Mexiko/USA
«El Chapo» muss heute vor den Richter

Der mächtige Drogenboss soll Tausende Leute ermorden lassen haben. Zweimal schon entkam er der Justiz.

Samuel Schumacher
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Joaquín «El Chapo» Guzmán bei seiner Verhaftung im Januar 2016.AP/Keystone

Joaquín «El Chapo» Guzmán bei seiner Verhaftung im Januar 2016.AP/Keystone

KEYSTONE

Körnig und verpixelt ist das gut zweiminütige Video aus dem mexikanischen Hochsicherheitsgefängnis Altiplano. Darauf zu sehen ist einer der spektakulärsten Gefängnisausbrüche der modernen Geschichte. Ein kleiner Mann geht ein paar Mal in der Zelle auf und ab, setzt sich kurz aufs Bett, zieht Schuhe an und verschwindet dann in der dunklen hinteren Ecke; da, wo eigentlich die Dusche sein sollte.

Der Mann ist Joaquín Archivaldo Guzmán Loera, besser bekannt als «El Chapo» («der Kleine»), der in dieser Nacht im Juli 2015 vom berühmten Häftling zum meistgesuchten Verbrecher der Welt geworden ist. Da, wo eigentlich der Abfluss der Dusche hätte sein sollen, fanden die Gefängniswärter am nächsten Morgen ein rund 50 auf 50 Zentimeter grosses Loch, das direkt in einen anderthalb Kilometer langen, 1,70 Meter hohen Tunnel führte. Der Tunnel war ausgeleuchtet mit elektrischem Licht, gegraben von treuen Helfern des Drogenbarons, der jahrelang als Kopf des mächtigen mexikanischen Sinaloa-Kartells fungierte. Die Flucht war noch spektakulärer als jener Ausbruch 2001, bei dem sich «El Chapo» in einem Wäschetransporter aus einem Gefängnis in Puente Grande kutschieren liess.

Guzmán, je nach Überlieferung inzwischen 61 oder 64 Jahre alt und zwischen 1,68 und 1,72 gross, wurde ein halbes Jahr später von einer militärischen Elitetruppe im mexikanischen Küstendorf Los Mochis gefasst. Auch da versuchte der «König der Tunnels», wie sie ihn in seiner Heimat zuweilen bewundernd nennen, wieder durch einen Geheimschacht zu entwischen. Der starke Regen zwang ihn ein paar Stunden später aber dazu, sein Kriechloch zu verlassen und aus dem Schacht direkt in die Arme der mexikanischen Justiz zu steigen.

«2000 bis 3000» Morde

Es war das vorläufige Ende des mächtigen «Kleinen», der auf Ersuchen der USA am letzten Amtstag von Obamas Präsidentschaft ins nördliche Nachbarland ausgeliefert worden ist und seither in einer Einzelzelle im New Yorker Stadtteil Manhattan auf seinen Prozess wartet. Guzmán, der nach eigenen Angaben «2000 bis 3000» Menschen töten liess und der in den USA in sieben Punkten angeklagt ist – darunter Führen einer kriminellen Vereinigung, Drogenhandel, Mord und Geldwäscherei –, wird heute Dienstag zum letzten Mal aus seiner Zelle ins nahe Gericht in Brooklyn chauffiert und angehört, bevor der Prozess am 5. November endgültig losgeht.

An der letzten Voranhörung vor dem auf 16 Wochen angesetzten Prozess wird es heute unter anderem um Guzmans Antrag gehen, in ein anderes Gefängnis verlegt zu werden. Er möchte seine Frau Emma (eine vormalige mexikanische Schönheitskönigin) sehen können, heisst es offiziell. Bisher konnte er sich mit ihr nur über Briefe unterhalten, die von der amerikanischen Justiz peinlich genau geprüft werden, bevor Emma sie zu Gesicht bekommt.

Der Grund dafür: Noch immer befürchten die amerikanischen Richter, dass «El Chapo» in seinen Briefen geheime Botschaften an seine Ex-Kumpanen beim Sinaloa-Kartell versteckt. Das Kartell, das den Drogenhandel entlang der gesamten mexikanischen Westküste kontrolliert und jährlich nach Schätzungen der US-Justiz bis zu drei Milliarden Dollar Umsatz macht, ist einer der Hauptlieferanten von Kokain und Marihuana für den US-Markt und ist mutmasslich verantwortlich für einen wesentlichen Teil der rund 200 000 Morde, die seit dem Beginn des mexikanischen Drogenkriegs 2006 verübt worden sind.

Guzmán hat das Kartell seit den 90er- Jahren geführt. Der Sohn eines Viehzüchters wuchs in ärmlichen Verhältnissen im mexikanischen Hinterland auf und verliess nach drei Jahren die Schule. Früh begann er, mit seinen Cousins Marihuana anzupflanzen, und koordinierte bald schon Kokainflüge aus Kolumbien nach Mexiko. In den 80er-Jahren arbeitete sich der Halb-Analphabet zum Logistikchef der kriminellen Mega-Unternehmung herauf.

Sean Penns umstrittene Rolle

«El Chapo» überstand mehrere Mordkomplotte und schaffte es 2009 auf die «Forbes»-Liste der 50 einflussreichsten Menschen der Erde. Sein Vermögen wird auf rund 500 Millionen Dollar geschätzt. Viel nützen dürfte ihm das Geld allerdings nicht mehr. Vielleicht war es sogar der Reichtum, der ihm letztendlich zum Verhängnis geworden ist. «El Chapo» sehnte sich angeblich nach einem Leben, wie es die Schönen und Reichen in den bittersüssen mexikanischen «Telenovelas» lebten. Er verguckte sich in die Schauspielerin Kate del Castillo, einen mexikanischen Telenovela-Star, und wollte sie 2016 unbedingt treffen. Castillo willigte ein, unter der Bedingung, dass sie den amerikanischen Schauspielerkollegen Sean Penn mitbringen dürfe. Penn hatte vor, für das Magazin «Rolling Stone» ein Interview mit dem Verbrecher zu führen, um in seiner Heimat eine Debatte über die Verantwortlichen für den Drogenkrieg zu lancieren. Penns Artikel erschien einen Tag nachdem Guzmán im Januar 2016 gefasst worden war.

Vertreter der mexikanischen Justiz behaupteten nach der Verhaftung von «El Chapo», dass Penns Recherchen wesentlich zur Ergreifung des Verbrechers beigetragen hätten. Anhand der SMS, die «El Chapo» seiner verehrten Kate del Castillo geschickt hatte, habe man dessen Aufenthaltsort herausfinden können. Penn wehrte sich heftig gegen die Vorwürfe und sagte öffentlich, der mexikanische Justizapparat wolle ihn in Gefahr bringen, weil man sich dafür schäme, Guzmán nicht schon früher gefunden zu haben.

Guzman dürfte in Zukunft viel Zeit haben, um über die Umstände seiner Verhaftung nachzudenken. Dass er je wieder freikommt, ist unwahrscheinlich. Es sei denn, seine Tunnel-Profis finden einen Weg, auch die New Yorker Justizanstalt zu untergraben. Doch amerikanische Böden sind – was das anbelangt – bekanntlich weniger porös als mexikanische.