es überall. Und Wiederaufbau hat Japan dringend nötig. Vor zehn Jahren, am 11. März 2011, erlebte Japan die schlimmste Katastrophe seiner jüngeren Geschichte, als zuerst die Erde bebte, dann ein 20 Meter hoher Tsunami über die Nordostküste hereinbrach und 20'000 Menschen starben. Als wäre das nicht genug gewesen, havarierte auch noch das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi. Im Umkreis von 30 Kilometern der Kraftwerksruine wurde alles evakuiert.

Shinzo Abes grosses Versprechen

Im Azuma Stadion, wo die Softballerinnen am Mittwoch ihr Spiel austrugen, ist von den Schäden durch die Katastrophe nichts zu sehen. Fukushima liegt 60 Kilometer landeinwärts. Kritiker halten den Slogan «Wiederaufbauspiele» daher für einen Affront gegen die wirklich betroffenen Gebiete.

Einen Tag vor dem Olympiaauftakt fährt Tatsuhiro Yamane mit seinem Auto durch das Dorf Futaba, wo die Atomruine schmort. «Hier war die alte die Einkaufsmeile», sagt er und deutet die verlassene Strasse entlang. Seit Jahren hausen hier nur noch streunende Tiere.

Aufräumarbeiten im verseuchten Gebiet rund um Fukushima 2011.

Aufräumarbeiten im verseuchten Gebiet rund um Fukushima 2011.

AP

Yamane bietet geführte Spaziergänge für Besucher an, in der Hoffnung, auf die Situation abseits der olympischen Bauwerke aufmerksam zu machen. Die japanische Politik hat vor dieser Realität lange die Augen verschlossen. Premierminister Shinzo Abe beschwichtigte die Kritiker 2013 vor der Generalversammlung des Internationalen Olympischen Komitees in Buenos Aires. «Die Situation ist unter Kontrolle», sagte Abe. Am selben Abend gewann Japan das Austragungsrecht für die Sommerspiele 2020.

Die Angst vor dem Ende der Spiele

Seinem Volk versprach der Premier, die beschädigten Gebiete würden profitieren, wenn die grösste Sportveranstaltung der Welt nach Japan käme. Das würden – eben – die «Spiele des Wiederaufbaus».

Schon 1964, nur 19 Jahre nach dem Ende des für Japan verheerenden zweiten Weltkriegs, fanden die Olympischen Spiele in Tokio statt. Wie damals sollen auch heute die Wehen der Krise abgeschüttelt, der Blick in eine hoffnungsvolle Zukunft gewendet werden. Und tatsächlich ist seit der Katastrophe einiges passiert: Mehr als 90 Prozent der 2011 zerstörten Gebäude stehen wieder. Die Wirtschaftskraft hat in etwa ihr Vorkrisenniveau erreicht. Und in die meisten der einst geräumten Orte haben Rücksiedlungen begonnen.

Trotzdem sind die Menschen der Region skeptisch. «Das mit den Wiederaufbauspielen war doch vor allem PR», sagt Takanori Asami, der in Futaba eine Imbissbude betreibt. All das Geld, das in die Olympischen Spiele investiert wurde, sei hier kaum angekommen. Der Slogan «fukkou gorin» macht ihm Angst: «Ich hoffe, dass mit dem Ende der Olympischen Spiele dann nicht auch gleich der Wiederaufbau für vollbracht erklärt wird», sagt Asami. Denn davon sei man in Japan noch weit entfernt.