EUROPOL-Bericht
So viel Kokain wie noch nie und immer mehr Gewalt: Droht Europa ein Drogenkrieg wie in Mexiko?

Die europäische Polizeibehörde «Europol» schlägt Alarm: Gerade die Pandemie eröffnet der organisierten Kriminalität neue Möglichkeiten.

Remo Hess aus Brüssel
Merken
Drucken
Teilen
Deutsche Zollbeamte präsentieren einen Kokainfund von mehreren Tonnen (Archiv).

Deutsche Zollbeamte präsentieren einen Kokainfund von mehreren Tonnen (Archiv).

Keystone

Als die Spezialpolizisten die Türe aufbrechen, staunen sie nicht schlecht: ein Zahnarztstuhl in der Mitte eines mit Alufolie ausgekleideten Schiffscontainers. An seinen Lehnen sind Fesselgurte befestigt. Handschellen, Zangen und Skalpelle gibt es auch. Kein Zweifel: Hier handelt es sich um eine waschechte Folterkammer.

Kein Ganster-Film, sondern Realität: Auf diesem Folterstuhl wollten Kriminelle ihre Konkurrenten "behandeln".

Kein Ganster-Film, sondern Realität: Auf diesem Folterstuhl wollten Kriminelle ihre Konkurrenten "behandeln".

Was sich wie eine Szene aus der Netflix-Gangsterserie «Narcos» anhört, spielte sich im vergangenen Juni in Wouwse Plantage in der südlichen Niederlande ab. Rivalisierende Drogengangs lieferten sich eine Auseinandersetzung, an deren Ende die Entführung und mögliche Tötung mehrere Personen stehen sollte. Die Todesliste stand bereits. Dank abgehörter Kommunikation konnte die Polizei im letzten Moment einschreiten. Der Fall mag in seiner Brutalität schockieren. Aber er steht stellvertretend für die Gewaltzunahme im Bereich der organisierten Kriminalität, vor allem im internationalen Drogenhandel.

Die europäische Polizeibehörde «Europol» schlägt nun Alarm. Noch nie sei die Bedrohung für Europa und seine Bürger so gross gewesen, heisst es im neusten Analysebericht. Die Pandemie und die dadurch verbundene Wirtschaftskrise würden den perfekten Nährboden bieten für die Ausbreitung des organisierten Verbrechens. Mit Drogen- und Menschenhandel, Cybercrime und Betrug würden Milliarden umgesetzt.

Die Rivalität zwischen den Drogenbanden nimmt zu

Rund 40 Prozent aller Aktivitäten entfallen auf die Drogenmafia. In den vergangenen Jahren sei es zu einem regelrechten Kokain-Boom gekommen. Noch nie sei so viel Kokain von Südamerika nach Europa geliefert worden und noch nie sei es so rein gewesen. Einen Grund für den Anstieg nennt der Bericht nicht. Klar ist aber, dass in Kolumbien die Produktion zugelegt hat. Nach dem Friedensvertrag der Regierung mit den Farc-Rebellen haben neue Akteure das Geschäft übernommen.

Einfallstor für Kokainkartelle: Nach Rotterdam (Niederlande) ist Antwerpen (Belgien) der grösste Frachthafen in Europa.

Einfallstor für Kokainkartelle: Nach Rotterdam (Niederlande) ist Antwerpen (Belgien) der grösste Frachthafen in Europa.

Keystone

Längst sind die südamerikanischen Drogenkartelle aber auch selbst in Europa angekommen. Der europäische Drogenmarkt ist der lukrativste neben Nordamerika. Die gestiegene Gewalt sei ein Zeichen dafür, dass es zu zunehmendem Wettbewerb unter den Drogenbanden käme, so Europol. Gerade rund um die Hafenstädte Antwerpen (Belgien) und Rotterdam (Niederlande), welche die Haupteinfallstore für die Kokainkartelle sind, kam es in jüngster Zeit immer wieder zu blutigen Revierkämpfen.

Mit den Rekordmengen an Drogenlieferungen steigen auch die Beschlagnahmungen. Im vergangenen Jahr wurden in Antwerpen 65,5 Tonnen Kokain sichergestellt – so viel wie noch nie. Allein bis Anfang April dieses Jahres machte die belgische Polizei 27 Tonnen dingfest, was einem Verkaufswert von rund 1,4 Milliarden Euro entspricht.

Ein Hinweis aus Belgien und Holland führte Ende Februar in Hamburg zur Konfiszierung der Rekordmenge von 16 Tonnen Kokain. Sie waren in Farbbehältern versteckt.

Ein Hinweis aus Belgien und Holland führte Ende Februar in Hamburg zur Konfiszierung der Rekordmenge von 16 Tonnen Kokain. Sie waren in Farbbehältern versteckt.

Keystone

Grund für den Erfolg ist die Enttarnung eines verschlüsselten Kommunikationsnetzes: Während Monaten konnten die belgischen Behörden Millionen an Nachrichten mitlesen, welche die Kriminellen über eine Art «WhatsApp für Gangster» via spezielle Krypto-Handys austauschten. Von den weltweit rund 70'000 aktiven Krypto-Handys befand sich ein Viertel in Belgien und der Niederlande. Anfang März schlug die Polizei zu und nahm in einer ersten Welle bei über 200 Hausdurchsuchungen rund 50 Personen fest. In den Niederlanden waren es über 30 Festnahmen. Auch korrupte Anwälte und Polizisten flogen auf, darunter ein Kommissar der Antwerpener Drogenfahndung.

Bereits im Jahr 2020 konnten französische Behörden ein ähnliches Verschlüsselungssystem knacken, was neben der Aufdeckung der niederländischen Folterkammer zu zahlreichen Festnahmen sowie Drogen- und Waffenfunden führte.

Durch die Entschlüsselung der Kommunikationssysteme wird auch klar, wie stark die organisierte Kriminalität heute mittlerweile auf digitale Technologien setzt. Kriminelle Netzwerke organisieren sich über das Darknet und haben längst ein paralleles Finanzsystem der Unterwelt geschaffen, heisst es im Europol-Bericht. Die illegalen Milliardenprofite werden über das Darknet wieder zurück in den legalen Wirtschaftskreislauf investiert, an dem die kriminellen Organisationen über legale Unternehmen teilnehmen. «Das organisierte Verbrechen bedroht unsere Wirtschaft, Gesellschaft, den Rechtsstaat und die Demokratie», sagt EU-Innenkommissarin Ylva Johansson.

Sorgen bereitet Europol auch die Auswirkungen von Corona: Kriminelle Organisation seien Meister der Anpassung und könnten in den langfristigen wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Pandemie einen «idealen Boden» für ihre Aktivitäten finden, so Europol-Chefin Catherine De Bolle. Schon jetzt sei eine Ausweitung der Cyber-Kriminalität festzustellen. Auch die Fälschung von Schutzmaterial, Medikamenten oder Impfstoffen sei ein Betätigungsfeld der organisierten Kriminalität. Vor allem aber besteht auch die Gefahr, dass sich kriminelle Organisationen einfacher Sektoren festsetzen können, die von der Krise hart getroffenen wurden. Das betrifft zuerst die Gastro- und Tourismusbranche.