England
Der Premier brummt wie ein Ferrari und vergleicht sich mit Prophet Moses: Was ist bloss mit Boris Johnson los?

Die Sorge um den 57-jährigen Konservativen wächst. Alles nur wegen einer Erkältung, sagt die Regierung. Höchste Zeit, dass er geht, fordern die Gegner.

Sebastian Borger, London
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Boris Johnson steht mal wieder im Gegenwind.

Boris Johnson steht mal wieder im Gegenwind.

AP

Wenn Regierungssprecher Fragen nach dem Wohlbefinden des Premierministers beantworten müssen, ist das nie ein gutes Zeichen. So ist es auch diese Woche wieder. Boris Johnson sei «in hervorragender Form» und verfüge über «stählerne Härte», behauptete Vize-Premier Dominic Raab am Mittwoch.

In diesem Herbst aber häufen sich die bizarren Auftritte des 57-jährigen Regierungschefs. Dass der einstige Journalist und heutige Premierminister nie um farbige, gelegentlich auch gewagte Formulierung verlegen ist, ist zwar nicht neu. Jüngst aber gehe er zu weit, finden viele Beobachter.

Drei Beispiele: Bei einer Kranzniederlegung in seinem Wahlkreis sah er zuletzt so zerzaust und ungepflegt aus, dass ein Augenzeuge Ähnlichkeit mit «einem Sofa auf der Müllkippe» konstatierte. Bei der Fragestunde im Parlament benahm sich Johnson vergangene Woche derart daneben, dass der normalerweise milde Speaker Lindsay Hoyle ihm das Wort abschnitt:

«Sie mögen der Premierminister sein, aber in diesem Haus habe ich das Sagen.»

An diesem Montag schiesslich verglich sich Johnson bei einem Auftritt vor einem Industrieverband scherzhaft mit dem alttestamentarischen Propheten Moses, ahmte brummend einen Ferrari nach, schwärmte minutenlang von einem Erlebnispark für Kleinkinder – und verlor schliesslich den Faden. 21 Sekunden lang wühlte der Premier in seinem Manuskript.

Boris Johnsons wirrer Auftritt vor dem Industrieverband CBI.

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Korruptionsvorwürfe von höchster Stelle

Dreist behauptete ein Regierungssprecher tags darauf, bei vielen Zuhörern habe die Rede «grossen Eindruck» hinterlassen. So kann man es natürlich auch sagen: «Ohne jede Strategie», «nichts als heisse Luft», «keinerlei Verständnis» für die Sorgen der Wirtschaft, lauteten die Kommentare der Manager.

Hinter vorgehaltener Hand wurden Parteikollegen deutlicher: «Richtig frustriert» seien sie über die «amateurhafte Vorstellung» von Johnson und seinem engsten Beraterzirkel, be-richteten Tory-Abgeordnete der britischen Presse.

Die schlechte Stimmung in Kabinett und Fraktion hat natürlich nicht nur mit Johnsons verunglückten Reden zu tun. Zu den jämmerlichen öffentlichen Auftritten gesellen sich hausgemachte Probleme: der ungelöste Dauerkonflikt mit der EU über Nordirland; das Gesundheitssystem NHS im Notstandsbetrieb; eine verunglückte Reform der Pflegeversicherung; die Streichung einer lang versprochenen Schnellbahntrasse im englischen Norden. Dass Johnson zudem einen Brexit-Weggefährten vor der gerechten Bestrafung durchs Unterhaus wegen unerlaubten Lobbyings zu bewahren versuchte, haben ihm Medien und jüngere Abgeordnete gründlich übel genommen. Labour-Oppositionsführer Keir Starmer spricht sogar unverblümt von «Korruption» und ätzt über den Kontrahenten, dieser sei «ein Feigling, kein Anführer».

Alles nur wegen einer Erkältung

Alles halb so wild, sagen Wohlmeinende. Nicht das System Johnson sei kaputt. Nach hartnäckiger schwerer Erkältung sei der Vater eines achtzehn Monate alten Kleinkindes lediglich gesundheitlich ein wenig heruntergewirtschaftet gewesen.

Dass er noch immer taugt als Politiker, muss der einstige Wählermagnet Johnson bei zwei Nachwahlen im Dezember beweisen. In beiden normalerweise sicheren Tory-Wahlkreisen wäre alles andere als die Wahl eines Konservativen eine Sensation. Ganz egal aber, wie die Urnengänge ausgehen – der konservative «Times»-Kolumnist Matthew Parris, ein langjähriger Kritiker Johnsons, ist sich schon jetzt sicher, der Sinkflug des Brexit-Premiers habe begonnen:

«Es mag Monate oder Jahre dauern, aber es ist nur noch eine Frage der Zeit.»

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