Nach Ausschreitungen
Die Toten Hosen demonstrieren in Chemnitz gegen Rassismus – 50'000 Besucher bei #wirsindmehr

Gegen Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Gewalt haben gut 50'000 Menschen am Montag bei einem Konzert in Chemnitz protestiert. Bands wie die Toten Hosen, Kraftklub, Materia oder Feine Sahne Fischfilet spielten unter dem Motto "#wirsindmehr" gratis in der drittgrössten sächsischen Stadt.

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50'000 Menschen besuchten das Open-Air-Konzert in Chemnitz gegen Fremdenhass und Gewalt. Mehrere Musiker und Bands, darunter die Toten Hosen, Marteria sowie Kraftklub hatten die Veranstaltung nach den Ausschreitungen in der sächsischen Stadt auf die Beine gestellt.
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Mit dem Konzert wollten die beteiligten Musiker ein lautes Zeichen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit setzen.
Am Abend war die Lage rund um das Konzert störungsfrei, wie eine Polizeisprecherin sagte.
Benefiz-Konzert in Chemnitz
Als Reaktion auf die Ereignisse der letzten Tage demonstrieren bekannte deutsche Künstler für Toleranz, Respekt und Menschlichkeit.
Mit dabei sind Die Toten Hosen, K.I.Z., Feine Sahne Fischfilet, Trettmann, Kraftklub, Marteria, Casper und Nura.
Jan „Monchi“ Gorkow der Band Feine Sahne Fischfilet steht bei einem Konzert unter dem Motto «#wirsindmehr» auf dem Parkplatz vor der Johanniskirche auf der Buehne
Stefan Richter von der Hip-Hop-Band Trettman.
Felix Kummer von der Band Kraftclub.

50'000 Menschen besuchten das Open-Air-Konzert in Chemnitz gegen Fremdenhass und Gewalt. Mehrere Musiker und Bands, darunter die Toten Hosen, Marteria sowie Kraftklub hatten die Veranstaltung nach den Ausschreitungen in der sächsischen Stadt auf die Beine gestellt.

KEYSTONE/EPA/JENS SCHLUETER

Die Veranstaltung war eine Reaktion auf den gewaltsamen Tod eines 35-jährigen Deutschen vor gut einer Woche sowie die folgende Vereinnahmung der Bluttat durch rechtspopulistische Kräfte wie Pro Chemnitz beziehungsweise AfD und Pegida.

Am Abend war die Lage rund um das Konzert störungsfrei, wie eine Polizeisprecherin sagte. Die Polizei in Chemnitz wurde nach den Angaben aus sechs Bundesländern und der Bundespolizei unterstützt. Eine genaue Anzahl der eingesetzten Beamten nannte sie nicht.

Lautes Zeichen setzen

Mit dem Konzert wollten die beteiligten Musiker ein lautes Zeichen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit setzen. "Wir sind nicht naiv. Wir geben uns nicht der Illusion hin, dass man ein Konzert macht und dann ist die Welt gerettet", sagte Kraftklub-Sänger Felix Brummer, der aus Chemnitz stammt, vor Beginn des Open Airs. "Aber manchmal ist es wichtig, zu zeigen, dass man nicht allein ist."

Zeitplan

- 17 Uhr: Begrüßung und Schweigeminute für Daniel H.

- 17.20-17.45 Uhr: Trettmann

- 17.55-18.25 Uhr: Feine Sahne Fischfilet

- 18.35-19.05 Uhr: K.I.Z

- 19.15-19.45 Uhr: Kraftklub

- 19.55-20.25 Uhr: Nura/Marteria & Casper

- 20.40-21.15 Uhr: Die Toten Hosen

Auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), der Kraftklub vor Monaten noch als "unmögliche linke Band" bezeichnet hatte, dankte der Band für ihr Engagement.

Der Rapper Marteria fühlte sich durch die Vorkommnisse in Chemnitz an die fremdenfeindlichen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen erinnert. Er habe damals 1992 in Rostock gewohnt und jahrelang damit zu kämpfen gehabt, dass Rostock als "Nazi-Stadt" abgestempelt gewesen sei. "Mir geht es darum, dass die Leute, die aus Sachsen, aus Chemnitz sind, auch sagen können: "Hey, ich bin aus Chemnitz", ohne dass gesagt wird: "Ah, musst Du also ein Nazi sein.""

Laut Tote-Hosen-Sänger Campino sind die beteiligten Bands heftigen Anfeindungen im Internet ausgesetzt. Auf den Facebook-Seiten gebe es "immense Shitstorms" gegen die Musiker, sagte Campino in Chemnitz. "Man muss schon ein dickes Fell haben um zu sagen: Ich gehe trotzdem nach vorne."

Am Rande des Konzertes sollten Spendengelder gesammelt werden. Nach Angaben der Organisatoren soll die Hälfte des Geldes der Familie des Getöteten zugute kommen, die andere Hälfte ist für antifaschistische, antirassistische und zivilgesellschaftliche Initiativen in Sachsen vorgesehen.

Kundgebung in Chemnitz
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 Polizisten stehen in der Innenstadt am Karl-Marx-Monument bei einer Kundgebung der rechten Szene, um ein Aufeinanderprallen von rechten und linken Gruppen zu verhindern. Nach einem Streit war in der Nacht zu Sonntag in der Innenstadt ein 35-jähriger Mann erstochen worden. Die Tat war Anlass für spontane Demonstrationen, bei denen es auch zu Jagdszenen und Gewaltausbruechen kam.
 Auch Gegendemonstranten haben sich versammelt.
 Auch Gegendemonstranten haben sich versammelt.
 Rechte Demonstranten halten vor dem Karl-Marx-Monument ein Plakat mit der Aufschrift "Kein Zutritt für Terror" hoch. Nach einem Streit war in der Nacht zu Sonntag in Chemnitz ein 35-jaehriger Mann erstochen worden. Die Tat war Anlass für spontane Demonstrationen, bei denen es auch zu Jagdszenen und Gewaltausbruechen kam. (KEYSTONE/DPA/Sebastian Willnow)
Chemnitz, Montagabend: Nach der Hatz auf Migranten am Wochenende kommt es erneut zu Zusammenstössen mit der Polizei.

Kundgebung in Chemnitz

Jens Meyer

Steinmeier unterstützt Konzert

Vor dem Open-Air-Konzert kritisierten CDU-Politiker die Unterstützung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier für die Veranstaltung. "Ich halte das für sehr kritisch", sagte Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer der "Welt" (Montag). Wie zuvor ihr Parteikollege Philipp Amthor monierte sie, dass Steinmeier die Ankündigung der Veranstaltung auf seinem Facebook-Account geteilt hatte.

Der Verfassungsschutz in Mecklenburg-Vorpommern hatte die teilnehmende Punkband Feine Sahne Fischfilet zeitweise wegen "linksextremistischer Bestrebungen" im Blick, seit längerem jedoch nicht mehr. In einem früheren Lied hatte sie Gewalt gegen Polizisten besungen.

"Wenn man sich gegen Faschismus ausspricht und gegen Rassismus auf die Strasse geht, ist man nicht gleich ein Linksextremist", sagte Felix Monchi von Feine Sahne Fischfilet vor Konzertbeginn. Ohnehin gebe er nicht viel auf den Verfassungsschutz. "Das ist doch die Behörde, die den NSU mit ermöglicht hat."

Vor dem Konzert hatte die Stadt Chemnitz zwei Kundgebungen gegen das Konzert untersagt. Die fremden- und muslimfeindliche Thügida wollte sich in unmittelbarer Nähe zum Veranstaltungsgelände unter dem Motto "Gegen antideutsche Kommerzhetze" versammeln. Begründet wurde die Absage damit, dass die Veranstaltungsfläche bereits belegt sei. Mit dem gleichen Argument wurde auch eine Kundgebung von Pro Chemnitz erneut vor dem Karl-Marx-Monument untersagt.

51 Ermittlungsverfahren

Im Zusammenhang mit den Protesten und Demonstrationen in Chemnitz gibt es bisher 51 Ermittlungsverfahren. In den meisten Fällen sind die Tatverdächtigen vom 26. und 27. August unbekannt, wie ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Dresden mitteilte.

Es gehe um das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen wie den Hitlergruss, Körperverletzung und versuchte gefährliche Körperverletzung, Verdacht des Landfriedensbruchs, Beleidigung sowie gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr durch Blendung der Piloten von Polizeihelikoptern mit Laser-Pointern.

Politiker, darunter Kanzlerin Angela Merkel, hatten nach den Auseinandersetzungen vor "Hetzjagden" gewarnt. Bei den Auseinandersetzungen hatte es am Montag vergangener Woche mindestens 20 Verletzte gegeben.

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