Garmisch-Partenkirchen
Mindestens vier Tote nach Zugunglück in Bayern: «Es hat plötzlich stark gerumpelt»

Tragisches Zugunglück in Oberbayern: Mindestens vier Menschen sterben, Dutzende werden verletzt. Warum der Regionalzug mit 140 Passagieren entgleist ist, ist noch völlig unklar.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Ein umgekippter Waggon der Regionalbahn.

Ein umgekippter Waggon der Regionalbahn.

Uwe Lein/03.06.2022

Ein Regionalzug von Garmisch-Partenkirchen in Richtung der bayerischen Landeshauptstadt München ist am Freitag kurz nach der Abfahrt auf einer einspurigen Strecke gegen 12.15 Uhr entgleist. Mehrere Doppelstockwagen sprangen aus der Schiene, drei Waggons kippten um. «Es hat plötzlich stark gerumpelt und dann hat es schon gestaubt», sagte ein älterer Zugpassagier, der unverletzt blieb, der Lokalzeitung «Garmisch Partenkirchener Tagblatt». Ein Augenzeuge, der die Katastrophe von seinem Auto aus beobachtete, sagte der Zeitung:

«Es war einfach schrecklich. Plötzlich ist der Zug umgekippt.»

Die Unfallstelle liegt auf einem leicht erhöhten Bahndamm. Die entgleisten Waggons sollen von dem Damm in einen kleinen Bach gerutscht sein, hiess es. Laut Angaben der Behörden verloren bei dem Unglück mindestens vier Menschen ihr Leben. 30 Menschen wurden verletzt, 15 offenbar so schwer, dass sie in umliegende Krankenhäuser gebracht werden mussten. Die lokale Zeitung berichtet von Not-Operationen im Klinikum von Garmisch-Partenkirchen. Auch eine Klinik in der Hauptstadt München verlegte Intensivpatienten auf andere Stationen, um Platz für die Verletzten des Zugunglücks zu schaffen.

Video: Leserreporter

«Wir haben in einer guten Stunde alle Verletzten aus dem Zug heraus gebracht», sagte der Einsatzleiter der Feuerwehr an der Unglücksstelle. Dass die Schienenführung an der Unglücksstelle direkt an einer Hauptstrasse entlang führt, bezeichnete der Einsatzleiter als «Glücksfall», da die Rettungskräfte dadurch rasch zum Unfallort gelangen konnten. Allerdings ist das Unfallgelände extrem unwegsam. Die Feuerwehr musste Bäume fällen und Leitplanken entfernen, um an die Opfer heranzukommen. «Das ist brutal», zitierte die Lokalzeitung einen Feuerwehrmann, der die Situation als «furchtbar, völlig dramatisch» beschrieb.

500 Rettungskräfte waren an der Unglücksstelle im Einsatz, auf den Strassen staute sich der Verkehr kilometerweit. Die Bahnstrecke nach München ist auf unbestimmte Zeit unterbrochen.

500 Rettungskräfte waren an der Unglücksstelle im Einsatz, auf den Strassen staute sich der Verkehr kilometerweit. Die Bahnstrecke nach München ist auf unbestimmte Zeit unterbrochen.

Network Pictures/03.06.2022

Offenbar befanden sich in dem Unglückszug auch 15 Bundeswehrsoldaten. Die Armeeangehörigen begannen just nach der Entgleisung mit ersten Rettungsmassnahmen, hiess es laut lokalen Zeitungsberichten. Innert kürzester Zeit waren 500 Helferinnen und Helfer vor Ort, darunter auch Besatzungen von drei Rettungshubschraubern aus dem nahe gelegenen Tirol (Österreich). Zudem kamen auch Polizeibeamte zum Einsatz, die wegen des Ende Juni angesetzten G7-Gipfels in der Region stationiert sind. Auf Schloss Elmau, knapp 20 Kilometer von der Unglücksstelle entfernt, treffen sich ab dem 26. Juni unter anderem Bundeskanzler Olaf Scholz, US-Präsident Joe Biden und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.

Innenminister schliesst weitere Todesopfer nicht aus

Die Betroffenheit über das Unglück ist riesig. Wegen der anstehenden Pfingstfeiertage wurden viele Schülerinnen und Schüler in dem Zug vermutet. Ob Kinder oder Schüler unter den Todesopfern sind, war bis Redaktionsschluss unklar. Unter den Verletzten seien «alle Altersgruppen», sagte der Sprecher der Bundespolizei gegenüber der «Bild»-Zeitung. «Jetzt geht es darum, die Leichen zu bergen und die eigentliche Unglücksursache am Gleis oder Zug oder was auch immer zu finden», sagte der bayerische Innenminister Joachim Herrmann. Der CSU-Politiker schloss weitere Todesopfer nicht aus. Drei der vier Todesopfer müssten noch geborgen werden. Diese Opfer lägen unter einem umgestürzten Waggon.

«So lange der Eisenbahnwaggon aber nicht angehoben ist, können wir nicht ausschliessen, dass darunter weitere Tote liegen.»

Das vierte Opfer sei auf dem Weg ins Krankenhaus den Verletzungen erlegen.

Warum der Zug mit etwa 140 Passagieren aus den Gleisen sprang, ist unklar, ebenso, mit welchem Tempo der Zug unterwegs war. Aktuell sind viele Regionalzüge stärker besetzt als üblich, da Deutschland zwischen Juni und August mit einer Sonderaktion - ein Monatsticket für den öffentlichen Regionalverkehr kostet 9 Euro - die Menschen wegen der gestiegenen Energiekosten entlasten möchte. Die Kriminalpolizei hat die Ermittlungen aufgenommen.

Die deutsche Innenministerin Nancy Faser (SPD) machte sich am Nachmittag auf den Weg zur Unglücksstelle. «Meine Gedanken sind bei den Familien der Todesopfer und bei den Schwerverletzten und Verletzten», sagte sie. Auch der deutsche Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) reagierte schockiert. Er versprach rasche Aufklärung: «Unsere Experten sind bereits vor Ort, um gemeinsam mit den Ermittlungsbehörden die Unfallursache zu untersuchen.» Auch Kanzler Olaf Scholz meldete sich via Twitter: