G20 Gipfel
Venedig leidet – jetzt droht sogar der Verlust des Welterbestatus

In der Lagunenstadt beginnt am Freitag der G20-Gipfel. Doch hinter der prächtigen Kulisse rumort es gewaltig.

Dominik Straub, Rom
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Das Dilemma der Lagunenstadt: Kreuzfahrtschiffe werden für Venedig zum Problem - und doch ist die Stadt auf die Touristen angewiesen.

Das Dilemma der Lagunenstadt: Kreuzfahrtschiffe werden für Venedig zum Problem - und doch ist die Stadt auf die Touristen angewiesen.

Simone Padovani/Awakening / Getty Images Europe

Es war der Moment, auf den alle Hoteliers und Gastwirte in Venedig sehnlichst gewartet hatten: Am vergangenen Samstag, um 10.58 Uhr, landete eine Maschine der Delta Airlines mit 214 Passagieren an Bord auf dem Flughafen Venezia Marco Polo. Gestartet war der Jet neun Stunden zuvor in New York: Es war der erste Direktflug aus den USA nach Venedig seit dem Ausbruch der Pandemie. «Die Wiederaufnahme der direkten Verbindungen ist ein wichtiges Zeichen», betonte der regionale Tourismusminister Federico Caner. Und erinnerte daran, «dass wir eine sehr harte Zeit hinter uns haben, die ihre Spuren hinterlassen hat.»

In Venedig angekommen sind inzwischen auch die Finanzminister und die Notenbankchefs der G20 mitsamt ihren Delegationen. Die Mächtigen der internationalen öffentlichen Geld- und Budgetpolitik logieren in sieben Luxus-Hotels der Lagunenstadt, die meisten von ihnen am Canal Grande gelegen: eine grossartige Kulisse in einer zumindest unter der Woche immer noch halb leeren Stadt, deren Tourismusbranche zu 80 Prozent von ausländischen Gästen abhängt und die zunächst vom verheerenden Hochwasser vom November 2019 und kurz darauf von der Pandemie schwer getroffen wurde. Viele Hotels sind erst seit dem Juni wieder offen, zahlreiche Betriebe, Boutiquen und Handwerksbetriebe haben die Krise nicht überlebt.

Venedig steht symbolisch für fast alle Probleme, die auf der Tagesordnung des G20-Gipfels stehen: Zwar wird auch bei diesem Treffen die Einführung einer Mindeststeuer für global tätige Unternehmen sowie eine «Digital-Steuer» für Internet-Riesen wie Google, Facebook, Apple und Amazon die Diskussionen beherrschen, doch daneben geht es an dem Treffen auch um den Wiederaufbau nach der Pandemie, um nachhaltigen Tourismus, um den grünen Umbau der Wirtschaft und um Klimaschutz.

Selbst verschuldete Probleme

Pandemie, Klimawandel, Massentourismus: Venedig ist von allen diesen globalen Herausforderungen betroffen, zum Teil ohne eigenes Dazutun, zum Teil aber auch als Folge von hausgemachten politischen Fehlern. Zwar ist die unmittelbare Gefahr eines neuen, verheerenden «Acqua alta» wie jenem vom November 2019 dank der inzwischen erfolgten Inbetriebnahme des milliardenteuren Hochwasserschutzsystems «Mose» bei den drei Eingängen zur Lagune fürs Erste weitgehend gebannt. Experten warnen aber schon heute davor, dass der «Mose» durch das weitere Ansteigen des Meeresspiegels und immer stärker werdende Stürme und Sturmfluten in absehbarer Zeit an seine Belastungsgrenzen kommen könnte.

Bereits das Mass des Erträglichen überschritten hat die Flut der Touristen, zumindest vor der Pandemie: Im Jahr 2019 hatten über 30 Millionen Gäste die 50'000-Einwohnerstadt überrannt. Wegen den negativen Auswirkungen des Massentourismus könnte Venedig bereits in der zweiten Hälfte des Juli auf der «roten Liste» der Unesco landen und damit mittelfristig den Status als Weltkulturerbe verlieren, den die Stadt seit 1987 besitzt. Die UNO-Fachleute kritisieren den Schwund der einheimischen Bevölkerung, der zu einem «erheblichen Verlust an historischer Authentizität» geführt habe. Ein besonderer Dorn im Auge sind der Unesco aber auch die gigantischen Kreuzfahrtschiffe, die in die Lagune fahren und sich dabei bis auf wenige Dutzend Meter dem Dogenpalast und der Piazza San Marco nähern.

Tourismusbranche warnt

Gegen die Kreuzfahrtschiffe wehrt sich seit Jahren vergeblich die Bürgerbewegung «No Grandi Navi», die auch beim G-20-Gipfel Protestaktionen durchführen will. Nach den dramatischen Umsatzeinbussen während der Pandemie ist es im Moment aber vielleicht auch der falsche Zeitpunkt, um über eine Verbannung der Kreuzfahrtschiffe aus der Lagune zu reden, zumindest aus der Sicht von Venedigs Tourismusbranche: Sie ist um jeden Gast froh, der die Stadt besucht - egal ob er nun mit dem Flugzeug, dem Auto oder eben mit einem Kreuzfahrtschiff ankommt. Trotz der «grünen» Tagesordnung wird deshalb auch der G-20-Gipfel in Venedig eher als Chance gesehen: «Das Treffen kann zur Wiedergeburt Venedigs beitragen», betont der Hotelier Nicola Zane, stellvertretend für die meisten seiner seiner Kollegen.

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