Jahrestag des Anschlags
Nizza bleibt in ihren Köpfen – für immer und ewig: Zwei Überlebende erzählen

Camille und Jérôme haben das Attentat mit 86 Toten vor fünf Jahren überlebt. Bis heute fürchten sie sich vor den Snipern, die es gar nie gab.

Stefan Brändle aus Paris
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Blumen erinnern an der Promenade des Anglais in Nizza an das Attentat vom 14. Juli 2016.

Blumen erinnern an der Promenade des Anglais in Nizza an das Attentat vom 14. Juli 2016.

Bild: Getty

Camille wollte das Feuerwerk eigentlich auf der Promenade des Anglais verfolgen, gleich neben dem Hard-Rock-Café, wo dann der Sattelschlepper vorbeipreschte. Doch ihr Lebenspartner Jérôme wollte der Menschenmenge entgehen. Deshalb warteten sie unten am Strand auf das Feuerwerk. Und dann begann der Horror.

«Schüsse fielen, Menschen mit aufgerissenen Augen rannten herbei», erzählt Camille, 41. «Alle flohen über die Kieselsteine oder durch die Wellen und schrien wild durcheinander: Sie sind da! Sie kommen!» Wer da kam, das wusste niemand.

Camille, Jérôme und ihr dreijähriger Sohn flüchteten auf die Promenade, ohne von der Amokfahrt des 19-Tonners zu wissen. Leichen und Verletzte lagen am Boden. Sie rannten in eine Seitenstrasse und wollten ein Auto mit ausländischem Nummernschild anhalten: «Attentat!», riefen sie. Doch der Fahrer beschleunigte nur.

Jérôme und Camille hatten am 14. Juli 2016 viel Glück.

Jérôme und Camille hatten am 14. Juli 2016 viel Glück.

ZVG

«Schliesslich fanden wir eine offene Tür eines Wohngebäudes», erzählt Camille. «Wir atmeten durch, bis jemand im Treppenhaus das Licht anzündete. Sofort kehrte die Panik zurück. Wir alle glaubten, die Sniper würden uns finden.»

Seither sind fünf Jahre vergangen. Vor den Snipern, die es gar nie gab, hat Camille immer noch Angst. «Wenn ich einkaufen gehe, schaue ich, wo die Notausgänge sind. Ich erstelle immer eine genaue Einkaufsliste und beeile mich.»

Schlechtes Gewissen wegen der Opferentschädigung

In einer Menschenmenge fühlt sich die schmächtige Frau bis heute unwohl. Manchmal geht sie in Gedanken durch, wie es wäre, einen Angreifer niederzuringen. Im Büro überlegte sie sich, welchen Schrank sie im Fall einer Attacke vor die Tür rücken würde. Das Tram meidet sie, lieber fährt sie mit dem Velo zur Arbeit – über die Promenade des Anglais. Jeden Tag muss sie den Ort des Horrors passieren.

So schwierig das ist: Andere müssen heute noch mit viel mehr ringen als mit solchen Traumata. 86 Tote und 450 Verletzte hatte das Attentat von Nizza gefordert. Der Täter: ein radikalisierter 31-jähriger Tunesier, der nach seiner zwei Kilometer langen Amokfahrt noch in der Fahrerkabine des gemieteten Lastwagens von der Polizei erschossen worden ist. «Im Opferverein gibt es Eltern, die haben ein Kind verloren», sagt Camille. Voller Schuldgefühle fügt sie an, sie selber verdiene die staatliche Opferentschädigung von 5000 Euro eigentlich gar nicht.

Der 31-jährige Attentäter wurde noch am Steuer des Lastwagens von der Polizei erschossen.

Der 31-jährige Attentäter wurde noch am Steuer des Lastwagens von der Polizei erschossen.

AP

Camille hat gelernt, mit dem Trauma zu leben. Ganz verschwinden werde es aber nie. «Das Attentat ist ein Teil von mir», sagt die Beamtin. Die Anspannung, die Reizbarkeit, die Schlaflosigkeit sind geblieben.

Ganz anders geht Jérôme mit den Folgen des Attentats um. «Ich werde immer wieder von Wut erfasst», erzählt der 42-jährige Kunststofftechniker. Er geriet gleich nach dem Attentat mit einem Nachbarn in Streit, als dieser auf seinem Balkon eine Frankreich-Flagge aufspannte. «Das ist ein Anhänger von Marine Le Pen. Aber wir wollten nicht, dass jemand das Attentat politisiert», erklärt Jérôme. «Zudem glaubten wir in unseren Wahnvorstellungen, dass die Flagge andere Attentäter anziehen könnte.»

Wie das Attentat Nizza verändert hat

Bis heute bleibt das Paar auf der Hut. Wie ganz Nizza. «Die Stadt hat sich enorm verändert», findet Jérôme. Wer genau hinschaut, stösst überall auf Betonblöcke, Absperrungen Überwachungskameras. Vor jeder Schule wurde ein Knopf angebracht, mit dem Passanten einen Alarm auslösen können.

Der heutige «Quatorze Juillet» ist für sie ein Schreckenstag. «Wenn der 14. Juli näher rückt, ist uns nicht mehr wohl», sagt Jérôme. «Wir schlafen schlecht, sind völlig erschöpft.» Als müssten sie noch heute um ihr Leben rennen, auf der Flucht vor den eingebildeten Snipern.

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