Nord- und Südkorea
Drei Tage für ein Leben: Getrennte Familien dürfen sich wiedersehen – aber nur wenige ausgewählte

Ausgewählte Familien, die seit Jahrzehnten getrennt sind, können sich für kurze Zeit wiedersehen. Eine umstrittene Aktion, die viele Menschen unglücklich macht

Felix Lee, Peking
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Nach Jahrzehnten wieder gesehen Familienangehörige aus Nord- und Südkorea.O. Jong-ChanGetty Images

Nach Jahrzehnten wieder gesehen Familienangehörige aus Nord- und Südkorea.O. Jong-ChanGetty Images

O. Jong-Chan/Getty Images

Shim Gu-seop war 14, als der Bürgerkrieg 1950 auf der koreanischen Halbinsel ausbrach. Seine Eltern, die in einem kleinen Dorf auf der heutigen nordkoreanischen Seite lebten, hatten ihn wenige Monate zuvor auf eine höhere Schule in Seoul geschickt. Vier Millionen Menschenleben kostete der Krieg, Hunderttausende Familien wurden auseinandergerissen – Ehepaare, Schwester und Brüder, Eltern und Kinder, die seitdem keinen Kontakt mehr miteinander hatten. Auch Shims Familie.

Jahrzehnte später, als Shim 58 war, erhielt er von seiner Schwester einen Brief. Die Mutter sei bereits 30 Jahre zuvor verstorben, schrieb ihm die Schwester. Sie und die Brüder seien aber noch da. Seit dem Ende des Koreakriegs 1953 hatte er nichts mehr von seinen Geschwistern gehört. «Nachdem ich den Brief der Schwester gelesen hatte, weinte ich tagelang», erinnert sich der heute 84-jährige Shim. Aus Trauer, aber auch aus Freude, von ihr ein Lebenszeichen zu erhalten.

Shim Gu-seop: «Nachdem ich den Brief der Schwester gelesen hatte, weinte ich tagelang.» Der heute 84-Jährige wurde als 14-Jähriger von seiner nordkoreanischen Familie getrennt, weil er in Südkorea studierte.

Shim Gu-seop: «Nachdem ich den Brief der Schwester gelesen hatte, weinte ich tagelang.» Der heute 84-Jährige wurde als 14-Jähriger von seiner nordkoreanischen Familie getrennt, weil er in Südkorea studierte.

Zwei Jahre später gelang es Shim, seinen Bruder wiederzusehen. Heimlich, in einer chinesischen Stadt an der nordkoreanischen Grenze, vermittelt über chinesische Mittelmänner. Denn die nordkoreanischen Behörden erlauben es ihren Staatsbürgern nicht, Kontakt mit Menschen aus Süd- korea aufzunehmen. Umgekehrt auch nicht. Drei Tage lang konnten sich die Brüder unterhalten, umarmen und lachen. «Beide haben wir unser Bestes gegeben, traurige Themen zu vermeiden», erzählt Shim. «Wir waren einfach nur glücklich, uns überhaupt gesehen zu haben.»

Direkte Kommunikation unmöglich

Bis heute ist jegliche direkte Kommunikation zwischen den beiden Koreas streng verboten. Anfang der 2000er-Jahre hatten sich die Beziehungen zwischen den Staaten während der sogenannten Sonnenscheinpolitik aber für einige Jahre verbessert. 20 offizielle Familienzusammenführungen haben seitdem stattgefunden. Sie hingen jedoch stets vom politischen Verhältnis zwischen den beiden Staaten ab. Das letzte Treffen fand 2015 statt.

Seit Jahresbeginn nähern sich die bei- den Koreas wieder an. Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un und Südkoreas Präsident Moon Jae In vereinbarten im April, erstmals seit drei Jahren wieder eine offizielle Familienbegegnung zuzulassen.

In dieser Woche ist es so weit. 89 Südkoreaner sind im Vorfeld ausgewählt worden. Sie dürfen für drei Tage über die Grenze und sich in einem Ferienresort im nahen Diamantengebirge Nordkoreas, ganz in der Nähe der entmilitarisierten Zone, mit ihren Angehörigen aus dem Norden treffen. 180 Senioren sind auf nordkoreanischer Seite ausgewählt. Bis Mittwoch werden sie insgesamt elf Stunden Zeit miteinander verbringen können. Eine zweite Familienzusammenführung ist für das kommende Wochenende für weitere 337 Familien vorgesehen.

Lotterie-Verfahren für wenige

Diese Zusammenführungen sind jedoch höchst umstritten. Die meisten der noch lebenden Angehörigen sind über 80 Jahre alt. Schon der Auswahlprozess ist für die Beteiligten mit viel Enttäuschung verbunden. Denn von den wahrscheinlich rund 70 000 noch verbliebenen Bewerbern auf südkoreanischer Seite wurden auch dieses Mal nach einem Lotterie- Verfahren nur einige tausend ausgewählt. Um zu prüfen, ob sie reisetauglich sind, mussten sie sich zudem einer ärztlichen Untersuchung unterziehen. Das hat die Zahl weiter reduziert. Auf nordkoreanischer Seite mussten wiederum die Verwandten ausfindig gemacht werden. Viele dürften es nicht mehr sein. Die Lebenserwartung in dem völlig verarmten Land liegt bei weniger als 70 Jahren.

Zumindest bei den vergangenen Malen war es so, dass Nordkorea diese hochemotionalen Begegnungen zudem propagandistisch ausschlachtete. Gespräche unter vier Augen waren für die Ausgewählten nur für wenige Stunden möglich. Den Rest der Zeit mussten sie sich der Propagandashow des nordkoreanischen Regimes unterziehen. Als einzige Intimität blieb den Familienmitgliedern, sich an den Händen zu halten, während sie bei laufenden Kameras an nummerierten Tischen sassen und von Blaskapellenmusik beschallt wurden.

Zu alt, um das Wunder zu erleben

Insgesamt 18 000 Koreaner haben seitdem an einer solchen Begegnung teilgenommen. Weitere rund 3750 Koreaner konnten mit ihren Angehörigen über Video-Schaltung in Kontakt treten. Die meisten Familien haben jedoch nicht mehr zusammengefunden. Nach Angaben des Roten Kreuzes sterben allein auf südkoreanischer Seite jedes Jahr rund 3600 Angehörige – zehn Südkoreaner pro Tag, die ihre Angehörigen nicht mehr sehen konnten.

Shim gehört auch dieses Mal nicht zu den Auserwählten. Und er hat auch nur wenig Hoffnung, dass er seinen Bruder jemals wiedersehen wird. Er weiss nicht einmal, ob er noch lebt. Nach der Rückkehr seines Bruders nach Nordkorea sei er von Sicherheitskräften verhaftet und in ein Arbeitslager für politische Gefange- ne gesteckt worden. Das ist mehr als 20 Jahre her. Gehört hat Shim seitdem von ihm nie wieder.

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