Prozess startet
«Abscheuliche Verbrechen»: Ist die Epstein-Vertraute Ghislaine Maxwell nur der «Sündenbock» oder mitschuldig?

Vor dem Bundesgericht in New York hat am Montag das mit Spannung erwartete Verfahren gegen Ghislaine Maxwell begonnen, die Vertraute des verstorbenen Financiers und Sexualverbrechers Jeffrey Epstein. Die Anklage und die Verteidigung lieferten sich ein heftiges Techtelmechtel.

Renzo Ruf, New York
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Ghislaine Maxwell muss sich den schweren Vorwürfen der Staatsanwaltschaft stellen.

Ghislaine Maxwell muss sich den schweren Vorwürfen der Staatsanwaltschaft stellen.

Gerichtszeichnung: Elizabeth Williams/AP

In den Augen der Anklage waren die beiden «partners in crime», Spiessgesellen beim sexuellen Missbrauch von Mädchen. Hinter verschlossenen Türen, so sagte am am Montag die Staatsanwältin Lara Pomerantz vor dem Bundesgericht in New York, hätten Ghislaine Maxwell und ihr langjähriger Weggefährte Jeffrey Epstein «abscheuliche Verbrechen» begangen.

Die Verteidigung allerdings bezeichnet diese Behauptung als falsch und unbewiesen. Maxwell sei vielmehr das Opfer eines Justizsystems, dem es nicht gelang, den 2019 verstorbenen Epstein zur Verantwortung zu ziehen – und das deshalb nun einen Sündenbock benötige. Denn seit Adam und Eva würden Frauen immer wieder für die Verbrechen von Männern zur Verantwortung gezogen, formulierte es Maxwells Anwältin Bobbi Sternheim in ihrem Eröffnungsplädoyer. An die 18 Geschworenen gerichtet, die am Montag in einem zähen Verfahren bestimmt wurden, sagte Sternheim über ihre Klientin Ghislaine Maxwell: «Sie ist nicht Jeffrey Epstein. Sie ist nicht wie Jeffrey Epstein», den sie kurzerhand mit James Bond verglich.

Diese beiden feurigen Stellungnahmen, mit denen am Montag der mit Spannung erwartete Prozess gegen die 59 Jahre alte Britin begann, geben einen Vorgeschmack auf das anstehende Seilziehen zwischen Anklage und Verteidigung. Bereits am ersten Tag sah sich Bundesrichterin Alison Nathan gezwungen, mehrmals einzuschreiten und die Anwälte an die Spielregeln des Prozesses zu erinnern. So pfiff sie die Verteidigerin Sternheim zurück, als diese unverblümt behauptete, die vier angeblichen Opfer von Epstein und Maxwell seien von ihren Privatanwälten manipuliert worden und hätten es bloss auf Entschädigungszahlungen in Millionenhöhe abgesehen.

«Memory, Manipulation and Money»

Die treibenden Faktoren in diesem Verfahren seien «Erinnerung, Manipulation und Geld», sagte Sternheim, was auf Englisch («memory, manipulation and money») etwas eingehender klingt. Denn wer die Geschichten der vier angeblichen Opfer Epsteins und Maxwells, auf der die Anklageschrift gegen Maxwell beruht, genauer anschaue, der finde zahlreiche Löcher in ihren Geschichten. So fehlten zum Beispiel Augenzeugen, die ihre angeblichen Behauptungen belegen könnten.

Das Verfahren vor dem Bundesgericht stiess am ersten Tag auf ausserordentlich grosses Interesse. Die ersten Schaulustigen warteten bereits in den frühen Morgenstunden auf Einlass vor dem stattlichen Gerichtsgebäude in der Nähe der Wall Street. Weil im eigentlichen Gerichtssaal zahlreiche Plätze für die Angehörigen und die Opfer des mysteriösen Financiers Epstein reserviert waren, stellten die Gerichtsbehörden der interessierten Öffentlichkeit fünf zusätzliche Räume zur Verfügung – in denen die Verhandlung im Saal 318 direkt übertragen wurde, wenn auch auf sehr kleinen Bildschirmen. Allerdings konnte sich diese Bilder nur ansehen, wer sich im Gerichtsgebäude befand: Verfahren vor einem amerikanischen Bundesgericht werden gemeinhin nicht am TV übertragen.

Maxwell selbst, 59 Jahre alt, sass am Tisch der Verteidigung und schien über weite Strecken des ersten Tages vertieft in Gerichtsakten zu sein. Manchmal spielte die Britin mit ihren dunklen Haaren. Die New Yorker Staatsanwaltschaft beschuldigt Maxwell, in den Neunzigerjahren dem mysteriösen Financier Epstein als Zuhälterin von Mädchen gedient zu haben, die dieser sexuell missbrauchte. Bei einigen dieser illegalen Handlungen habe sich auch selbst mitgewirkt, heisst es in der Anklageschrift.

Ein Bild von Ghislaine Maxwell aus dem Jahr 2013.

Ein Bild von Ghislaine Maxwell aus dem Jahr 2013.

Rick Bajornas / AP

Grosses Interesse der britischen Medien

Auffallend war, wie gross das Interesse britischer Medienschaffenden am ersten Prozesstag waren: Sämtliche federführenden Blätter und Fernsehsender Grossbritanniens waren mit Reporterinnen oder Reportern vor Ort; stellenweise hörte sich die Umgebung des Thurgood Marshall Court Houses an, als befände es sich in London. Hof hielt zum Beispiel die Journalistin Vicky Ward, die 2003 für die Zeitschrift «Vanity Fair» einen der ersten kritischen Artikel über Jeffrey Epstein geschrieben hatte.

Anwesend war aber auch die Amerikanerin Julie Brown, die mit ihren Artikeln im «Miami Herald» das Interesse am Fall Epstein (und an seiner Beziehung zu Maxwell) in den vergangenen Jahren wieder geweckt hatte.

Das Verfahren gegen Maxwell könnte bis Jahresende dauern. Die Anklage rief am Montag den ehemaligen Epstein-Piloten Larry Visoski als ersten Zeugen der Anklage in den Zeugenstand, der übrigens vollständig mit Plexiglas verkleidet ist. Visoski gab Auskunft über die zahlreichen Anwesen, die Epstein besass. Am Dienstag, wenn der Prozess weitergeht, wird er wohl weiter über die Rolle Maxwells Auskunft geben, die diese als Freundin und Stabschefin Epsteins über weite Strecken der Neunzigerjahren spielte.

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