EM-Viertelfinal
Corona-Hotspot Sankt Petersburg: Was die Nati und ihre Fans erwartet

Am Freitag spielt die Nati in Sankt Petersburg. Die Stadt ist ein Traum. Eigentlich. Derzeit explodieren die Coronazahlen, vor den Spitälern stauen sich die Krankentransporte.

Inna Hartwich, Moskau
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Schweizer Fans – hier am Match gegen die Türkei in Baku – wollen auch in Sankt Petersburg Stimmung machen.

Schweizer Fans – hier am Match gegen die Türkei in Baku – wollen auch in Sankt Petersburg Stimmung machen.

Ozan Kose / AP

Kritik an den Spielen hatte es hier, zwischen Kanälen und herrschaftlichen Häusern, schon immer gegeben. Sankt Petersburg, letztlich ganz Russland, hatte die Pandemie von Anfang an mit stabil hohen Zahlen über sich ergehen lassen. Es ist ein Hinnehmen einer Krankheit, die nun noch schneller den Tod bringt, weil sich die Delta-Variante im Land rasant verbreitet.

Eine Art Fatalismus, der vielen Russen eigen ist, zeigt sich auch in dieser Krise. Und ein Misstrauen dem Staat gegenüber, der selten auf Aufklärung setzt, sondern irgendwann mit Zwangsmassnahmen reagiert. Solange die Spiele in «Piter» stattfinden, wie die Petersburger ihre Stadt schon immer genannt haben, ob zu Petrograd- oder Leningrad-Zeiten, regiert aber mehrheitlich ein Laissez-faire.

Fussballfans infizierten sich in Russland

Zum Viertelfinal an diesem Freitag spitzt sich die Pandemie-Lage weiter zu. Seit Beginn der Fussball-EM starben in der Stadt offiziellen Angaben zufolge mehr als 1300 Menschen an Corona. Allein am Donnerstag waren es mehr als 1600 Neuinfizierte, 115 Menschen waren gestorben. Seit Tagen sind es rekordverdächtige Zahlen.

Die Stadt an der Newa wird zu einem besonderen Risiko für die Fans. Mehrere Staaten hatten sich bereits über zurückgekehrte Fussball-Fans beklagt, die sich in Russland infiziert hatten. Finnland berichtete über 300 Menschen, die das Virus offenbar von den EM-Spielen aus Sankt Petersburg mitbrachten. Schweden beklagte Ähnliches.

Die Stadt reagiert zögerlich und hat nun einige Beschränkungen verhängt. Die grösste EM-Fanmeile darf statt 5000 nur noch 3000 Gäste hineinlassen. Restaurants müssen nachts vier Stunden lang geschlossen bleiben. Viele Ausstellungen sind zu. Ein verschärftes Hygienekonzept für das Spiel am Freitag sei nicht nötig, sagen die russischen Veranstalter. Der Kreml meint, in der Stadt laufe alles nach strengen Regeln.

Die Pandemie scheint für viele Petersburger ganz weit weg

Berichten zufolge sammeln sich allerdings im Stadtzentrum die Massen, als hätte es Corona nie gegeben. Auf Masken wird nicht einmal in den Fanzonen geachtet, obwohl sie dort Pflicht sind. Die Corona-Sorglosigkeit zeigte sich vor wenigen Tagen auch bei der sogenannten «Scharlachrote Segel»-Feier, der traditionellen Abschlussparty vieler Schülerinnen und Schüler der Stadt. Die Stadtverwaltung hatte diese problemlos genehmigt und zog sich mit der Erklärung «Wir haben die Menschen auf die Gefahren hingewiesen» aus der Verantwortung.

«Scharlachrote Segel» in Sankt Petersburg: Bei der Feier stehen Tausende dicht an dicht. Auf Coronamassnahmen wird weitgehend verzichtet.

«Scharlachrote Segel» in Sankt Petersburg: Bei der Feier stehen Tausende dicht an dicht. Auf Coronamassnahmen wird weitgehend verzichtet.

Anatoly Maltsev / EPA

Die Ärzte der Stadt arbeiten derweil am Rande ihrer Kräfte. In den sozialen Netzwerken tauchen Bilder aus Petersburger Spitälern auf, in denen Menschen auf dem Flur liegen. Krankentransporte reihen sich vor den Kliniken, sie brauchen teils sechs Stunden, um die Kranken dort abzugeben. «Unser Spital ist überfüllt, wir können nicht anders, als die Patienten auf den Fluren zu behandeln», sagt ein Arzt aus dem auf Covid spezialisierten St. Georgsspital dem unabhängigen Online-Magazin «Bumaga». Ein Arzt aus dem Pokrowski-Spital, ebenfalls auf Corona-Infizierte spezialisiert, berichtet:

«Wir dachten schon darüber nach, die Sitzplätze zu Betten umzufunktionieren.»

«Bumaga» hat die Protokolle der Ärzte aufgezeichnet, anonym. Das Gesundheitsministerium fordert das medizinische Personal staatlicher Spitäler auf, sich nicht zur Pandemie zu äussern. Petersburg hat derzeit zwei Gesichter - die Fans sehen das eine, die Ärzte ein völlig anderes.

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