Iran
Experte vor neuen Atom-Deal-Verhandlungen: «Wenn der Iran wirklich wollte, hätte er längst eine Atomwaffe»

Heute beginnen in Wien die Verhandlungen über ein neues Atomabkommen mit dem Mullah-Staat. Der israelische Experte Yossi Melman ist skeptisch.

Interview: Judith Poppe, Tel Aviv
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Iran-Experte Yossi Melman.

Iran-Experte Yossi Melman.

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Ex-US-Präsident Donald Trump nannte ihn einst den «schlechtesten Deal der Geschichte»: Sein Vorgänger Barack Obama aber sah im 2015 abgeschlossenen Atomabkommen mit dem Iran die einzige Möglichkeit, den Mullah-Staat am Bau einer atomaren Waffe zu hindern.

Der Deal sah vor, die Sanktionen gegen den Iran aufzuheben, sofern Teheran darauf verzichtet, waffenfähiges Uran anzureichern. Trump stieg 2018 aus dem Deal aus und verhängte Sanktionen gegen Iran, woraufhin der schiitische Gottesstaat sein atomares Programm wieder aufnahm und internationalen Beobachtern den Zugang zu seinen Anlagen verwehrte.

Heute beginnen in Wien die Verhandlungen für einen neuen Deal zwischen Iran und dem Westen. Der israelische Iran-Experte Yossi Melman verfolgt die Gespräche genau. Melman schreibt für die israelische Tageszeitung «Haaretz» über Militär- und Geheimdienstthemen.

Heute beginnen die Gespräche zur Wiederaufnahme des Atomdeals. Vertreter der USA, der EU, Chinas, Russlands und Grossbritanniens werden sich mit Vertretern des Iran treffen. Was erhoffen Sie sich davon?

Yossi Melman: Dass der Iran zu einem Abkommen unter den Bedingungen von 2015 zurückkehrt, ist unrealistisch. Im Moment sieht es so aus, also ob der Iran an überhaupt keinem Abkommen interessiert wäre und nur Zeit gewinnen will.

Wie nah ist der Iran denn an der Atombombe?

Sie sind etwa zwei Jahre davon entfernt, eine Atombombe losschicken zu können. Was die Urananreicherung betrifft, ist der Iran weit fortgeschritten. Aber bei anderen Teilen des Programms hinken sie noch hinterher. Für die Atombombe braucht man ja nicht nur das Uran, sondern auch die Technik drumherum, etwa eine spezielle Rakete. Dieses Know-how haben die Iraner noch nicht.

2009 sagten Sie, wenn Sie Sicherheitsberater des israelischen Regierungschefs wären, würden Sie ihm raten, den Iran zu bombardieren.

Ich hätte Benjamin Netanjahu damals tatsächlich dazu geraten, den Iran zu bombardieren und einen palästinensischen Staat zu gründen. Es wäre eine Win-Win-Situation gewesen. Die arabische Welt hätte ihm aus beiden Gründen applaudiert, der Iran war noch schwach und Israel hätte das durchziehen können, mit oder ohne Amerika. Das iranische Regime ist schrecklich, ein theokratisches und nicht-demokratisches Regime, verletzt die Menschenrechte, unterdrückt die Frauen.

Würden Sie dem jetzigen Ministerpräsidenten Naftali Bennett das Gleiche raten?

Auf gar keinen Fall! Eine militärische Option für Israel ist jetzt ausgeschlossen. Wenn Ministerpräsident Naftali Bennett sagt, dass alle Optionen auf dem Tisch liegen und Israel erfolgreich die iranischen Nuklearanlagen angreifen könnte, ist das Blödsinn. Man kann die Anlagen des Iran bombardieren, aber nicht ihr Know-how.

Also ist ein Deal doch die einzige Lösung, um eine iranische Atombombe zu verhindern?

Ja. Der Iran muss zur Einsicht gebracht werden, dass nukleare Waffen ausser Frage stehen.

Trotzdem unterstützt Israel die heute beginnenden Verhandlungen nicht.

Die israelische Position ist nicht eindeutig. Benjamin Netanjahu war gegen das Abkommen, aber die Expertinnen und Experten und die gesamte militärische Elite waren dafür. Nicht weil es ein guter Deal war, aber weil durch den Atomdeal der Iran immerhin um ein paar Jahre zurückgeworfen wurde.

Wie wirksam sind die Sanktionen gegen den Iran?

Sanktionen können ein Druckmittel sein, um einen langfristigen Deal herauszuschlagen. Bei der Umsetzung aber hapert es. Der vergangene Oktober ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie der Iran die geltenden Sanktionen umgehen kann: Teheran verkaufte trotz der geltenden Sanktionen 1,2 Milliarden Barrel Öl an China, Russland, Venezuela, sogar an die Vereinigten Arabischen Emirate. Wenn Sie mit dem Iran hart ins Gericht gehen wollen, müssen Sie die Sanktionen auch wirklich umsetzen.

Gehen wir von dem Szenario aus, dass der Iran irgendwann eine Atombombe haben wird. Wie gross ist die Bedrohung für Israel?

Gross. Ein nuklearer Iran bedeutet aber nicht das Ende der Welt. Und auch Israel wird nicht kollabieren. Israel ist viel stärker. Der Iran liegt in Scherben. Für Israel sind andere Dinge viel gefährlicher. Die Spaltung der Gesellschaft oder die Frage, ob 3,7 Millionen Palästinenser unter Apartheid leben sollen. Im Übrigen ist ja nicht nur Israel bedroht, sondern die ganze Region.

Inwiefern?

In dem Moment, in dem der Iran Atomwaffen haben wird, wird auch sein Rivale Saudi-Arabien Atomwaffen haben wollen. Und andere dürften folgen. Die Türkei, möglicherweise auch Ägypten. Die Schleusen für ein nukleares Wettrüsten im Nahen Osten würden geöffnet. Ich denke, die Iraner wissen das, und vielleicht zögern sie auch deshalb.

Die Iraner wollen gar nicht wirklich Atomwaffen?

Strategisch zögern sie mit dem Aufbau von Atomwaffen, weil sie ihren Nachbarn Russland noch mehr fürchten als Amerika. Und Russland will keinen Nachbarn mit Atomwaffen. Religiöse Erwägungen könnten auch eine Rolle spielen. Es gibt Berichte, dass Ali Khomenei, der Oberste Führer des Iran, eine Fatwa, ein religiöses Dekret, gegen Atomwaffen erlassen hat. Und dann muss man auch sehen: Jede Nation, die Atomwaffen haben wollte, sei das Pakistan, Indien, Israel, Südafrika oder Nordkorea, hat maximal sieben Jahre gebraucht, um sie herzustellen. Die Iraner spielen seit dem Ende des Irak-Iran-Krieges vor 32 Jahren mit dem Gedanken. Wenn sie wirklich wollten, könnten sie die Atombombe längst haben.

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